Christoph Sanders, Thalheim
Der Montag grau bei minus drei Grad und mäßiger Windbewegung. Nach einer Woche Frost nun immer mehr gefiederte Gäste dicht am Haus, wo der Boden eine leicht höhere Temperatur aufweist. Die Vögel stöbern im Laub umher, wobei das Meisenvolk am agilsten ist. Ein sehr hartnäckiger Grünspecht versucht, in tiefere Schichten zu gelangen. Goldammern finden sich regelmäßig im Pflaumenbaum ein. Mit Kopfschmerz spät aufgestanden. Ab 7 Uhr leise das Radio – ich möchte ein paar politische Feigenblätter zu den Hauptthemen hören. Franziska Giffey, die Berliner Senatorin für Wirtschaft und Energie, versucht nach dem Terroranschlag in ihrer Stadt vergeblich ihre Inkompetenz zu überplappern. Es werden Offenbarungseide geliefert. Allgemeine Verantwortungslosigkeit verlängert das Leid von Zehntausenden. Bundespräsident und Kanzler schweigen.

Es ist schwer, den Kindern die Mühsal der Hausarbeit zu übertragen. Zuvor hab das alles ich gemacht: Kehren, Saugen, Wäsche, Kochen, den Tisch abräumen, Abwasch – daran hat man sich gewöhnt. Aber portionsweise wird dann doch alles erledigt. Nach der Gymnastik Blattspinatsalat, später ein Steak. Zehn Zentimeter Neuschnee. Alle sind gut heimgekommen, schlussendlich auch der Sohn aus London nach stundenlangen Flug- und Zugverspätungen. Die Jüngste macht Feuer, der Ofen wärmt, Zeit für eine Partie Scrabble. Dann noch die Thrombosespritze – Heroinsüchtige sind mir ein absolutes Rätsel.

Dienstagmorgen ist das Haus komplett vom Schnee eingekesselt, was noch mehr marodierende Waldvögel anzieht. Ein einzelnes Rotkehlchen wird von den Finken und Meisen gefürchtet. Zum Glück ist die Straße wegen des Kindergartens streupflichtig – nachdem der Schneeräumer eine zweite Runde gedreht hat, kann der Mülllaster passieren. Im DLF gibt man Preppertipps, zählt auf, wieviel Kerzen, Wasser, haltbare, kalorienreiche Lebensmittel man bunkern soll. Man empfiehlt Kurbelradios – aber wozu? Im Ausnahmezustand würde man sowieso nur das gewohnte Tralala senden – der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist doch inzwischen selbst ein Katastrophenfall. Die Debatte über die Gesinnung der Täter von Berlin gefällt mir gar nicht. Ich sehe eine erschreckende Vulnerabilität, egal wer solche Anschläge erdenkt, koordiniert, durchführt, begründet. Das Problem der ungesicherten Infrastruktur wurde in Deutschland jahrelang schleifengelassen – und das gilt ja nicht nur für den Stromsektor.

Weiteres Ausholzen des Radblogs – die Welt sah 2013 nicht wirklich anders aus als heute – auch wenn die Menge an erzeugten und versendeten Daten pro Sekunde seitdem deutlich gestiegen ist. Um sich von seinem Stressmanagement-Seminar zu erholen, zockt mein Sohn erst einmal eine Runde FIFA. Unsere Jüngste kommt von einer Geburtstagsfeier zurück und kümmert sich wieder um den Ofen. In Erwartung eines vom Teenagergirl zubereiteten Salates schlürf ich Bancha. Allgemeine Ferienstimmung – ich bin der einzige, der nach dem alten Biorhythmus lebt. Mein Bein lohnt es mir – das Hämaton geht allmählich zurück. Ich nehme jetzt nur noch zur Nacht eine Ibu.

Sonniger und kühler Mittwochmorgen mit kleinen Rauchfähnchen. Minus drei Grad, sehr winterlich. Wie zuletzt Erwachen um 7:30 Uhr, dann Dösen bei ganz leise gestelltem DLF; Aufstehen um kurz vor neun – ich bin dann völlig ausgeschlafen. Ich genieße beim Betreten des Wohnzimmers den Tannenduft, die Wärme und das dunkle Rot der Tischdecke. Zum Frühstück Sencha und Müsli mit Früchten und Nüssen. Im Garten leuchten im ersten Licht des Tages die Farben auf: Das leicht blau gesprenkelte Kopfgefieder der Haubenmeise; der elegant kolorierte Kleiber auf der Motorsäge; der Zaunkönig am Fuß des Tulpenbaums – ein brauner Tischtennisball mit Sterz; das Rostrosa des Buchfinkenbauchs im Pulverschnee; die Amseln als schwarze Kleckse auf der weiten weißen Fläche. So einen Winter hatten wir lange nicht – wenn ich mir etwas aus Skisport machen würde, wäre ich angesichts der Krücken deprimiert. Während sie sich fein macht, berichtet meine Jüngste von der Sichtung einer Tannenmeise, beschreibt diese exakt. Wie schön, dass wir das gute alte Zeiss mit seiner fantastischen Naheinstellung im Haus haben!

