Christoph Sanders, Thalheim
Am Samstagmorgen sind die Autospuren auf der Straße vorm Haus dünn mit frischem Schnee bedeckt. Die Ammern kommen jetzt auch vom Feld bzw. dem Pflaumenbaum bis ans Haus, wo bereits emsig die Amseln buddeln. Ein schönes Schauspiel. Ich streue Chiasamen aus. In der Nacht habe ich drei Stunden lang unter zwei Bettdecken gefroren, vielleicht bahnt sich ein kleiner Infekt an. Ab 5 Uhr war mir dann wohlig warm. Bis neun Dösen mit dem Deutschlandfunk: Ein Grüner der dritten Reihe kommentiert die Aufstände im Iran. Die Abschaltung des Internets durch die Mullahs ist bemerkenswert – keine halbwegs laufende Volkswirtschaft kann es sich leisten, das lange zu machen. Im Grunde genommen eine Kapitualtion, aber was wissen wir schon. Letzte Woche sah ich mir im Landesmuseum Miniaturen persischer Prinzen an, die im Blumengarten Bücher lesen. Die Feuerwehr holt mit Traktor und Anhänger die Christbäume ab – eine kleine Spende ist erwünscht. Strom und Gas sind stabil, nichts flackert – da kann das Wohnzimmer nun mit dem Sauger vom Weihnachtsstaub befreit werden, bevor der hektische Alltag beginnt.

Die Kinder vergleichsweise früh aus dem Bett – Vorbote des alten Tagesrhythmus, da am Montag wieder die Schule losgeht. Unsere Siebzehnjährige beginnt dann im Altersheim ihr Sozialpraktikum – um 7:39 Uhr fährt ihr Bus, was ich sehr human finde. Schluss mit dem Sumpfen! Mit dem Sohn Einkaufen. Der weibliche Gimpel und die Haubenmeise sind wieder aufgetaucht. Zum Mittag Sellerie, Kartoffeln, Putenschnitzel, danach Blogarbeit. Interessant, wie sich in zehn Jahren die Räder änderten – Rennbikes haben immer so gruselig modische Designs: unglückliche Farben, missglückte Typo, dumme Beschriftungen – dieser ganze Technik-Kitsch, der mit dem Preis des Endprodukts ja zunimmt. 2014 lese ich auf der Hin- und Rückfahrt des Rennens „Hamburg – Berlin“ Wolfgang Herrndorf. Unspektakuläres Tagesende: Nachdem es zu regnen aufhört, wird es kälter. Drinnen wärmt der Ofen. Meine Kinder beginnen plötzlich Schulstoff zu sichten. Für mich statische Beinübungen, immer auf und ab. Das ist zwar öde, aber wichtig gegen den Muskelschwund.

Deutsche Lesefibeln – Techno-DJ Mark Spoon – Ambroise Thomas´ Oper „Psyche“ – das waren die drei hochinteressanten, anregenden und gut erzählten Themen, die der DLF vor 10 Uhr präsentierte. Danach übernahm das Einerlei der dpa-Liturgie und die Propaganda. Wieder ordentlich kalt, aber sonnig. Der erste Sencha auf den Punkt. Die Kinder schlafen ein letztes Mal aus und kommen nach und nach heruntergetröpfelt. Natürlich missmutig. In Kempowskis „Alkor“ eine ganze Seite aus Schostakowitschs Memoiren, in denen sich dieser über realtiätsblinde Moralhelden wie Feuchtwanger oder Bernard Shaw erregt, die weder die Hungersnot noch den anderen Mangel in Russland sehen, gerade Feuchtwanger zeichnet Stalin als einen braven, schlichten Mann. Schostakowitsch: „Warum belügen diese Leute die ganze Welt? Warum spucken hochberühmte Humanisten auf uns? Auf unser Leben, auf unsere Ehre und Würde? Doch dann wurde ich mit einem Schlage ruhig und gleichgültig. Sollen sie doch spucken. Soll sie doch der Teufel holen. Ihnen geht ihr behagliches Leben als berühmte Humanisten über alles. Das heißt: man braucht sie überhaupt nicht ernst zu nehmen, sie zählen gar nicht. Sie kamen mir auf einmal wie Kinder vor, allerdings wie garstige Kinder.„

Am Nachmittag eine amtliche Schnee- und Regenwarnung. Nach NRW sagt nun auch Hessen den Unterricht ab. Das große Problem, dass dem in so einem Fall immer folgt, ist die Kinderbetreuung. Die Eltern müssen ja in der Regel zur Arbeit, viele Großeltern sind krank, dement oder leben woanders. Während ich Nähe des Ofens noch ein wenig arbeite, erwarte ich mit väterlicher Sorge den Sohn zurück – er ist Fahranfänger. Meine Frau soll heute auch noch ankommen; sie war vier Tage weg und ist bereits einen Tag überfällig – wegen der Schneewehen waren gestern alle Züge ausgebucht und auch heute könnte es knapp werden. Es fehlt an allen Ecken das Fußvolk – die die Winterdienste, Lokmechaniker, Zugführer, Schrankenwärter etc. etc. Nur unsere Flughäfen laufen nahezu immer rund – Urlaube und die frischen Lieferungen aus Shenzen sind eben systemrelevant.

