Am Montag sitzen, einem kleinen Wunder gleich, auf der Rückfahrt vom Schlachtensee ab Zoologischer Garten in meiner Waggonhälfte auf einmal ein halbes Dutzend Menschen mit einem Buch in der Hand – und somit mehr als mit einem Phone. Insgesamt fallen mir in der letzten Zeit zunehmend Leute mit Büchern in der U- und S-Bahn auf – nicht nur als gelernter Einzelhandelskaufmann für Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Tabak begrüße ich das. Am Tag darauf steht auf dem Bahnhof Westkreuz ein Mann neben mir, der eine einfache Mund-Nasen-Bedeckung trägt. Beim Einsteigen zieht er über diese noch eine FFP2-Maske. Es fällt ihm sichtlich schwer zu atmen. Ein trauriger, mich anrührender Anblick – was auch immer ihn zu dieser medizinisch sinnlosen Handlung bewogen haben mag.

Ein paar Minuten zuvor nutzte ich die Umstiegspause von der S42 in die S7, um am Wildpinkelzaun auszutreten. Dabei beobachtete ich eine Goldfliege. Ich weiß nicht, ob es am Brummen oder Vibrieren liegt, aber ich habe dieser Unterart der Schmeißfliegen nie getraut. Dabei sind sie wertvolle Zersetzer von organischem Material und wichtige Bestäuber; ihre (steril gezüchteten) Larven werden sogar in der Wundheilung zum Abbau abgestorbenen Gewebes eingesetzt.

In der Schlachtenseebucht stelle ich fest, dass ein Blässhuhnküken fehlt – nun sind es nur noch vier. Die drei Haubentaucherjungen sind jetzt allesamt vom Rücken der Eltern heruntergeschubst worden und bewegen sich selbstständig im Wasser. Zur Fütterung mit kleinen Fischen, die vom jeweils tauchenden Altvogel zeitversetzt reihum verteilt werden, schwimmt noch die gesamte Familie zusammen.

Nach dem Mittag bekomme ich meine reparierte Waschmaschine zurück. Einer der beiden türkischstämmigen Monteure gibt mir die Anweisung: „Erste Mal du machst nur Essig ins Fach und wäschst bei 95 Grad einmal leer durch. Keine Kleidung! Wenn alles fertig, du kannst wieder loslegen, Bruder.“ „Bruder“ ist neben „Schwester“ die ortsübliche Anrede. Ali, der alte kurdische Gemüsehändler, nennt die, die er (wie mich) im Kampf gegen den Imperialismus auf seiner Seite wähnt, „Kamerad“, meine griechische Lieblingswirtin sagt zu allen, die ihr sympathisch sind, „mein Freund“ beziehungsweise „meine Freundin“. Einmal nannte mich ein junger Barbier im Salon Ïsa respektvoll „Onkel“ – so schnell wird man vom „abi“ zum „amca“.

Wegen der Lieferung komme ich zu spät zum Tischtennis. Als ich erzähle, was der Grund ist, werde ich von allen gefragt, warum ich die alte Maschine habe reparieren lassen, schließlich hätte ich für dasselbe Geld auch eine neue bekommen – „sogar mit Trockner!“. Ich rechne ihnen vor, was mich das Gerät in den zweiunddreißig Jahren, in denen ich es intensiv nutze, inklusive zweier Reparaturen gekostet hat. Nun rechnen sie selbst und berichten, dass ihre Maschinen nie so lange hielten – am Ende stellt sich heraus, dass meine Taktik die finanziell und umwelttechnisch vernünftigste ist.

Am Mittwoch die seltene Gleichzeitigkeit eines blutorangenen Sonnenaufgangs unter einer massiven, Gerhard-Richter-grauen Wolkenwand bei heftigem Regen. Am See beobachte ich einen Schwan, der dem Niederschlag trotzt, indem er den Kopf unter Wasser steckt. Während ich ein wenig darüber sinniere und darauf warte, dass er wieder Luft holt, stellt sich jemand neben mich – der Kieler! So wie ich eingemümmelt in triefend nasse Regenklamotten. Ich: „Warum wundert mich das jetzt nicht, dass ich dich hier treffe. Wir sind bestimmt die Einzigen, oder?“ Er: „Vorhin huschte noch einer am Ufer entlang. Aber es gibt ja nichts Besseres, als bei dem Wetter zu schwimmen.“ Ich: „Allein wegen der hochspringenden Tropfen – was für ein Anblick!“ Er: „Ich tauche sogar immer etwas unter, damit die Augen genau über der Wasseroberfläche sind.“ Ich: „Ich auch!“ Beide: „Haha, das ist das Beste!“ Er soll der einzige Mitschwimmer bleiben, den ich treffe – zumindest unserer Spezies.

Premiere für den wasserfesten Beutel, den ich in der vergangenen Woche für meinen zweiten Platz bei einem Tischtennisturnier in Wilmersdorf bekam – er hält nicht nur dicht, sondern ist, wie ich im Schummerlicht merke, reflektierend. Das ist jetzt innerhalb weniger Wochen das zweite Mal, dass ich etwas geschenkt bekam, das im Dunkeln leuchtet – das erste war ein fescher Aufkleber, den mir ein Verkehrspolizist in die Hand drückte, während seine drei Kollegen zu Fuß einem Jugendlichen auf einem Elektroroller hinterherjagten.

