Frank Schott, Leipzig
Es schneit.
Nun, das ist nicht verwunderlich in unseren Breitengraden, wenn es Winter ist, werden Sie einräumen, da schneit es eben auch mal. Doch wenn man wie ich erstmals bei Schneefall joggt, bringt das einige überraschende Entwicklungen mit sich.
Nummer 1, vielleicht nicht ganz so unvorhersehbar: Die Gehwege, vor allem die mit den von Millionen Schritten rundgelaufenen alten Leipziger Granitplatten belegten Bürgersteige, sind glitschig.
Nummer 2, vergleichbar mit Nieselregen und Nebel: Die Kleidung wird nass, obwohl man das Gefühl hat, es handle sich verglichen mit einem Regenschauer quasi um Nicklichkeiten.
Nummer 3: Wenn die dicken Flocken sich auf dem Brillenglas niedersetzen, wird man als Brillenträger blind. Da müssen dann regelmäßig die Zeigefinger als Scheibenwischer herhalten.

Es ist gar nicht so viel Schnee. An manchen Stellen ist er aber immerhin so dick wie die Zuckerschicht auf einem traditionellen Dresdner Christstollen. An anderen Stellen findet sich nur ein Hauch wie auf einer sanft gepuderzuckerten Waffel. Mit dem Schlagen der nahen Kirchenglocken lugt die Sonne hervor und die Wolkendecke reißt auf. Nur noch einzelne Flocken segeln vom Himmel – wie die herausgerissenen Federn von Engeln, die sich gebalgt haben.

… oder wie Fellbüschel von sich raufenden Katzen. Heute war wieder Waschbär unterwegs, die wohlgenährte Katze aus dem Haus nebenan. (Ist das eigentlich Bodyshaming, wenn man eine Katze „fett“ nennt? Nun ja, wo kein Ankläger, da … da müssen es die Katzen unter sich aushandeln.) Unsere Familie fährt erschrocken auf, als durch die geschlossenen Fenster laut quietschendes Fauchen tönt. Ich öffne die Tür zur Terrasse – aber es ist nichts zu sehen. Die Tür ist kaum geschlossen, da erklingt erneut schrilles Kreischen. Mein Kind reißt das Fenster auf, ich die Tür: Verdammt, hier sind keine Katzen! Dann die Erleuchtung. Ich ziehe die graue Plane hoch, die im Winder den Terrassentisch und die Stühle verhüllt, und in der Tat liegen sich in dieser trockenen Höhle zwei Katzen mit peitschenden Schwänzen lauernd gegenüber. Ich trete mit dem Fuß gegen ein Tischbein. Die beiden schrecken aus ihren Drohgebärden hoch. Waschbär macht als erstes die Fliege, unser schwarzweißer Kater jagt ihm hinterher. Weg sind sie. Und auf den Bohlen liegen viele Büschel von Katzenfell – wie Schneeflocken.

Beim Laufen sehe ich keine Katzen. Stattdessen Krähen, die auf Zäunen hocken und auf Heruntergefallenes lauern. Hunde, denen man allesamt Leibchen übergezogen hat, tollen durch den Schnee. Ein älterer Herr pfeift seinen Dackel zurück, als unsere Wege sich zu kreuzen drohen. „Kein Problem, wir werden uns schon vertragen“, rufe ich frohgemut. Doch der Mann und sein Hund sind anderer Meinung. Während er verzweifelt Kommandos gibt, die der Dackel ignoriert, springt der Hund um mich herum und versucht nach meinen Beinen zu haschen. Dann setzt sich Herrchen durch und der Dackel lässt von mir ab.

Auf meiner Laufstrecke liegt ein entwurzelter Baum. Der starke Wind der vergangenen 48 Stunden muss ihn umgeworfen haben, denn am Freitag um die gleiche Zeit war der Weg noch frei. Es sind frische Sägespuren zu sehen. Ich stapfe vorsichtig über Stamm, Äste und Zweige. Als mich meine 10-Kilometer-Runde erneut an der Stelle vorbeiführt, werde ich positiv überrascht: In den vergangenen knapp dreißig Minuten war jemand da, der den Baum weiter zerlegt und das Holz abtransportiert hatte. Arbeiten die kommunalen Forstleute so schnell? Oder hat ein Bürger das Gute mit dem Nützlichen verbunden und sich das Holz für den Kamin gesichert? Wie auch immer – mir ist es recht, da ich nun problemlos passieren kann.

Wenn es schneit, ist es nie sonderlich kalt. Und da nur noch einzelne Flocken rieseln, wird mir rasch warm. Die Beine stampfen, der Körper dampft. Wie eine gut gewartete Maschine greifen Muskeln und Sehnen ineinander, während Lungen und Herz die nötige Energie beisteuern. Schön ist es, im Schnee zu laufen. Schön ist es, dass ich in dieser Woche tatsächlich sogar drei Läufe über zehn Kilometer geschafft habe. Es geht voran. Körperlich geht es jetzt tatsächlich voran.