Der Süden Berlins hat wieder Strom und Netzempfang. Bald ist Fasching. Mein Sohn wird von einem Kumpel heimgebracht – FSJler nach gemeinsamer Seminarfolter. Eine der Töchter wäscht mir die Haare, die andere reicht mir Tee und macht Ofengemüse. Danach wird gemeinsam Bananenbrot gebacken. Blogarbeit, Kempowskis „Alkor“ und Thrombosepritze, Prokofievs fünf Klavierkonzerte mit Ashkenazy und dem London Symphony Orchestra unter Previn.

Am Donnerstag um sieben kurz hoch. Ich schaue den Helfern des Kindergartens beim Schaufeln zu: lockerer Schnee – das geht leicht von der Hand. Ich würde was drum geben, das jetzt auch zu können. Der Finanzfacharbeiter hat seinen Besuch beendet und ist um halb acht weggefahren, unser FSJler hat sich eine halbe Stunde später zum nächsten Seminartag aufgemacht. Als ich mich wieder hinlege, lachende Frauenstimmen. Am Vormittag fahren meine jungen Damen mit dem Bus nach Limburg zum Shoppen: DM und HM, sogenannte Asianudeln essen. Strom- und Gasversorgung stabil, gutes Netz, sehr gute, kompakte Orangen zum Frühstück. Ich verbringe einen einsamen Tag, humple auf Krücken durchs Haus. Weitere Radbog-Revision: Floskeln und Redewendungen ausstreichen, immer den Kerngedanken finden – das geht nach zehn Jahren leichter; die SD-Karten aus dem Jahr 2013 durchsuchen – wie gut, dass es diese Speicheform gibt. Zum Mittag mit Pastinaken gepimpter Blumenkohl, Steak und Basmati. Gutes Essen ist nicht schwer zuzubereiten – in reichen Gesellschaften wie der unseren ist Kochen imzwischen aber eine schwindende Kulturtechnik, dabei gibt es so viele fabelhafte Küchen in Europa. Meine Kinder haben heute bemerkt, dass in den Ferien weniger Busse fahren, jetzt wissen sie , warum hier jeder den Führerschein macht. Nach und nach kommen von der Mittleren Details vom kürzlichen Schüleraustausch in Frankreich zur Sprache: Feiertags wurde in der Gastfamilie Tiefkühlpizza gegessen (Salami, Mozzarellai, Quatre Fromages). Einmal wurde abgelaufenes Fleisch zubereitet – sie haben es nicht bemerkt, wussten gar nicht, wie das riecht. Um für das Netflix-Abo und den Skiurlaub zu sparen, gab es auch schon mal an drei aufeiananderfolgenden Tagen Kohlsuppe. Das kulinarische Niveau stieg, wenn der Schwiegersohn, ein Fischer, Makrelen und anderes mitbrachte. Es ist milder geworden, Eisregen und Schneestürme blieben aus. Inzwischen um die null – da kann nichts Böses mehr kommen, die Luftmassen sind einfach zu warm.

Freitag nach längerem Frost plus 6 Grad. Der Schnee taut matschig vor sich hin, von den Dächern tropft es. Ingwermarmelade, Käse, Brot, eine Clementine. Zurechtmachen für die Physiotherapie – mein Sohn fährt mich hin. Die erste Behandlungsstunde angenehm und nett. Meine Heilung ist im Normbereich, nur das immer noch dicke Bein fällt heraus. Mehrere Übungen für die Oberschenkelmuskeln, die am nötigsten Bewegung brauchen – im Stehen, im Liegen, im Sitzen, wichtig ist die langsame Ausführung. Und weiterhin geduldig sein – es noch nicht viel, was ich kann, soll und darf, die Knochen benötigen sieben Wochen zum Anwachsen. Noch fünfundzwanzig Tage bis zur Reha, dort gibt es ein Tagesprogramm. Ich hörte der Physio begierig zu – man muss die Hilfe von Experten annehmen, die haben einen besseren Blick auf Dich, als Du ihn je haben kannst. In der Post diverse Krankenhausrechnungen im insgesamt niedrigen fünfstelligen Bereich. Die Berechnungen allgemein undurchsichtig. (Wie werden Tarife für Rettungswageneinsätze kalkuliert?) Gespart wird in den Kliniken definitiv am Essen, an frischer Nahrung, den so wichtigen Vitaminen und Spurenelementen. Das ist gegen jegliche medizinische Evidenz!!! Zu hause hat man das zum Glück selbst in der Hand – und so gab es heute Feldsalat mit Reis, Tomaten, Joghurt sowie Bio-Hähnchenschenkel die auf den Punkt gegart waren – mein störrischer, kochbegabter Teenie jauchzte beim Anschneiden. Der Backofen wirkt wie ein Magnet – die Mädchen haben nachmittags einen fantastischen Blaubeer-Zitronencake gebacken, ich zeigte ihnen, wie man sautierte Champignons macht. Wie gut es uns geht!

Der Weihnachtsbaum liegt nun abgeschmückt zur Abholung bereit – das macht bei uns die Feuerwehr. Heute wäre mein Vater 88 Jahre alt geworden, er wurde gerade mal 72 …