Nach dem Mittagessen drehe ich eine kleine Weddingrunde. Es hat inzwischen aufgehört zu regnen. Im sehr gut sortierten Antiquariat „Mackensen & Niemann“ im Malplaquetkiez kaufe ich, damit ich nach den Meisterwerken „Maschinen und Wölfe“ und „Das nackte Jahr“ keine Entzugserscheinungen bekomme, das nächste Pilnjak-Buch: „… ehrlich sein mit mir und Rußland“. Außerdem nehme ich „Das Licht der Toten. Erinnerungen an die Realität“, autobiografisch geprägte Geschichten des ehemaligen Geologen Andrej Bitow aus Leningrad mit. Unser westliches System ist inzwischen dermaßen im Niedergang begriffen, dass wir die Rettung wohl nur noch in älteren Schriften aus dem Osten finden werden. Vor mir will ein junger Mann seine Ausbeute aus dem Philosophieregal bezahlen und stellt fest, dass ihm etwas Geld fehlt. Ich will gerade einspringen, da erlässt ihm die Antiquarin die fehlenden zwei, drei Euro. Sich bedankend hüpft er zur Tür, um sich dort noch einmal umzudrehen und zu rufen: „Ich gebe Ihnen das Geld dann beim nächsten Mal!“ Gute Leute.

Danach mache ich meinen traditionellen Schlenker in die Brüsseler Straße zu einem der letzten Second-Hand-CD-Händler der Stadt. Der hat gerade hunderte „russische Klassik-CDs“ reinbekommen. Ich sehe die Stapel durch. Ein anderer Kunde fragt, ob Requieme dabei sind. Ich antworte: „Die üblichen und ein paar modernere Polen und Tschechen.“ Wer in so einem Laden ist, weiß, was das bedeutet. Wir unterhalten uns darüber, dass es sehr schöne Messen gibt – „man muss ja nicht gleich gläubig werden“. Dem Händlerpärchen sage ich, was sich wirklich unter den Neuzugängen befindet – Russen waren es nicht. Mir wird angeboten, dass ich mir nach dem Durchwühlen die Hände wasche – ich lehne dankend ab: „Ich muss jetzt eh noch mit der U9 fahren.“ Aus drei Mündern kommt ein bitteres, wissendes Lachen. Neben der Durchsetzung des Fistbumps ist die Etablierung des Alltagssarkasmus das einzig Positive aus den Coronajahren.

Am Donnerstag treffe ich zum ersten Mal in diesem Jahr das um die neunzig Jahre alte Umweltschützerpaar am See. Als die Frau mich entdeckt, ruft sie winkend von der anderen Bank herüber: „Wir sind’s!“ Ich winke zurück: „Ich auch!“ Ich gehe zu den beiden, wir starten umgehend den ornithologischen Austausch: Vom brütenden Schwan an der Westspitze gibt es noch nichts Neues zu vermelden – sie waren gerade da. Der Mann berichtet von außergewöhnlichen Schwalbenbewegungen, ich ergänze mit dem seltsamen Flugmuster vor ein paar Wochen in der Bucht. Das findet er sehr interessant, hat aber auch keine Erklärung. Es folgen diverse Vogelfamilien und deren Nachwuchs. Das Verschwinden von Jungen wird, wie von allen am See, als Teil des Lebens wahrgenommen – wir sind dort allesamt empathische Fatalisten. Ich berichte vom Eichelhäher, den ich ab und an zwischen der Polizeistation und dem singapurisch-indischen Restaurant sehe oder höre – ich bin mir sicher, dass die beiden demnächst mal dort vorbeigehen werden. Mich erinnern diese Gespräche an die in Fußballstadien: Es gibt ein gemeinsames Interesse und Grundwissen, sodass man selbst mit Fremden sofort losreden und mit Bekannten einst begonnene Themen auch noch nach Jahren nahtlos fortsetzen kann. Das hält die Welt zusammen.

Das sie keine bürgeroffene Versammlung des Grünflächenamtes auslassen, hätte ich am Freitag ausgesprochen gern die Expertise der beiden verdienten Umweltschützer vom Vortag angezapft. Der Regen vom Mittwoch und ein Nachmittagsgewitter am Donnerstag hatten am Nordufer für Bäche und Erosionen gesorgt. Am Südufer passierte hingegen wenig, da dort justament erste Barrieren aus Totholz errichtet wurden. Wir sprachen im vergangenen Jahr mal kurz über das Thema, bei dem es um Zuständigkeiten geht: Für die Nordseite ist die Landesforstverwaltung verantwortlich, für den „klimasensiblen Umbau“ der Südseite wiederum der Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Zu diesem Ämterirrsinn hätte ich gern ein Update …

Später bringe ich eine Stuhlprobe zum neuen Hausarzt – mal kieken, was sich bei meiner Helicobacter-pylori-Fehlbesiedlung getan hat.
