Gregor Dill, Moabit
Ich liege wach im Bett. 4:45 Uhr: Ich drehe mich noch einmal um und schlafe weiter. 6:00 Uhr: Zeit aufzustehen – der Sport ruft.
Irgendwann erkannte ich, wie gut mir ein paar morgendliche Übungen in der Küche tun. Sie helfen mir dabei, die Verspannungen des Lebens zu lösen und mich wieder fit zu fühlen – zumindest für eine Weile. Körper, Geist und Seele sind sich einig, dass diese Routine gekommen ist, um zu bleiben. Ich stehe auf – ich will mich bewegen.
Die Küche scheint mir dafür heute zu klein, also es geht es nach draußen. Ich schnappe meinen schwarzen Stoffbeutel und packe das IPad, die Boombox und eine Wasserflasche ein.

Ich traniere im Sportpark gegenüber. Dort gibt es eine Calisthenics-Ecke mit Gummiböden, Reckstangen und Schwungelementen. Die ersten Übungen fallen mir leicht und machen Spaß. Ich habe Lust auf mehr und probiere mich aus. Spüre in mich und meine nur noch minimalen Verspannungen hinein, dehne mich dementsprechend. Ich liebe es, Spannung zu „ertasten“, zu halten und dann etwas weiter zu dehnen. Das Gefühl der Erleichterung im Nachgang ist eine traumhafte Entlohnung.

Während ich schnaufend mein Programm absolviere, hüpft ein kecker Spatz auf einen Meter heran, schaut mir in die Augen und trällert zweimal. „Guten Morgen!“, trällere ich zurück. Offenbar höflich genug, denn er wirkt glücklich und zieht friedlich weiter.

Nach den Übungen liege ich noch ein wenig da, blicke gen Himmel und lausche meiner aktuellen Lieblingsplaylist, die in zufälliger Reihenfolge und moderater Lautstärke Songs aus meinem Beutel klingen lässt – weniger zur Motivation als zur Untermalung. Direkt über mir zieht eine Schwalbe vorbei; in einiger Entfernung zwei weitere, die, für mich lautlos, ihre Schwünge in einem fast wolkenlosen Blau ziehen. Ich habe den Eindruck, sie turteln.

Ich stehe auf. Auf dem Weg zu meiner Lieblingsbank hinter der Zufahrtsmauer treffe ich einen Freund. Auch er ist ein früher Vogel, der seine Runden dreht, auf dem Trampolin des Kinderspielplatzes hüpft, sich bewegt. Wir plauschen, tauschen Wissen und Ahnung über Faszien und unsere Körper aus. Das bringt uns dazu, gemeinsam auf den Sportgeräten in uns hineinzulauschen.

Erstaunlich, wie schwer es sein kann, mit geschlossenen Augen auf Zehenspitzen stehend auf weichem Untergrund zu wippen. Ein komisches Gefühl! Und doch: Je ruhiger man wird, je mehr man lockerlässt und sich auf seine Atmung konzentriert, desto besser gelingt diese Übung. Toll!

Zum Abschied geherzt, setze ich den Weg zur Bank fort. Nebenher sammle ich Müll auf – einmal Feierreste an einer Tischtennisplatte und dann ein paar McDonald’s-Tüten, die sich soeben ein Hase geschnappt hat, um nach schnellen Snacks Ausschau zu halten. Als ich ihn dabei ertappe, rennt er mir fast panisch entgegen – neben mir liegt sein Bau; er verschwindet im Erdloch. Ich werfe die Pommes in die nächste Mülltonne – Pech für ihn, und Glück zugleich, ist so ein Essen doch eher von minderer Qualität.

Der Weg ist gesäumt von Blumen und Blüten, Sträuchern und Büschen. Jetzt, es ist ungefähr halb acht, brummen die dicken, puscheligen Hummeln um ihren Hit, den roten Mohn herum. Die filigraneren Bienen bevorzugen den Gewöhnlichen Natternkopf mit seinem herrlichen Blau oder die hellgelb blühende Königskerze. Deren kostbare, zarte und weiche Blüten schmecken angenehm mild, etwas süßlich und buttrig und nur ein kleines bisschen herb.

Ich betrachte ein Bündel heranwachsender Sonnenblumen und freue mich auf den August und September, wenn die Blüten sich dem Licht entgegenrecken werden. Ich bin jetzt schon neugierig, welche Formen und Höhen sich dann zeigen – da die Blumen sehr dicht beieinander stehen, rechne ich mit eher kleinen ein bis anderthalb Metern. Die Zeit wird mir eine Antwort geben.

Ich komme an meiner Bank unter der Ölweide an und nehme Platz. Bienen laben sich an den letzten süß schmeckenden Knospen. Ich atme tief den Honigduft ein und spüre den Schatten der Baumkrone angenehm auf der Haut. Diese Kühle und die durch die Blätter immer wieder anders fallenden Sonnenstrahlen machen das hier zu einem Platz, den ich lieben und schätzen gelernt habe. Ich fühle mich wohl auf dieser Bank, hier in Berlin, Berlin Mitte, Moabit.

