Christoph Sanders, Thalheim

Donnerstag um 8:45 Uhr beim Arzt zur Blutabnahme. Anschließend Entfernen der Klammern aus der Operationsnarbe – mein Sohn, der mich auch hingefahren hat, beteiligt sich als Assistent. Mein Doc missioniert, will ihm den Beruf schmackhaft machen. Er kennt die Situation hier im Hinterland, weiß, dass es immer weniger Mediziner gibt. Mein Sohn meint nur, dass es nicht so sein Ding sei, an Leuten rumzumachen. Auf der Rückfahrt sprechen wir über seine mäßige Fifa-Runde gestern Abend. Er erklärt mir, wie der Torwart mittels KI gesteuert wird und welchen Stürmerknopf man als Gamer drückt. Wir kommen auf den unvergleichlichen Sepp Maier bei der WM 1970 zu sprechen, wo er im Halbfinale gegen Italien seine Mannschaft in die Verlängerung rettete. Man kann das in kompletter Länge im Internet anschauen. Zu hause zwanzig Minuten Hockergymnastik nach Videoanleitung auf Youtube. Plötzlich in die Seniorenwelt katapultiert. Wenn man dabei Musik hört, geht es. Ich entlaste das Becken und trainiere den Rumpf, die Schultern und den Rücken. Danach fühle ich mich deutlich besser – spürbare Leichtigkeit im Oberkörper und viel bessere Sitzhaltung auf meinem harten Stuhl. (Ich bin froh, dass ich auf keinem dieser Schaumstoffbürostühle sitzen muss, deren Füße immer wie schwarze Seesterne aus dem Sperrmüll in die Luft ragen.) Meine Problemzone: Die Scherkräfte dürfen nicht auf den geflickten Knochen wirken, deshalb maximal zwanzig Kilo Vertikalbelastung aufs rechte Bein. Vorsichtig bleiben!

Spreche mit meiner Frau über Proteine, die meine Knochenheilung unterstützen sollen. Dass hier jetzt andere einkaufen müssen, ist eine kleine Wissenschaft für sich – zu viele mediokre Produkte verstecken den Zugang zu den gesunden Sachen. Nach einigem Hin und Her werde ich gut versorgt – die Kinder schaffen jetzt alles heran. Auf Nahrungsergänzungsmittel verzichte ich – das sind Krücken für Menschen, die sich chronisch defizitär ernähren oder Schwierigkeiten haben, alle notwendigen Nährstoffe aus natürlichen Lebensmitteln zu beziehen. Obwohl das Hämatom zurückgeht, sind die Entzündungswerte hoch – der Doc rief während meiner Siesta an (was ich sehr nett von ihm finde). Der Hämoglobinwert ist wieder im Normbereich, genau wie die übrigen Werte, die der Körper selbst produziert. Am Montag geht es dann zum erneutem Blutabzapfen. Durch Zufall bin ich bei Doctorows „Billy Bathgate“ gelandet – ein hervorragender Gangsterroman, der im New York der 1930er spielt. Großes Thema, große Literatur, hervorragende Übersetzung. Nach einer kleinen Vesper eine weitere Runde Hockergymnastik. Um mich herum weihnachtet es immer heftiger – ich warte auf den Erlöser.

Auch am Freitag Aufstehen mit Kopfschmerz, der sich nach dem Frühstück und einer Ibuprofen dann aber verflüchtigt. Ein zäher, grauer Morgen – wie gut, dass es Sencha gibt! Nach Einschalten des Radios merke ich, dass mein Nachrichtenbedarf immer weiter sinkt – eine Woche Fernsehen im Krankenhaus zeigten mir deutlich den Selbstzweck des interessengeleiteten Informierens. Überhaupt ist das, was ich dort aus Forscherneugier beim Durchzappen sah, äußerst heftig und nur schwer zu beschreiben: Diese ästhetisch vollkommen unwürdige Kleidung der Moderatoren – wer denkt sich solche affigen Moden aus? Auch in den Serien sind die Klamotten, wie alles andere, immer viel zu neu! Vor den Abziehbildchen des Wismarer Hafens staksten German-Housewive-Kommissarinnen inmitten eines üppigen Aufgebots an bis zur Auflösung gewienerten Unterklasse-Fahrzeugen herum – Darstellerzombies mit Mimik von der Klippschule. Ein Investigativpärchen im Neubauviertel, wo der bewaffnete Mob dem Asylanten droht. (Freunde, da wohnen längst keine Deutschen mehr!) Diese synthetisch gute Laune in den Dritten Programmen, wenn der bekokste Regionalreporter beim Bericht vom Christkindmarkt auf Begeisterung im Dauerregen macht. Das plump inszenierte „Bares für Rares“ mit seinen gierigen Blicken und dem falschen Lachen, das gebleachte Zähne freilegt. Und dank HD sieht man das ja alles leider in Überschärfe. Wie halten Menschen diese Gehirnwäsche des deutschen Fernsehens aus? Indem sie gar nicht richtig hinsehen und es als bunte Tapete laufen lassen. Lichtblicke waren einzig arte und ZDF Neo mit Dokumentationen über Seouler Heiratsagenturen, thailändische Transenstudios, das Auswildern eines Uhus, unsympathische Bienen oder Ortskräfte in Afghanistan.

