Frank Schott, Leipzig
Wie machen es Katzen, dass sie sich ohne Worte und Mimik derart in unser Herz schmeicheln? Ich bin kein Fan von Haustieren und habe mich, angesprochen auf unsere zwei Kater, anfangs lediglich auf die Prinzipien des Mafiapatriarchen berufen: „Sie sind nervig und zu nichts nütze, aber – hey – sie sind Familie, verstehst Du?“ Seit die Beiden Freigänger sind, toben sie sich in den Hinterhöfen aus und sind abends müde und erschöpft. Die kamikazehaften Sprints durch die Wohnung, die verwegenen Sprünge auf die Möbel und wieder herunter haben sie eingestellt, was ich persönlich (Familienmitglied hin oder her) sehr begrüße. Inzwischen bin ich vermutlich derjenige, mit den meisten Katzenfotos in unserem Haus.

Nach drei Wochen Pause wage ich wieder einen Lauf im Freien. Nur fünf Kilometer, nur geruhsames Tempo. Trotz der Schwäche im Körper fühlt es sich gut an. Der Rücken bereitet keine Schmerzen -ich kann endlich wieder laufen! Mich begleitet eine wintermüde Sonne, die es kaum über den Horizont schafft. Ihr Blinzeln durch die Wolkendecke lässt aber immer noch die Bäume erstrahlen. Die Wege sind trocken, nur tief im Wald halten sich hartnäckig die Pfützen.

Am Fluss stehen oder sitzen fünf Angler und unterhalten sich. Ihre Angeln ruhen, kein Fisch regt sich. Viele Menschen mit Hund, einige sogar mit mehreren, nutzen das Morgenlicht zu einem Spaziergang. Dafür sind kaum Eltern mit Kindern unterwegs. Bei einem Mann, dem ich mich von hinten nähere, ragt ein Zipfel zwischen Schulter und Hals empor. Ich halte es für einen elektrischen Tabakverdampfer, bis ich im Vorbeilaufen sehe, dass es tatsächlich nur ein Zipfel ist: der Zipfel einer blauen Mütze, die auf dem Kopf eines Babys sitzt, das in einem Tragesack an des Vaters Brust ruht.
Ein Hauch von Mensch, diese Babys. Ein Hauch von Mensch auch die Schwiegeroma, die ich kurzfristig mit meiner Frau im Pflegeheim besuche. Mit größter Sorge betrachten wir die 97jährige, die noch im Sommer beim Familientreffen aller Großeltern so viel zu erzählen hatte. Jetzt lebt sie seit knapp zwei Monaten im Heim und liegt seit einigen Tagen fast apathisch im Bett, zu schwach um aufzustehen, die müde Stimme wenig mehr als ein Flüstern. Ihre rechte Hand umklammert erstaunlich fest den Zeigefinger meiner linken Hand. „Wie konnte das passieren?“, fragt sie leise, kaum hörbar.
Wie konnte das passieren? Ein Mensch, altersgemäß fragil und unsicher, aber doch mit beiden Beinen im Leben stehend. Bis vor wenigen Wochen zwar mit Hilfe, aber doch allein in ihrer kleinen Wohnung lebend. Wie konnte das passieren? Mir will der Gedanke von einer Blume, die man umgetopft hat und die nun ihre neue Umgebung nicht verkraftet, nicht aus dem Kopf gehen. Ein Hauch von Mensch nur, aber dennoch: Was für eine zähe Kraft in den dünnen Fingern, die sich an meine Hand klammern. Vielleicht gibt es ja doch ein Weihnachtswunder und sie schlägt erneut Wurzeln?

