Christoph Sanders, Thalheim
Sonniger Dienstag mit Frost. Am Morgen Termin bei meinem Arzt, der als Boat-People-Baby aus Vietnam in die BRD kam. Das Werder-Bremen-Trikot, das ich ihm mal schenkte (ein Meisterschaftsstern), ist hinter seinem Chefsessel aufgespannt. Lebhaftes Gespräch über den möglichen Therapieverlauf und Heilungsprozess – sowie meine Fähigkeit, andere Menschen durch Hibbeligkeit zu verwirren, was sich nach dem Unfall vermutlich noch verstärkt hat. Klar, wenn man von einem Moment auf den anderen an Bett und Stuhl gekettet ist. Er begutachtet meine dreißig Zentimeter lange Narbe, benennt das Problem, dass zuerst der Längsbruch des Oberschenkels verheilen, gleichzeitig aber die Hüfte belastet werden muss. Ich soll hin und her gehen, die Streckenlänge allmählich steigern, Treppensteigen ist okay als Training. Die neuen Hüftgelenke müssen nun anwachsen.

Am Nachmittag ein girls made Caesar salad, China Oolong und Familienbesprechung der Weihnachtsgeschenke. Treppensteigen über zwei Etagen als mein neuer Indoor-Sport, dabei beachten, dass der Oberschenkelbruch nur zwanzig Kilogramm Druckbelastung aushält. Muss mich insgesamt erst einmal an all die ungewohnten Bewegungsabläufe und Körperzusammenhänge (Schenkel – Hüfte) gewöhnen. Tageserfolg: Ich habe die Flexion meines verletzten Beins erhöhen können. Am Abend die tägliche Thrombosespritze.

Auch am Mittwoch ist die Stunde nach dem Aufstehen die härteste: Schmerzen beim Hinsetzten, beim Stehen, bei jeder Fehlbewegung. Dumme Meidhaltungen. Ich brauche zehn Minuten für das Anziehen einer Socke. Rudimentäre Waschungen, Frühstück zubereiten – alles einhändig. Ich gehe rüber zur Senchadose, der Schmerz kommt mit, verfolgt mich. Sehr erschöpfend, aber es ist wieder etwas geschafft. Kleine, schöne Runde zu den Vögeln im Garten. Unsere Hagebutte leuchtet rostig, die Frostäpfel dahinter hat, als ich in der Klinik war, niemand angetastet. Seit dem Unfall verspüre ich eine Verschärfung meiner Geruchswahrnehmung. Ich vermute dahinter eine Aktivierung des limbischen Warnsystems: Gerüche, die als potenziell bedrohlich eingestuft werden (Fäulnis und Fäkales), lösen Alarm aus. Auf der anderen Seite dann der Wohlgeruch einer Mandarinenschale, wie er auch im Duft Habit Rouge aus dem Hause Guerlain anklingt. Meine kleine Parfumsammlung ist überhaupt die reinste Therapie – beim Hineinriechen wandere ich im Geist sogleich neue Räume aus …

Warten auf das Mittagessen, darauf warten, dass mein Teenie aus der Schule kommt. Die ist grandios und dazu noch begabt: Heute gibt es vorzügliche Hühnchen in Weißweinsauce mit Basmatireis.
Ich beginne ein neues Aquarell, das Cezanne nachempfunden ist. Beethoven mit dem Suk Trio – Violine, Violoncello und Klavier. Auch das ist Teil der Therapie. Zwei Weihnachtsbriefe, leider immer noch keine Rückmeldung von der Physio – als ob ich nicht schon unruhig genug wäre … Dafür scheint die Reha nun genehmigt zu sein – Anruf vom Sozialmedizinischen Dienst aus dem Krankenhaus Erbach. Frau Michel hat mich nicht vergessen, das ist so wertvoll! Die Treppe rauf, die Treppe runter. Dabei die Strahlen der Nachmittagssonne genießen, die unterschiedlichen Gerüche der Zimmer. Da mich die Opioide vergesslich machen, werde ich jetzt bei Ibuprofen bleiben – ich bin sowie ständig mit der unmittelbaren Gegenwart beschäftigt, das muss nicht noch verstärkt werden. In der arte-Mediathek eine Doku über einen Ballettänzer mit Achillessehnenriss. Ich verfolge aufmerksam dessen Aufbauübungen. Er braucht sechs Monate, um wieder voll bewegungsfähig zu sein. Das gibt mir einen Maßstab, motiviert. Der Film endet, wie nicht anders zu erwarten, mit einer erfoglreichen Aufführung. Am Abend die nächste Spritze. Freude auf die Gartenrunde am Vormittag, die ich als Routine etablieren werde.
