Frank Schott, Leipzig
Als unser Baum im Sammelcontainer der Stadtreinigung landete, war die Weihnachtszeit endgültig vorbei. Unsere Katzen hatten ihn weitgehend in Ruhe gelassen, nur wenige Kugeln (die wohlweislich aus Plastik waren) wurden abgerupft. Die Leipziger Geschäfte und Restaurants haben ebenso ihre Festdekoration entfernt – die schmucklosen Tannen und Fichten teilen das Schicksal unseres Baumes und werden jetzt kompostiert. An den Adventsmarkt um die Ecke erinnert nur noch ein Poster und ein letzter Verkaufswagen.

Leichter Schneefall als Vorbote des „Jahrhundertunwetters“, vor dem aufgeregte Medien warnen – am Kiosk lese ich die Bild-Schlagzeile: „Lebensgefahr. Bleiben Sie heute Abend zuhause.“ Früher war es Winter, heute ist es biblische Katastrophe …
… aber ich druckse hier gerade etwas herum, drücke mich vor dem eigentlichen Thema. Denn die Wahrheit ist: Ich habe Angst – und das nicht vor Schneestürmen. Und genau genommen ist es auch ganzes Bündel an Ängsten …
Ich müsse etwas gegen die zwanghaften Sorgen, die Selbstzweifel und die Grauheit in meinen Gedanken unternehmen, mahnte meine Hausärztin zu Beginn meiner selbst gewählten Auszeit an. Wie ich feststellen musste, sind ambulante Therapien bei niedergelassenen Fachleuten jedoch nur äußerst schwer zu bekommen. Plan B (nach Einschätzung der Ärztin eigentlich Plan A) wäre eine „Reha“, wie ich sie beschönigend nenne. Oder, um einen anderen tröstlichen Euphemismus zu benutzen: „ein stationärer Aufenthalt in einer spezialisierten Einrichtung“. Aber letztendlich handelt sich um eine Klinik, in die ich nun komme.
Schon nächste Woche soll ich einrücken. Ich habe die weitläufige Einrichtung im tiefsten Sachsen-Anhalt bereits gesehen – es sind mehrere Bauten, durchnummerierte Häuser, die für verschiedenste ambulante und stationäre Behandlungsformen stehen. Das Gelände liegt am Stadtrand, die Wege werden von vielen Bäumen gesäumt. Eigentlich (auch so ein verschleierndes Wort!) ganz ansprechend.
… wenn mir nur nicht die Bilder von Oberschwester Ratched und dem von ihr lobotomisierten McMurphy durch den Kopf schwirren würden … Bilder von vergitterten Fenstern, Medikamentencocktails, Jacken, mit denen Arme und Hände fixiert werden …
Filme können einem unauslöschlich beängstigende Szenen ins Gehirn brennen. So wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ für mich dauerhaft die Vorstellung einer psychiatrischen Anstalt prägte, verleidet mir der Film „Fleisch“ bis heute das Thema Organspende.

Durch das Kopfkino geschürte Ängste, verstärkt durch Worte: In der Vorabinformation der Einrichtung lese ich, dass Tablets und Laptops dort generell nicht erlaubt sind; Smartphones werden eingesammelt und nur zwischen dem Ende des wochentäglichen Programms und dem Abendbrot sowie an den Wochenenden ausgegeben werden.
Ängste, befeuert auch durch die Dauer der Reha, die sich über zwölf Wochen erstrecken wird – Gespräche, einzeln und in Gruppen; gemeinsame Aktivitäten wie Wandern und Sport; bei Bedarf auch Physiotherapie. Sechs Wochen soll ich am Stück vor Ort verbleiben, danach wäre in Absprachen mit den Ärzten alle zwei Wochen ein Wochenende daheim möglich.
Rational verstehe ich das alles. Ich verstehe auch, dass Ängste Teil eines Krankheitsbildes sein können. Ebenso weiß ich, dass sich Experten um mich kümmern werden. Dass ich dort die Möglichkeit habe, mich mit Gleichgesinnten (ich drücke mich vor dem Ausdruck „ähnlich Betroffene“) auszutauschen. Dass ich mit ihnen gemeinsam Strategien entwickeln kann, die das Leben einfacher machen – oder man sich zumindest gegenseitig ein Ohr anbietet.
Rational begreife ich auch, dass da niemand eingesperrt ist, dass ich jedezeit gehen und die Therapie abbrechen könnte. Trotzdem briefe ich meine Frau, dass sie nach mir schicken soll, wenn ich mich mehr als zwei Tage lang nicht telefonisch bei ihr gemeldet habe. (Nein – SMS, Mail oder Messanger-Nachricht zählen nicht …)

Als ich nach zwei Monaten Wartezeit die Zusage erhalte, ist meine erste Reaktion: Ich muss raus! Die verlassenen Parkwege und ein leerer Spielplatz spiegeln trefflich meine Empfindungen wider. Die Mauern stehn sprachlos und kalt. Um die Gedanken zu betäuben, lege ich 30.000 Schritte zurück, wovon ich zehn Kilometer jogge.

Die Sonne hat das Wolkengrau beiseitegeschoben. Sie spendet an diesem bitterkalten Tag zwar kaum Wärme, aber zumindest ein freundliches Licht. Der Fluss ist zum größten Teil wieder zugefroren. Auf einem Teich laufen drei Leute Schlittschuh. An anderer Stelle schauen Mutter und Vater ihrem kleinen Sohn zu, wie er mit einem Stock versucht, Löcher ins Eis zu hauen. Im Notfall hätten sie es nicht weit bis zum Ufer.

Mir wird klar, dass Sport während meines Exils elementar für mich sein wird. Ich habe gelesen, dass man in den therapiefreien Stunden Laufen gehen könne. Auch Räder mitzubringen sei erlaubt – wobei das Wetter momentan für Radausflüge denkbar ungeeignet ist. Aber vielleicht hat sich das ja nach dem ersten Heimwochenende bereits geändert.
Eine Freundin, die einige stationäre Therapien absolviert hat („Oh, so lange? So lange war ich nie dort!“), wünscht mir „eine schöne Auszeit“ und dass ich mich gut erholen möge. Die Trainerkollegen in der WhatsApp-Gruppe flachsen, dass ich dort fleißig trainieren solle, obwohl ich in Sachen Fitness ja jetzt schon „allen etwas vormachen würde“.
Darauf läuft es am Ende sicher hinaus: Sich den Ängsten zu stellen und dabei das Beste aus der Situation zu machen – mein Kindl ist vollgepumpt mit Lesestoff: Leichte Lektüre sowie einige Klassiker von „Krieg und Frieden“ bis „Der Zauberberg“(!)
Eines hasse ich aber schon jetzt – Blogartikel mit dem Smartphone zu schreiben. Das ist echt kein Spaß. Aber ich glaube, dass Hass und Abneigung, wie alle anderen starken Empfindungen, auch ein guter Hebel gegen Angst sein können.
Also: Man liest sich.
