Christoph Sanders, Thalheim

In der Nacht auf Freitag längerer Schneefall. Nur eine zarte Decke bleibt liegen – sie sieht aus wie Puderzucker, sehr hübsch. Nach dem Frühstück längere Körperpflege, damit der Patient beim Ausritt ins Landesmuseum Wiesbaden einen guten Eindruck hinterlässt. Im Deutschlandradio ein längerer Kommentar zu Trumps angeblichem Gesundheitszustand – Absencen, Hautverfärbungen, exzessiver Aspirinkonsum, schlechte Ernährnungsgewohnheiten. Der Beitrag wird nur eine halbe Stunde später in einer zusammengekürzten Fassung wiederholt. Mir kommt der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer mehr wie die Kirche vor – um Geld zu sparen, wird radikal Inhaltliches gestrichen. Am Abend zuvor konnte ich zum ersten Mal ohne Hilfe das operierte Bein ins Bett heben – ein sehr großer Erfolg!

Mittags Familienausflug nach Wiesbaden ins Landesmuseum, das gleichzeitig Naturkundemuseum ist. Eigener, grundsolider Bau, gute Sammlung: Ilya Kabakovs Propagandabilder-Installation „Der Rote Waggon“ interessant; großartige Dioramen der Fauna, wundervolle Quallen und Urtierchen – die Biologie-Exponate fesseln mich viel mehr als die blutleere, verlogene Malerei in ziselierten Goldrahmen. Im Museumsshop Tassen, Postkarten, Poster und T-Shirts mit der Wasserleiche der Nymphe Ophelia – Taylor Swift hat das Motiv von Friedrich Heysers Gemälde durch ihren Clip „The Fate of Ophelia“ erneut populär gemacht – in den Wiesbadener Ausstellungsräumen finden nun Events für Swifties statt. Vielleicht hilft der Verkauf ja, den geplanten Anbau zu finanzieren. Ich bin viele Treppen gestiegen und habe dabei erfolgreich orthopädische Socken getestet – und eine der Skulpturen trug die gleiche Frisur wie mein Sohn! Abends über die dichte A3 zurück. Ein gelungener Ausflug, ein schöner Tag.

Am Samstag Nordwestströmung mit punktuellen Schneeschauern. Seit Tagen Dauerfrost. HR2 Kultur regt zum Besuch der hessischen Skigebiete an – „Zehntausende werden erwartet“. Über die A3 zum Tierarzt-Bruder zur Geburtstagsfeier. Die Autobahn dicht an dicht von Privat-PKW befahren – Heimkehrer aus dem Skiurlaub oder wärmeren Gefilden. Wir rollen in die Rheinebene. Das Festmahl à point: Frisch aus Frankreich importierte Hühnchen, diverse Salate und (drei Tage zu früh) der berühmte Dreikönigskuchen mit einer Frangipane (Mandelpaste) in Blätterteig. Zuvor sehen wir uns leider über Beamer einen Wunschfilm an – ein von Almodovar produziertes Machwerk aus Argentinien: Sechs blutige Episoden voller Egoismus, Eifersucht, Korruption, Rache usw. – ausschließlich das Schlechteste im Menschen wird gezeigt. Ich kann mir so etwas nicht anschauen, merke ohnehin, dass ich solche Filme keine drei Minuten aushalte. Es gibt doch so viel Gutes zu entdecken – ich springe da im Internet gern von einem lohnenden Stream zum nächsten. Zudem habe ich Schwierigkeiten, Filme im Kollektiv zu sehen, mag lieber Gespräche – wie zum Beispiel jenes zum kleinen, hervorragenden Käselexikon, das ich beim Bruder im Bücherschrank finde. Insgesamt aber eine angenehme Atmosphäre. Die Teenies bleiben unter sich, trotzdem habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit, das Zimmer eines Gamers zu betreten: Japanisch inspirierte Plakate, zwei Monitore, davor mein Vetter im schwarzen Hoodie mit denselben wirren Haaren, wie sie auch die Figuren auf seinen Postern tragen. An den Bildern fällt mir eine vollkommen überzogene Mangaästhetik auf – grelle Farben, aufgerissene Kulleraugen und schreiende Münder; es gibt keinerlei Bezug zu irgendeiner bekannten Realität, kein Haus, keinen Berg, keine Landschaft, nur Spaciges. Die Kids haben ihren Spaß beim Versuch, auf Spotify Filmmusiken zeitlich richtig einzuordnen. Der Sound aus der Sony-Blinkeboombox ist grauenhaft – nur „I can’t get no satisfaction“ klingt einigermaßen klar. Auf der Rückfahrt endlose Fahrzeugkolonnen gen Norden (Holland und England), Richtung Süden fährt fast niemand. Es hatte leicht geschneit, alle Stecken sind vorbildlich freigeräumt, selbst die Dorfstraßen. Für mich ist die erzwungene Position des Beifahrers immer noch sehr ungewohnt.

Sonntags weiterhin frostig. Inmitten der ersten Sonnenstrahlen des Tages um 8:30 Uhr reichlich Vogelbesuch in den Bäumen – Sichtung einer Tannemeise. Die Kinder und meine Frau verlassen mich früh, um zum ca. 650 Meter hohen Salzburger Kopf zu fahren. Für mich Radblogarbeit und ein erfrischender Kurzschlaf. Als die Rodler und Langlaufdamen um drei erschöpft zurück sind, gibt es Mittagessen.

Langes Telefonat mit meinem Gartenbau-Agrarschullehrer-Bruder, der sich um unser Familienarchiv kümmert. Er sammelt Unmengen an Material (auch für die Dorfchronik). Durch seine Recherchen kennen wir nun (Dank des DRK) die letzte Stellung des Großvaters: ID 707, das heißt, zu Hilfsdiensten abkommandiert. Er selbst gehörte der Strafkompanie Baupioniere 999 an. Die ID war Anfang Mai 1944 auf zwei Einsatzorte verteilt, die dreißig Kilometer auseinanderlagen. Ab dem 24. Juni gerieten sie alle in den Mahlstrom der sowjetischen Operation Bagration im Kessel Bobruisk, der am 27. Juni liquidiert wurde. 27. Juni 1944 ist der Tag, der auf dem Vermisstenschein unseres Großvaters steht. Desweiteren traurige Nachrichten von unserem letzten Onkel, der mit über 90 allein in dem Haus wohnt, das er vor sechzig Jahren baute. Seit seine Frau starb, ist niemand mehr da. Er ist einsam, hat in der Siedlung keine Bekannten, schon gar keine Gleichaltrigen. Eine normale Vorstadt in der Nähe von Mönchengladbach. Nun musste er für fünf Tage ins Altersheim – mein Bruder beschrieb es als Horror, was er dort sah: Tapetentüren, damit die Dementen nicht rauskommen; Wildfremde kommen ins Zimmer, nutzen Dein Klo. Ein ehemaliger Polizeibeamter lebt seine Kleptomanie aus und verzeichnet dabei akribisch seine Diebstähle. Mir kommen Erinnerungen an eine langjährige Freundin, die nach ihren Schlaganfällen drei Tage hilflos auf dem Boden lag – „Person hinter Tür“ heißt der Code für die Feuerwehr, wenn sie Wohnungen aufbrechen muss. Ihre Verwandten wohnten nur 300 Meter entfernt, die soziale und familiäre Zersetzung geht schnell. Berichte aus den Schamzonen der Gesellschaft.
