Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 10. Samstag. Das zweite Wochenende. Zwölf Wochen sind es insgesamt, eine ist um, am Sonntag sind es anderthalb. Ein Zwölftel, zwei Vierundzwanzigstel. Ich stelle mir einen Adventskalender vor: Eine halbe Woche ist ein Türchen. Anderthalb Wochen – das sind drei Türchen. Mir wird bewusst, dass ich gerade nicht weiß, ob ich Türchen öffne oder schließe. Sie zu öffnen, hieße, etwas Neues zu entdecken. Sie zu schließen, bedeutet, ein Teilstück auf meiner Reise abgeschlossen zu haben. Irgendwie passen beide Bilder.
Beim Schreiben dieser Zeilen nage ich an einer fast brettharten Printe. Da in elf Monaten Weihnachten ist, scheint mir das passend. Außerdem kostete die Packung nur 50 Cent. Die Aachener Printen sind sozusagen die Antithese zu den zerfallenden Nudeln im Mittagsgericht. Im statistischen Mittel ist beides al dente.

Ich beobachte, dass ich, seit ich hier bin, vergesslicher werde. Ich gehe ohne Handtuch zum Duschen. Oder muss vom Pfleger an die Einnahme einer Tablette erinnert werden. Zwei Mal stand ich vorm Supermarkt, um dann festzustellen, dass ich gar kein Geld dabei habe – kein Portemonnaie, keine Karte, nicht einmal Münzen in der Hosentasche. Wir sind angehalten, unser Geld wegzuschließen, da kann das passieren. Aber gleich zwei Mal in fünf Tagen?! Meine Reaktion darauf: Ich zucke mit den Schultern und genieße einfach den weiteren Spaziergang in der Abendkälte. Faszierend finde ich, dass ich zwar konfuser werde, aber mich darüber nicht aufrege. Früher, also in der Zeit vor Tag 1, hätte ich, je nach Stresslevel, entweder mich verflucht oder mit dem Schicksal gehadert.

Wir sollen hier unter anderem lernen, Entscheidungen und Gefühle weniger von der Meinung anderer abhängig zu machen. Wenn man einer der ganz wenigen Fleischfresser unter lauter Veganern ist, ist das gar nicht ganz so einfach. Andererseits ist Rücksichtnahme eine Kultereigenschaft, die uns über das Barbarentum erhebt. Und so fand ich am Donnerstag eine Art Kompromiss und habe in unserer Gemeinschaftsküche heimlich (!) ein saftiges Rindersteak gebraten und vor dem Abendessen vertilgt. Nun, ganz heimlich nicht: Einem hereinkommenden Mitpatienten musste ich versprechen, dass er das Blut vom Abtupfen nicht sehen wird. Ein anderer wollte noch schnell vor mir sein Tofu-Geschnetzeltes in der Pfanne abbraten. Und dann stürzte noch eine der Pflegerinnen herein, die das Fenster aufriss und die Dunstabzugshaube anwarf (ich hatte den Knopf nicht gefunden), um das Aufbrüllen des Rauchmelders zu verhindern. Ganz unbemerkt blieb ich also nicht. Aber können Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich vorstellen, was für eine diebische Freude einem so ein klammheimlich verdrücktes Steak bereiten kann? Etwas Erlaubtes einfach mal verstohlen zu handhaben? (Und ja, allen Umständen zum Trotz war das Steak sogar perfekt gelungen.)

Mitte der Woche hat sich die Dynamik unserer Gruppe schlagartig verändert. Die zwei Dominantesten verließen uns. Einer hatte das letzte Türchen seines Kalenders geöffnet, die andere ging im Zwist, weil die Ärzteschaft ihr nicht die Therapie genehmigen wollte, die sie selbst für sich als richtig erachtet hat. Ich half den beiden, Beutel um Beutel und schließlich sogar einen Monitor hinaus in das Auto zu tragen. Dann waren sie weg. Und auf einmal kamen auch die leisen Stimmen zu Wort. Und fanden Gehör. Was die An- und Abwesenheit einzelner Menschen bewirken kann, war mir noch nie so deutlich aufgefallen. Obwohl, doch: Die meisten kennen sicher das Gefühl, dass es sich entspannter arbeitet, wenn der Chef nicht im Haus ist.

Am Donnerstag hatte ich mein erstes Einzelgespräch. Es war ein bisschen wie ein Kennenlernen. Ich gab zu, dass ich mich unter all den jungen Mitpatienten mit ihren schwerwiegenden Problemen fehl am Platze fühle – so krank wie die sei ich doch gar nicht. Nie bin ich vor irgendetwas davon gelaufen, habe mich immer durchgebissen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz und so. „Und doch sind Sie hier,“ sagt die Therapeutin. „Und doch bin ich hier“, bestätige ich. „Und das ist gut so“, sagt sie. „Und das ist gut so“, stimme ich zu.

Der Freitag ist kalt. Nicht nur von den Temperaturen her, alles fühlt sich kalt an. Kalt und klamm. Wolken haben den Himmel verhangen. Die Luft ist feucht. Es ist eine Kälte, die in Ärmel und Hosenbeine kriecht, über den Hals den Rücken entlang. Es ist eine Kälte, die sich nur vertreiben lässt, wenn man sich bewegt.
Das machen wir am Nachmittag mit der obligatorischen Wanderung, die überwiegend durch den Wald führt. Dabei finden sich immer neue Pärchen für Gespräche. Mit dem einen Mitpatienten rede ich übers Wandern, eine andere erzählt von ihrem Hund, den sie als traumatisierten Einjährigen aus dem Tierheim geholt hat. Mit dem Dritten tausche ich mich über Science-Fiction- und Fantasy-Romane aus. Er ist überrascht, dass ich als Fußballtrainer solche Bücher lese, und vor allem so viele. Dann stellen wir fest, dass wir auch viele Filme gleichermaßen schätzen und geben uns gegenseitig Empfehlungen. Mit der Vierten spreche über die Geschichte des östlichen Mittelmeerraums. Sie studiert Geschichte des Mittelalters, ich habe Arabistik studiert. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Es ist dunkel, als wir an unserem Haus ankommen. Niemand friert mehr.
