Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
42 von 84 Tagen sind nun um. Sechs von zwölf Wochen. Halbzeit.

Am vergangenen Wochenende verbreiteten meine Mitgefangenen passend zum Dauerniederschlag eine Stimmung wie drei Tage Regenwetter und machten die entsprechenden Gesichter dazu. Für mich ist der Blick aus dem Fenster aber noch lange kein Grund drinnen zu bleiben! Ich nehme meinen Schirm und mache mich zum Sonntagsspaziergang auf – und das erstmals ohne Winterkleidung. Auch wenn ich in der dünnen Outdoorjacke nicht friere, werden die Finger, die auf der einen Seite den Schirm und auf der anderen das Handy halten, durch den Wind und Nieselregen ziemlich klamm.

Ich nutze die Runde zum Telefonieren, wobei ich zwischenzeitlich immer mal auf Lautsprecher stelle, um ein paar Fotos zu machen. Die Erde ist tiefschwarz und mit Wasser vollgesogen. An der fast eisfreien Altelbe haben sich Möwen niedergelassen, die krakeelend die Nachbarschaft belästigen. Die Spatzen ziehen sich ins Geäst der Bäume zurück, die Rehe ins dichte Gehölz. An den Zweigen hängen dicke Tropfen. Die Krähen stolzieren über die Wiesen wie mürrische Lehrer, die Schüler bei der schriftlichen Prüfung überwachen. Es gibt hier jedesmal so vieles Neues zu entdecken, und selbst das Bekannte verändert sich im Wechselspiel von Licht und Schatten, Wind und Nebel, Regen und Schnee ununterbrochen.

Die meisten meiner Mitpatienten haben dergleichen nie gesehen, da sie lieber im Haus bleiben. Ihnen genügt das Konstrukt, die Blase, in der sie während des Aufenthalts stecken. Die Therapeuten sagen, dass wir miteinander reden sollen – und wo und wann könnte man das freier und unbeschwerter tun als im Gehen?
Meine Frau und ich haben das irgendwann für uns entdeckt: Während wir am Essenstisch meist über Belangloses sprechen oder schweigen, quillt uns, sobald wir nebeneinander hergehen, der Mund förmlich über.
Doch ich bin nicht der Therapeut meiner Leidensgenossen. Ich kann ihnen das nicht verordnen. Wahrscheinlich bin ich eher der Spiegel, in den sie nicht zu blicken wagen.

Mit einem Freund spreche ich am Telefon über Gott und die Welt, wie man so schön sagt. Und über die Bücher, die ich gerade lese: „Krieg und Frieden“, „Das Neue Testament“ und dazu immer ein Thriller, der kein Nachdenken erfordert. Schon eine eher schräge Mischung, wobei ich Tolstoi am ödesten finde. Zumal der Ausgang des Krieges gegen Napoleon bekannt ist und all die Adligen mit ihren Problemen und Gefühlsregungen eigentümlich blass bleiben. Ich finde niemanden, dessen Schicksal mich wirklich berührt.

Zurück in der Anstalt blicke ich auf die Liste, in der wir Ausgang vom und Rückkehr zum Klinikgelände dokumentieren – fast zwei Drittel der Einträge stammen von mir. Am Nachmittag trage ich mich gleich wieder aus und drehe eine Runde durch die verregneten Flure. Der Schirm kämpft gegen den böigen Westwind. Auf den Feldern und Wiesen schnattern Wildgänse, die nach Nahrung suchen.

Wieder im Heim passiert mir beim Griff zum Wasserkocher ein Kurzschluss: Nach einem dumpfen Knall sind im Erdgeschoss die meisten Steckdosen im Erdgeschoss lahm – und damit auch Herd, Geschirrspüler, beide Kühlschränke und der Wasserspender. Zum Sicherungskasten hat nicht einmal die Pflegerin Zugang, doch nach einem Anruf in der Zentrale erscheint ein Handwerker, der genau weiß, was zu tun ist. Eine Notlösung für die Kühlschränke brauchen wir also nicht. Die Pflegerin stellt verzweifelt fest, dass so etwas immer ihr passiert, und erinnert an einen anderen Problemfall vor ein paar Wochen. Ich verkneife mir den Spruch, den wir Patienten bei Selbstvorwürfe hier regelmäßig zu hören bekommen: „Sie hadern mit sich selbst? Besprechen Sie das mal mit Ihrem Therapeuten.“

Am Montag folgen auf weitere schwere Regenfälle sonnige Stunden, begleitet von einem famosen Spiel aus Wolken und Licht, das sich in den großen Pfützen spiegelt. Ich erfreue mich an dem Baum, den ich „Drachen“ nenne: Der Rest eines abgebrochenen Astes ist das grimmige Haupt, zwei kräftige Äste voller Zweige sind die drohend aufgerichteten Flügel. Wahrlich beeindruckend. Und es gibt aus der Klinik endlich mal gute Nachrichten: Alle Therapeuten sind wieder im Dienst, so dass keine Einheit ausfallen muss.