Nachdem ich bei der vormittäglichen Gartenrundenroutine bis zum Rosenbogen gekommen war, setzt Nieselregen ein. Ich gehe ins Haus zurück und um den Küchentisch weiter. Dabei räume ich einhändig das Geschirr weg, das die Kinder nach ihrem hastigen Frühstück vor der Schule stehenlassen haben. Im SWR unterhält sich der Moderator von „Treffpunkt Klassik“ mit einem Dirigenten über die Musik der Hirten und Engel im „Messias“ von Händel. „There were shepherds abiding in the field / Keeping watch over their flock by night / And lo, the angel of the Lord came upon them / And the glory of the Lord shone round about them / And they were sore afraid“. Für mich immer wieder das Exerzitium: symmetrisches Beinebewegen, Sitzknochen gleichmäßig belasten, Hinsetzen und Aufstehen. Ich überlege, wie ich an einen Physiotherapeuten komme – die sind ja alle gut beschäftigt. Ich werde mal eine Dame aus der Nachbarschaft befragen, die wegen Osteoporose ganz ähnliche Probleme behandeln ließ. Letzter Schultag, jetzt beginnt vorsichtig die Weihnachtszeit. Mit Geschenken wird es von meiner Seite sehr schwierig – die Kids werden mich unterstützen. Diffuse Schmerzen und Mattigkeit, immer noch Konzentrationsprobleme: Alles Abstrakte wie Zahlen und Prozesse rückt weit weg – Erinnerungen, Gerüche, Geschmack, Farben treten in den Vordergrund. Den gesamten Tag dichter Regen – da ist der Radentzug dann nicht ganz so schlimm …

Coltranes „Stardust“ als Einleitung in weiteren grauen Tag. Mir sind seine Prä-Fame-LPs lieber als die späteren Endloseskapaden. Auch weil sie so schön entspannt gespielt sind, was eine wichtige Qualität ist, wie ich finde – wenn einer die schnellsten Läufe spielen kann, es aber lässt. Zudem exzellent aufgenommen von Rudy Van Gelder, bei dem man den Bass eben auch wirklich hört und dieser nicht nur so ein dumpfs Pochen im Untergrund darstellt. (Der Bass spielt ja im Baritonbereich häufig die männlichen Stimme – das muss mitsingen!)

Großes Samstagfrühstück mit drei großen Kids, die ihre diversen Fashion-Statements mit an den Tisch bringen. Die Girls begeben sich danach in die Kreisstadt, wo mir eine der Töchter hoffentlich eine opalene Heilkräuterschale töpfern wird. Ich werde vom Sohn im Sechsspänner durch den Nieselregen zum Einkauf gebracht. Im Norma sind die Heizungen ausgefallen, was zwei Warmluftgebläse im Kassenbereich auffangen sollen. Beim Metzger schenkt man mir, „dem verletzten Radfahrer“, zwei Leberstückchen dazu. (Es spricht sehr für die Firma, wenn das Angestellte einfach machen können.) Später rief Der Scout von den Radkollegen an – wir sprechen über mögliche Modifikationen der Odenwald-Strecke. Für das Tourthema werde wie immer ich zuständig sein (es wird sich diesmal am Lauf der Lahn orientieren, so viel sei verraten). Aus seinen persönlichen Erfahrungen nach einer Knie-OP rät mir Der Scout zu mindestens zwei Wochen Reha. Mein Misstrauen gegenüber den Opioiden teilt er – Talgin ist ein starker Stoff, der dieserart Wohlgefühl erzeugt, das sehr schnell abhängig machen kann. Im Schlaf träume ich jetzt übrigens öfter mal von alten Radtouren, deren Strecken mein Hirn tief abgespeichert hat. Mein limbisches System ist offenbar weiter hochaktiv, was ich dann auch beim Essen wahrnehme. Zum Beispiel beim Genießen der Brownies, auf die sich die Damenküche nach stundenlangem Abwägen schlussendlich einigen konnte. Ein völlig vernieselter Tag, der hauptsächlich im Lesesessel dahinging, in dem ich, begleitet von Mozart-Overtüren, „Billy Bathgate“ zuende las. Doctorows Beschreibung der Straßen New Yorks, der Kneipen und Berufe, des rücksichtslosen, brutalen Gangsternaturells ganz stark. Dynamik und Rastlosigkeit der unterschiedlichen Geschäftsmodelle treffend erfasst – die alte Generation sieht ihre Ablösung kommen, der neue Typus der Finanzverbrecher folgt auf die Alkoholbarone; Beginn von Korruption und Geldwäsche auf allen Ebenen. Tolles Buch! Bei unseren Nachbarn wird jetzt im Schatten des aufblasbaren Nikolaustitanen in der Garage Glühwein getrunken. Ich höre meine schwatzenden Mädels lachen – ein wunderschönes Geräusch …
