Frank Schott, Leipzig
Warum singen wir eigentlich so wenig? Vor allem: Warum singen wir so wenig gemeinsam? Mir wird bewusst, dass ich mit meinem Sohn nur im Stadion, um unseren Verein anzufeuern, gesungen habe, nie aber zu hause. Nicht einmal Heilig Abend. Als ich klein war, hat das unsere Familie auch nie gemacht. Sicherlich mussten wir Kinder damals ein Lied vortragen oder ein Gedicht aufsagen, bevor es Geschenke gab, aber als Familie gesungen – das haben wir nicht.
Wie ich darauf komme? Ich war mit meiner Frau relativ spontan beim Weihnachtssingen in der Red Bull Arena. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde. Tatsächlich war es dann eine sehr schöne Veranstaltung: Die Chöre des Gewandhauses sangen, und wer trotz fehlender Textkenntnisse mitmachen woillte, für den waren auf der riesigen Anzeigetafel und auf LED-Wänden karaokemäßig die jeweiligen Textzeilen eingeblendet. Während ich mitsang, fiel mir zum ersten Mal auf, wieviel christliches Selbstverständnis in den klassischen deutschen Weihnachtsliedern steckt. Wenn es so etwas wie den Geist der Weihnacht gibt – hier ist er über mich gekommen.

Lebendiger Adventskalender mit unseren zwei Katern: Sobald sich ein Türchen im Haus öffnet, flitzen sie raus. Oder rein. Manchmal sogar wie bei der Verdauung – vorne rein (Haustür), hinten raus (Gartentür). Einmal durch den Flur – weg sind sie wieder. Manchmal wird noch kurz der Fressnapf inspiziert oder die Katzentoilette konsultiert, dann geht es zurück an die frische Luft. Weil wir keine Katzenklappe haben, müssen die beiden manchmal etwas Geduld mitbringen, wenn sie wieder rein wollen. Dann verstecken sie sich auf dem Gelände und lauern darauf, dass jemand die Türe öffnet.

Ein Ausflug ins Antiquariat, genauer: in zwei verschiedene. Ich bin auf der Suche nach einem Geschenk für meinen Schwiegervater, der mit Leib und Seele Ingenieur ist. Noch heute, längst pensioniert, bietet er in seiner alten, bis in die DDR-Zeit zum Teil mit Dampf betriebenen Zuckerfabrik Führungen an. Ich halte Ausschau nach einem Technikbuch, das möglichst vor 1945 erschienen sein soll.
Zwischen den Bücherstapeln werde ich Ohrenzeuge verschiedener Gespräche. Die Antiquarin teilt einem Mann mit, dass sie ihm nach ausführlicher Recherche nur 12 Euro für seine Schätze anbieten könne. Der anfangs etwas Enttäuschte: „Was soll’s, bevor ich sie wegschmeiße. Vielleicht freut sich noch jemand drüber.“
Im zweiten Laden wird ein anderer Mann ein historisches Werk mit Wappen von Adelsgeschlechtern nicht los. Der Antiquar hat Zweifel an der Echtheit, die Wappen sehen ihm nachcoloriert aus: „Es passt nicht zu den Ausgaben, die ich kenne, das ist so ein Bauchgefühl.“ – „Aber das ist äußerst sorgfältig gearbeitet. Vielleicht hat das der Künstler ja selbst gemacht?“ – „Das müsste man recherchieren.“ – „Könnten Sie das machen?“ – „Leider nein – wir reden hier über viele Stunden Arbeit und am Ende ist es vielleicht nichts wert.“ Der alte Herr schlägt das Buch wieder vorsichtig in Papier ein.

Mir kommen zwei kuriose Gedanken: Im ersten geht es um den Klimaschutz: Bücher wären doch hervorragende CO2-Senker – je mehr man davon hat, desto mehr Bäume braucht man, desto mehr CO2 wird der Luft entzogen. Analog zum Flugscham-Ablasshandel könnte man„Kaufe zehn Büche, fliege 1000 Meilen ohne schlechtes Gewissen!“ anbieten. Beim zweiten Gedanken geht es um den ultimativen Blackout: Wenn die Stromnetze ausfallen, sind digitale Datenträger nur noch Schrott. Das Wissen, das uns auf Dauer bliebe, wäre dann wieder in Büchern wie „Des Ingenieurs Taschenbuch“ von 1937 gespeichert, das ich für meinen Schwiegervater mitnehme.

Am Abend mache ich die tröstliche Erfahrung, dass Bücherwissen auch nicht alles ist: Mein Sohn ist gerade in seiner asiatischen Phase und hat für die Familie Reis mit Tofu gekocht. Darauf sollen wir geröstete Sesam-Körner streuen. Die Tüte mit dem Sesam lässt sich nicht wie üblich aufreißen. Ich steuere verwegen ein „Sesam, öffne Dich“ bei – vergeblich. Am Ende entscheiden wir uns für die Schere.
