Christoph Sanders, Lahntalklinik Bad Ems
Der Mittwoch vorfrühlingshaft mit feuchter Atlantikluft und leichten Schauern. Nach den Ergometereinheiten in den Waschkeller. Das Training in der Turnhalle schließt den Morgen ab. Am Nachmittag Physio und Lymphdrainage. Wirksame Stabilisierungsübungen auf dem Trampolin; das Tiefengewebe um die Prothese muss angebaut werden. Danach eine Stunde weggepennt, was sehr nötig war. Ich entdecke auf einem Zeitungsfoto des Technikmuseum Dessaus die Skulptur, die später abstrahiert zum Emblem der Junkers-Werke wurde – unverkennbar eine Anlehnung an Fidus‘ Bild „Lichtgebet“! Wie auch heute gab es damals eine oft kultische Verehrung der Technik, von der man sich die Verbesserung des Daseins erhoffte, die Erfüllung eines Menschheitstraums. Im Pokal Bayern gegen RB, Familientelefonat, weiter im Nabokov-Buch über Gogol. Der große Sendemast jenseits des Rheins leuchtet mit sieben roten Lichtern.

Donnerstagvormittag Bewegungstraining im Freien. Es hat aufgehört zu regnen. Die Dame, die unsere Treppensteigübungen anleitet, trägt heute Federn, einen Voodoo-Hut, ein Jägerfrack mit buntem Patronengurt, grünkarierte Stiefeletten und ist im Gesicht weiß geschminkt. Wir Patienten haben Trainingsanzüge an und folgen ihr im Ententrab. Zurück in der Klinik, sehe ich eine schmale Gestalt mit riesigem schwarzen Hexenhut und einem schönen dunkelgrünen Samtanzug. Mein Masseur hat eine blonde Zopfperücke auf und ein knöchellanges blaues Kostüm an. Er sagt, er sei „Brünhilde“ und erklärt mir die Voodoo-Priesterin als „Mad Hatter“ aus „Alice im Wunderland“ – um 11:11 Uhr begann auch hier in der Klinik der rheinische Karneval. Ganze Abteilungen sind durchkostümiert.

Davor am Morgen Lymphomat und Ergometer. Dabei schaue ich ein Frühstücksmagazin. Leider mit Ton. Ein Koch bereitet Schweinefilet zu: „Das sind 707 Kalorien!“ Wie von Zauberhand tauchen immer neue Pfannen, Tiegel, Töpfe und Zutaten auf. Fünf Wirsingblätter werden bei 140 Grad im Ofen vorgegart und dann blanchiert – was für ein Aufwand! Was das Ganze insgesamt an Zeit und Geld kostet, wird komplett unterschlagen. Was ich hier vom Fernsehprogramm mitbekomme, ist eine vollkommene Selbstaufgabe mit erwartbaren Satzbausteinen, Mimikelementen und Drehbüchern; das Ausmaß an körperlicher und psychischer Gewalt ist erschütternd. Es werden kaum noch Filmklassiker oder Schätze aus den eigenen Archiven ausgestrahlt. Ich habe in der Klinik eine Postkarte von der Klinik gefunden – leider kein Karton, aber es gibt sie noch, die Postkarten.

Sehr gute Individualübungen beim Physiotherapeuten. Es müssen neben dem Tiefenaufbau des Gewebes die Automatismen für die Muskelsteuerung neu erlernt werden. In dem Zusammenhang stehen auch meine Hämatomreste, die sich, wie mir gesagt wird, plötzlich („Plupp“) verflüchtigen würden. Gestern völlig groggy, heute besser.
In der Mittagspause Johnny Guitar Watsons zeitloser „Superman Lover“ und ein Powernap. Danach zum Gruppentraining. Später ein Abendspaziergang bei untergehender Sonne und atlantischem Tiefdruck. Ich studiere die Bewegungen im Unterholz, entdecke Kohlmeise, Buchfink und ein hübsches Exemplar der Tannenmeise.

Am Freitag reißt nach dem Gruppensport gegen zehn der Himmel auf – sehr schöne Lichtstimmung auf den Hügeln ringsum. Ich taste mich mit den Therapeuten so langsam an die Gehbewegung heran. Bin erschöpft, also Mittagsschlaf. Am Nachmittag nutze ich den Haus-Service und fahre mit den Klinikbus in die Innenstadt. Ein weiteres gutes Gespräch im Showroom von meinweiß. Designerin Andrea Jacobi lässt meinen Traum zerplatzen, mir ein Radtrikot im alten Stil schneidern zu lassen – man kann das nicht einfach so aus engmaschigen Wollstreifen zusammennähen. Dann im Rewe Ingwer, Kurkuma, schwarze Nussschokolade und Birchermüsli gekauft. Mit der Standseilbahn zurück zur Klinik, wo der Flurfunk berichtet, dass zwei Patienten wegen Covid die Heimreise antreten mussten. Das Nebenzimmer, in das die Isolierten kommen, darf nur vom Personal betreten werden. Meine Älteste liegt nach der Klausur ausgeknockt in Spandau im Bett und kommt kaum noch heraus, auch Vater und Sohn Jacobi krank. Es spricht also alles für eine weitere Welle. Ich nutze den Standortvorteil und lasse valide Tests machen. Das Wetter ab Abend regnerisch durchwachsen, aus dem Tal steigt Nebel auf. Das Hausbarometer zeigt 1000 Hektopascal und 10 Grad Celsius an.