Am Dienstag ist bei unserer verpflichtenden Gruppenwanderung das Tempo ungewöhnlich moderat, so moderat, dass ich knurrig werde. Die Patienten aus Haus 102, mit denen wir gemeinsam unterwegs sind, schwatzen wie aufgeregte Pfadfinder auf einem Kirchentag. Obwohl wir so gemächlich vor uns hin schreiten, sieht einer der älteren Neuzugänge aus unserem Haus extrem erschöpft aus, was mich sehr verwundert. Nie im Leben kann der Fitnessunterschied zwischen ihm und mir so groß sein, denke ich. Aber im Anschluss spricht ein Vierundzjähriger das für die anderen wohl Offensichtliche aus: „Für mich war das Tempo anstrengend, aber okay. Doch du hast dich so mühelos zwischen hinten und vorn bewegt, dass es aussah, als könntest du ohne Probleme noch schneller gehen.“
Ich beobachte, dass ich mich insgesamt wieder etwas aus der Gruppe zurückziehe. Als wäre sie mir zu klein, zu beengt geworden.
Den ersten Teil des Wegs war ich in gedrückter Stimmung und in Gedanken versunken. Ich dachte an liebe Verstorbene und daran, wie sehr ich die Schwiegeroma vermisse. Als ich für sie und die anderen Seelen ein Bittgebet sprach, kamen mir Tränen.
Was passiert hier mit mir?
Da die Hälfte meines Klinikaufenthalts vorbei ist, ziehe ich ein Fazit. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer ich bin, wer ich sein kann oder wer ich sein werde – beziehungsweise sein will. Alles ist so verwirrend, so intensiv, so echt. Sind das Schichten, die da gerade abblättern? Und darunter – was liegt da verborgen? Ein Schwan? Ein Welpe? Ein Troll? Ist es groß oder klein? Ängstlich oder neugierig? Empathisch oder egoistisch? Voller Licht oder Schatten? Wird es belastbar sein?

Am Abend gehe ich mit einem Mitpatienten in unseren Fitnessraum, den ein Fünfundsiebzigjähriger mit viel Liebe und Engagement ehrenamtlich betreibt. Wie er sich freut, sobald wir, seine beiden Stammgäste, erscheinen! Zum Abschluss überrede ich meinen Partner, der mehr Wert auf die Geräte legt, zu Übungen mit bloßer Körperkraft. Ich erzähle ihm, dass er deutlich mehr schaffen würde, wenn er den Kopf beschäftigt, zum Beispiel mit dem Lösen von Rechenaufgaben oder dem Rezitieren von Gedichten.
Beim Hocken mit angewinkelten Beinen, den Rücken an die Wand gepresst, entscheiden wir uns für das Gedicht. Wir schwitzen. Die Oberschenkel zittern. Ich schmettere mit der Inbrunst des gequälten Körpers den „Zauberlehrling“. Neben uns sitzt ein Mittsechziger an einer Kraftmaschine. Er nimmt die Kopfhörer aus den Ohren und lauscht mit einem breiten Lächeln. Als wir fertig sind, bedankt er sich begeistert: so etwas habe er noch nie erlebt.

Am Mittwoch beschreiben mich Mitpatienten im Gruppengespräch als einen Beobachter. Aufhänger war die Maltherapie vom Montag, bei der wir unseren aktuellen Zustand und unser Befinden bildlich darstellen sollten. Ich hatte mich auf einen löchrigen, alten Zaun gestützt gemalt, über den ich entspannt lächelnd blicke. Ergänzend füge ich in der Analyserunde hinzu, dass ich nicht weiß, ob ich aus etwas hinaus oder in etwas hinein schaue, mir das auf der anderen Seite aber gefallen würde – daher das Lächeln. Und, dass ich den Zaun jederzeit überwinden könnte. Ein Patient, der mit mir öfter nach den Therapieeinheiten und am Wochenende wandern war, schüttelt den Kopf: Frank? Lediglich Beobachter? Nie im Leben.

Wer sich bei einem gemeinsamen Spaziergang mit mir am Funkeln der Natur erfreut, wer meine vielen Fotos betrachtet oder mich aus „Hamlet“ oder den „Zauberlehrling“ rezitieren hört, könnte viel über mich erfahren und müsste mich nicht in Schubladen stecken. Nun gibt es, wie ich weiß, nicht nur eine Holschuld, sondern auch eine Bringschuld. Nur verspüre ich überhaupt kein Interesse an Trash-TV, endlosen Spielerunden, an Raucherpausen, am Lungern auf dem Sofa oder dem Suhlen in Selbstmitleid. Ständig möchte ich die jungen Leute schütteln und den großen Philosophen Beckenbauer zitieren: „Geht’s raus und spielt’s!“ Aber die Mühe lohnt nicht.
Und überhaupt: Ich muss hier nicht die Welt retten, sondern nur mich selbst.

Zeit für meinen Spaziergang. Es ist kalt. Die Sonne strahlt. Zwei junge, kichernde Mädchen rollen ohne Jacke auf Inlineskates an mir vorbei. Drei Tauben fliehen erschrocken – wie Patienten, die vom Pfleger bei etwas Verbotenem ertappt wurden. Viele sind mit ihrem Hund unterwegs. Seit sechs Wochen streife ich nun schon durch den Ort, aber noch nie sind mir so viele Halter mit ihren Tieren begegnet. Wo waren die Vierbeiner eigentlich den Winter über? Bei den Vögeln geht es rund wie bei Tinder: Amsel, Meise und Spatz trällern lauthals ihre Inserate in die Frühlingsluft: „Kinderlieber Mann mit Eigentumsnest sucht Partnerin.“
Und dann ist wieder Patientenabend. Heute mit Stockbrot an der Feuerschale.
