Frank Schott, Leipzig
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche! Denn nach den frostigen Weihnachtstagen und dem Schneefall zu Silvester liegen die Temperaturen nun wieder über dem Gefrierpunkt. Wettertechnisch hat die Woche tatsächlich alles geboten, was man von einem Winter erwarten darf: Sonnenschein und trüben Himmel, stürmische Winde und laue Lüftchen, Frost und Plusgrade, Regen und Schnee.

Zweimal habe ich diese Woche die Laufschuhe geschnürt und bin gejoggt. Jeweils zehn Kilometer, beide Male unter 55 Minuten, was nach dem läuferischen Tief im Spätherbst absolut okay für mich ist.

Am Freitag ist die Strecke tückisch – halb geschmolzener Schnee in Verbindung mit dem kalten Boden lässt die Waldwege rutschig werden. Der Fluss ist zu großen Teilen eisfrei. Der Rest ist immerhin noch stabil genug, um den Unrat und die Stöcke zu tragen, die von Passanten geworfen wurden, um die Festigkeit des Eises zu testen.

Rutschig war es auch zu Silvester, als die zwei bis drei Zentimeter Schnee des Vormittags sich im nachmittäglichen Regen zu großen Pfützen zersetzten. Morgens waren Arbeitseinsätze mit dem Schneeschieber erforderlich, nach dem Mittag wurde dann Split gestreut. Ich mag es, Schnee zu schieben. Die Arbeit ist gleichmäßig eintönig, ohne dass sie beschwerlich wird. Wenn es während des Schiebens schneit, bekommt das Ganze eine unwirkliche Note, weil der Schneefall die Geräusche dämmt und die Sinne verwirrt. Ich hätte mir noch mehr Schnee gewünscht, stattdessen kam der Regen.

Am Dienstag laufe ich bei Minusgraden. Es hatte in der Nacht leichten Schneegriesel gegeben, gerade genug, um die Böden mit einem weißen Flaum zu bedecken. Der Fluss trägt eine weiße Decke, die aber noch zu dünn ist, um mehr als Vögel zu tragen. Die weißen Wege sehen im sanften Licht- und Schattenspiel der Bäume wie Gottes unergründlicher Barcode aus. Vielleicht sind es spirituelle Bestellnummern für Glück, Wohlempfinden und Zufriedenheit.

Beim Laufen kommen mir häufig absonderliche Gedanken. Durch die körperliche Anstrengung werden sie nie sonderlich tiefschürfend, es ist eher so wie eine Melodie, die innerlich mitschwingt. Dieses Mal stelle ich mir den menschlichen Körper als Tempel vor – zu Ehre Gottes, um das Leben zu würdigen? … egal, es spielt keine Rolle. Ich frage mich, was es über uns Menschen aussagt, wenn wir diesen Tempel verkommen lassen. Durch Fehlverhalten, durch ungesunde Ernährung, durch fehlende Aktivität. Und da schließt sich der Kreis zum Laufen: Wäre die körperliche Ertüchtigung, sprich Sport, dann eine Art Gottesdienst … Ich kann den Gedanken nicht zu Ende bringen, weil mich ein kleiner weißer Hund anspringt. Es ist die Art nerviges Schoßhündchen, die kläffend einen auf Raubtier macht und doch vor jeder möglichen Bedrohung Schutz hinter ihrem Herrchen sucht. In Blitzesschnelle bietet mir mein Unterbewusstsein zwei Reaktionsmöglichkeiten an – die erste, Wegkicken mit dem Fuß, ist sehr verlockend. Ich entscheide mich dann aber doch lieber für die Alternative und knurre: „Schon mal was von Leinen gehört!?!“ Und dann bin ich auch schon vorbei – während Hundchen weiterhin die Welt bebellt.
