Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Die sechste Klinikwoche hat begonnen. In der Teamvisite eröffnet der Oberarzt meine persönliche Gesprächsrunde mit der Frage, wie es mir geht. Mit einem Lächeln antworte ich: „Es geht mir gut“ und schaue ihn, die zwei Therapeuten und die Vertreterin der Pflege nacheinander an. Dann schweige ich. Diesmal unterbricht der Arzt das Schweigen: „Sie sagen ja gar nichts?“ – „Nein. Es geht mir gut.“ Ich überlege kurz: „Ich fühle mich wohl hier. Der Aufenthalt tut mir gut.“ Alle lächeln mich an. Ich lächle zurück. „Das ist gut“, sagte der Oberarzt. „Ja“, bestätige ich. Dann stelle ich noch eine Frage und erhalte die Antwort. Damit bin ich heute von allen, die nacheinander zum Gespräch hereingerufen werden, am schnellsten fertig.

Der Donnerstagmorgen beginnt wie gewohnt mit einer Musikeinheit. Fünfundzwanzig Minuten lang singen wir aus dem „Therapeutischen Gesangsbuch“. Etwa vierzig Liedtexte stehen zur Auswahl – von Kinder- und Volksliedern über Schlager und deutschen Pop bis hin zu englischsprachigen Klassikern. Heute schaffen es neben den unvermeidlichen „Bella Ciao“ und „Auf der Mauer, auf der Lauer“ unter anderem Die Ärzte, Fools Garden und Udo Jürgens auf unsere Liste. Von unseren drei Neuzugängen (es kam noch jemand in dieser Woche) stimmt einer kräftig ein, der zweite eher zaghaft, der dritte gar nicht. Ob meine eigene Stimme angenehm klingt, kann ich nur schwer beurteilen, was mich aber nicht davon abhält, fleißig mitzusingen – was hier drinnen passiert, bleibt hier drinnen.

Am Mittwoch ist wie immer Patientenabend. Dieses Mal tragen wir zufällig ausgewählte, uns völlig unbekannte Präsentationen aus dem Internet vor. Ich melde mich freiwillig für den ersten Beitrag. Es geht um Italian Brainrot, einen TikTok-Trend, in dem KI-generierte Figuren in absurden Szenen italienische Klischees verkörpern. Jede Folie bringt eine Überraschung, jede Figur ist Neuland für mich. Immerhin weiß ich jetzt, was die Kids beim Fußballtraining meinten, wenn sie sich gegenseitig als „Bombardino Crocodilo“ (eine Kreuzung aus Krokodil und Kriegsflugzeug), „Tralalero Tralala“ (ein dreibeiniger Hai mit Turnschuhen) oder „Ballerina Cappuccina“ (eine tanzende Cappuccino-Tasse) bezeichneten. Mein Publikum grölt, und auch ich habe so viel Spaß, dass ich gleich zwei weitere Male auftrete.

Erstaunt stelle ich fest, wie sehr mir das Blödeln liegt. Ich verspüre kein Lampenfieber, nur Vorfreude. Ich frage mich, ob ich tief in mir schon immer so war: schlagfertig, extrovertiert und offen für Neues – und wo und wann das verloren ging. Aber vielleicht spielt das ja keine Rolle mehr, denn jetzt fühle ich mich so frei, dass ich einfach Unbekanntes ausprobiere und sogar Freude daran habe – so wie auch beim Singen von Sinatra-Klassikern bei den Karaoke-Abenden.

Ansonsten zieht es mich weiterhin nach draußen. Es hat nochmal geschneit, alles ist weiß gezuckert. Die Luft ist frei vom Nebel und klar. Immer stärker dringt die Sonne hervor und schiebt die Wolken beiseite. Es ist ein Licht, das mich jedes Mal aufs Neue bannt.

Und wo wir schon bei Neuem sind: Während die alteningesessenen Patienten nur noch grinsen, wenn ich einen Spaziergang vorschlage, kommen zwei der Neuen öfter von sich aus auf mich zu und fragen, ob ich Lust hätte, mit ihnen eine Runde zu gehen.

Und so zeige ich, die wandelnde Landkarte, ihnen die schönen und verfallenen Ecken, führe sie zu Friseur, Zahnarzt oder Apotheke, bringe sie ans Ufer und aufs Eis der Altelbe oder betrachte mit ihnen den Sternenhimmel.
Nebenbei tauschen wir Lebensgeschichten aus, und sie erzählen mir, dem erfahreneren Klinikgast, von ihren Ängsten in Bezug auf den Aufenthalt hier. Diese Gespräche scheinen dazu beizutragen, dass sie langsam heimisch werden.
Oh Mann, wie schräg ist das denn! Bin ich wirklich noch Ich?! Derselbe, der sich vor sechs Wochen von der Hausärztin bestätigen lassen musste, dass es nicht schlimm ist, hierher zu kommen?
