Frank Schott, Leipzig
Dramen im Hinterhof! Unsere Familie ist hin- und hergerissen zwischen ein wenig Stolz, ein wenig Entsetzen und ganz viel Ratlosigkeit. Was ist passiert? Unsere beiden Kater haben ihren Jagdinstinkt entdeckt und verfeinert – vor allem der getigerte.
Am Donnerstag hat er wieder einmal eine Spitzmaus erwischt. Eines unserer Kinder sieht das und öffnet die Terrassentür, doch der Kater macht sich mit der Maus aus dem Staub – er hat dazugelernt! Die letzten Mäuse und Spatzen wurden ihm schließlich immer wieder abgenommen. Das lässt er nun nicht mehr zu und versteckt sich argwöhnisch im Farn. Als sich mein Kind nähert, springt er samt Beute zwischen den Fangzähnen über den Zaun zu den Nachbarn.

Unser Kind verzieht sich – er kommt wieder heraus. Ich bleibe ruhig an meinem Platz und beobachte weiter. Natürlich spielt er mit seiner Beute – zumindest bezeichnen wir Menschen das als „Spielen“, wenn er die Maus scheinbar unbeachtet lässt, während diese sich totstellt. Der Kater putzt sich, als wäre nichts passiert, aber am peitschenden Schwanz und den vibrierenden Ohren erkennt man, dass er aufgeregt ist. Die Maus bewegt sich von ihm weg. Schwupps gibt es einen Schlag mit der Pfote und sie ist wieder eingefangen.
Er zieht sich erneut ins Farnkraut zurück. Auch hier lässt er die Maus los – so kann sie durch das Zaungitter in den Nachbargarten entwischen. Der Kater passt hier nicht durch – er sieht die Maus, kann sie aber nicht erreichen. Die Aufregung ist groß! Er springt über den Zaun und wieder zurück. Noch einmal dasselbe, dann hat er sie erneut eingefangen. Scheinbar großzügig entlässt er auf unseren Rasen sie ein weiteres Mal aus seinem Maul.

Wir werden zum Mittagessen gerufen. Als wir wieder in den Garten schauen, ist der Kater noch da, die Maus aber nicht. Vermutlich verspeist, denken wir. Wobei in der Familie ein klein wenig Hoffnung auf ein Happy Mouse End bleibt.

Tags darauf schlägt auch der schwarz-weiße Kater erstmals zu. Er wirkt immer etwas behäbig, fast dümmlich – aber ich denke, das ist vielleicht nur Fassade. Wie einst bei Inspektor Columbo, der die Verbrecher mit seinem trotteligen Eindruck in Sicherheit wiegte, bevor er sie mit seiner letzten Frage erbarmungslos festnagelte. Nun war also auch er erfolgreich und hat einen Vogel gefangen. Der kann sich kaum noch rühren und ist halb vom Gras verdeckt. Für mich sieht das nach einer Drossel aus, doch meine Frau beruhigt das Kind: „Das ist nur ein unerfahrener Jungspatz.“

Die Familie berät sich: Die Kater drinnen zu lassen wäre Tierquälerei. Sie im Haus zu bespaßen, bis sie müde und ausgepowert sind? Mal ehrlich: Wer will diese Aufgabe schon tagtäglich übernehmen? Ja Kiddies, it’s nature, stupid, um mit den Worten eines US-Präsidenten zu sprechen. Katzen sind Jäger. Ein Kompromiss liegt in der Luft: Mehr und größere Glöckchen am Halsband könnten es richten.

Zur Erholung jogge ich durch den Park. Es läuft sich wie befreit, zumal es kurz zuvor etwas geregnet hat. Die Wege sind nicht pfützennass, aber der Staub wurde aus der Luft gewaschen und die Temperatur ist angenehm. Ein permanentes Brummen und Dröhnen begleitet mich – die Wiesen und Deiche werden geschoren. Im Einsatz sind Rasentraktoren, Motorsensen und – was ich zum ersten Mal sehe – ein ferngesteuertes, raupenähnliches Gefährt. Die unvermeidlichen Krähen sind sogleich zur Stelle und inspizieren das frisch gemähte Gras. Vielleicht findet sich ja ein Regenwurm, eine Schnecke oder etwas ähnlich Nahrhaftes? Meine Laufzeit lässt sich gut an – ich schaffe knapp elf Kilometer in gut einer Stunde.

Nachdem die Kater den armen, immer noch lebenden Vogel, von dem wir inzwischen wissen, dass es sich um eine Amsel handelt, ein weiteres Mal in Klauen und Maul hatten und sich davon auch nicht von uns abbringen ließen, trifft das Kind in der Frage „Familie versus Kleintierschutz“ die endgültige Entscheidung – sie fällt zugunsten der Vögel und Mäuse aus. Unsere Katzen bekommen Hausarrest.

Mittlerweile sind die Katzen den dritten Tag im Haus. Ich höre ihr sehnsuchtsvolles Miauen, sehe ihre traurigen Gesichter und spüre ihr einschmeichelndes Entlangstreifen am Bein. Ich sage, die Kater sind Familie, Vögel und Mäuse hingegen nicht, also lasst uns den beiden die Freiheit zurückggeben. Aber mein Kind hat zu große Angst. Und weil es psychologisch angeknackst ist und wir uns mehr Sorgen um unser Kind als um die Katzen machen, bleiben die Türen zur Terrasse und zum Vorgarten Tabu. Tut mir leid, ihr Kater.

Unser anderer Sohn überrascht derweil mit der harschen Ansage, dass er ab sofort nur noch vegan essen werde. Oh, denke ich, Schluss mit Protein-Pudding und Skyr, die er in rauen Mengen in sich reinschaufelt, um seinen Muskelaufbau zu fördern? Aber dann folgt auch schon die Entwarnung: Fleisch sei nach wie vor in Ordnung, nur muss es Bio sein. Sagt’s und zieht sich für sein Übungsprogramm in sein Zimmer zurück. It’s puberty, stupid.
