Maria Leonhard, Spornitz

Mein Ziel war der Biedermeier-Christmarkt in Werben an der Elbe, einer klitzekleinen Hansestadt im Landkreis Stendal. Ich erhielt den Tipp von einer Freundin und prüfte, ob ich es trotz des gebrochenen Mittelhandknochens schaffen würde, alleine dorthin zu fahren. Ich trage inzwischen eine gut händelbare Orthese und kann mit drei Fingern auch schon wieder etwas zufassen. Aus dem Internet erfuhr ich, was mich erwarten würde und stellte aus dem umfangreichen Programm dann mein eigenes zusammen.
Ich machte mich früh auf den Weg – ich wollte dort sein, bevor das Drängeln und Schieben vor den Ständen beginnt, wollte das Erwachen des Marktes rund um die St.-Johannis-Kirche erleben, den 900-Seelen-Ort mit seinen restaurierten Fachwerkhäusern in Ruhe kennenlernen.

Während meiner Fahrt kämpfte sich die Sonne durch den Frühnebel, bis dieser so nach und nach die Sicht auf die Weite der immer noch grünen Landschaft freigab. Um mich besser auf die Naturbilder (und natürlich auch noch auf den Verkehr) zu konzentrieren, stellte ich sogar mein Hörbuch ab. Die meiste Zeit war ich allein auf der Straße, so dass ich ohne weiteres anhalten konnte, um die über und über mit Misteln bewachsenen Bäume zu betrachten.

In Werben angekommen, erfüllte es mich mit Freude, dass ich die Hinfahrt so gut gemeistert hatte. Ich fand einen Superparklatz und die Sonne strahlte. Ohne jegliche Eile genoss ich die Atmosphäre des beschaulichen Ortes, den Platz rund um die beeindruckende Kirche und die freundlichen Blicke der Markttreibenden in ihrer Biedermeierkleidung, die an etwa vierzig kleinen, sehr liebevoll hergerichteten Ständen größtenteils selbst Hergestelltes feilboten.

Beim Weiterschlendern entdeckte ich auf einem Hof eine weitere kostümierte Frau. Sie machte mich auf den Verein „Miteinander – Füreinander“ aufmerksam, der sich nebenan in der Bücherstube trifft. Neugierig geworden, ging ich hinüber und wärmte mich dort bei noch warmem frischgebackenen Kuchen und Kaffee auf. Dabei kam ich mit Herrn Gellerich, dem Mann der Vereinsvorsitzenden, ins Gespräch. Er und seine Frau kennen sich seit 1961 – da war er 16 und sie 14. Er erzählte, was sie gemeinsam geschaffen haben, auch mit dem Verein. Dieses war bereits der 21. Biedermeiermarkt, von denen jedes Jahr einer im Sommer und einer im Advent stattfindet. Die dabei gesammelten Spenden und ein Teil der Einnahmen fließen in die Restaurierung der denkmalgeschützten Altstadt.

Von der Bücherstube ging es zurück zur Kirche. Dort erwartete mich das Harmoniumkonzert mit Professor Jochen Großmann. Zwischen den Stücken erzählte er sehr unterhaltsame Anekdoten rund um das Instrument. Währenddessen wanderte mein Blick immer wieder zu den kunstvoll gearbeiteten Fenstern des riesigen Kirchenschiffes – was der Mensch alles erschaffen kann! Als ich aus der Kirche trat, sah ich, dass sich auf dem Markt inzwischen die Besucher drängten.

Mit dem friedlichen Stimmengewirr im Ohr machte ich mich auf den Weg zur alten Mädchenschule, wo ich an einer Unterrichtsstunde teilnehmen wollte. Da viele den gleichen Plan hatten, bekam ich gerade noch den Strafplatz. Die Lehrerin, auch im Biedermeieroutfit, unternahm eine historische Reise in die deutsche Kurrentschrift, die von Ludwig Sütterlin vereinfacht wurde und mit seinem Namen in die Geschichte einging. Ich hatte mir diese Schrift als Kind selbst angeeignet und meiner Oma damit Briefe geschrieben. Sie freute sich damals sehr darüber. Nun hatte ich Spaß daran, mein Wissen wieder auffrischen zu können.

Auch bei der nächsten Veranstaltung war es sehr voll. Im Hoftheater wurde von der „Werbener Dilettantengesellschaft ‚Altmärkisches Treibgut’“ das Stück „Der falsche Prinz“ frei nach Wilhelm Hauff aufgeführt. Damit jeder entspannt zusehen kann, wurde auf den Bänken ganz selbstverständlich zusammengerückt. So hatten wir alle zusammen Freude. Für die Marktleute selbst wurde das Märchen schon am Vorabend gezeigt. Schön, dass an so etwas bei der Planung gedacht wurde!

Langsam wurde es dunkel. Ich hatte gelesen, dass der Markt ohne Strom und Plastik auskommt – und tatsächlich erhellten inzwischen Kerzen die Stände und eine eigentümlich angenehme Stimmung schwang über den Platz. Nun stand der letzte Punkt auf dem Programm – mit einem heißen Aroniasaft im Pfandglas wärmte ich mir beim Bläserkonzert zum Marktabschluss in der Kirchbank die Hände. Der Weg zum Parkplatz durch die Lichterstraße wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Vielleicht komme ich bereits zum Sommermarkt wieder hierher.
