Gregor Dill, Moabit
Ich sitze im Freien und erwarte voller Freude die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Sie gehen gerade hinter dem Haus auf und werden bald auch meinen Platz, meine Umgebung erhellen.

Gleichzeitig nehme ich den Wind wahr, der in meinem Rücken weht und etwas Kühle mit sich bringt – genau an der Grenze zwischen angenehm und unangenehm. Ich bin leicht zittrig, worauf meine Körpersysteme reagieren: Durch eine kleine Positionskorrektur sitze ich nun etwas niedriger. Jetzt wird mich die Sonne zwar etwas später erreichen, aber der Wind trifft nicht mehr auf meinen unteren Rücken. So fühlt es sich besser an.

In der Ferne zwitschern Vögel; die nahen Krähen krächzen bzw. kroahen. Sanft fahren Züge über Schienen, und doch sind die Stöße der enorm robusten Räder auf Gleisholme, Schwellen und Weichen deutlich wahrnehmbar – sie tragen die schwere Last des Metalls und der Waggoninhalte.

Vereinzelt höre ich Fußtritte – gummierte Schuhe, die sich mir nähern und sich wieder entfernen. Das Geräusch verrät mir, dass der Untergrund fest ist: Pflaster oder Stein, wahrscheinlich sogar Beton, der geriffelt sein muss, da es nur wenig nachhallt.

Das Klirren und Surren einer Fahrradkette, die zu wenig Schmiermittel erhalten hat, um den Staub zwischen den Gliedern zu binden und dem Rost zu trotzen, mischt sich dazu – sie wird getrieben und gespannt von der Rotationsbewegung eines Menschen, der ein Ziel verfolgt und es erreichen will und wird. Die Tritte sind entspannt, sanft und ruhig und passen sich der Kurve an, um gleich darauf der folgenden leichten Steigung wieder mehr Energie zu widmen.

Mehr und mehr Fahrzeuge schneiden sich als Geräuschkulisse durch den lichten Raum hinter mir. Die Bäume, welche die Straße säumen, fangen den Schall ein, halten ihn am Boden und machen ihn in der Umgebung lauter. Gleichzeitig dämpfen sie das Rauschen nach oben hin ab, während die harten Oberflächen der Gebäude die Wellen doppelt, dreifach, ja vielfach reflektieren. Es sind große und kleine Autos; schön anzuhören sind die behutsam gebremsten. Das vorgegebene Tempo 30 wird von den meisten in etwa gehalten.

Diese akustische Dichte, das Rauschen, ist für mich angenehm – für den einen oder anderen könnten die schnellen, maschinellen und reflektierten Töne jedoch schon zu viel sein. Aber die Mehrzahl der Menschen schläft um diese Zeit noch; Schule und Arbeit beginnen für die meisten erst zwischen 7 und 8 Uhr.

Eine Krähe macht lautstark auf sich aufmerksam. Ihre Rufe werden umgehend von zwei Joggern überlagert, die mit hartem Tritt näherkommen. Sie treten unsauber auf, wie gehetzt und unter Druck; ihre Atmung ist hechelnd, laut und schwer – als wäre es für sie eine Pflicht zu laufen, als wären sie nicht frei und eigenbestimmt unterwegs. Anderes Schuhwerk wäre empfehlenswert.

Eine Frau, fixiert auf das Smartphone in der Hand, somit abgelenkt vom Leben, hat die Umgebung nicht im Blick. Ihr Gang ist holprig, schlürfend, teils wirr schlendernd, sodass sie immer wieder den Kurs korrigiert. Das wird sie das schneller als andere erschöpfen; sie wird hungrig sein und neue Energie ziehen wollen, ja müssen.

Es folgen eilige, laute Schritte. Ein vibrierender Koffer – oder eher ein Rucksack, denn es sind klappernde Metalllaschen zu hören – wird in Richtung der Gleise bewegt. Vielleicht möchte da jemand einen Zug erwischen; etwas zu spät und doch optimistisch, dass das Tempo trotzdem reicht, denn hektisch ist dieser Lauf nicht, er ist überlegt, so als ob die Person die Länge des Weges kennt und die eigenen Kräfte gut einschätzen und einteilen kann. Hier ist Weisheit zu erkennen, gute Erfahrung und ein sorgsamer, zarter Umgang mit sich selbst. Und eine Bewusstheit – denn um zu spät zu sein, muss man zuvor abgewogen haben, ob man gegenwärtigen Augenblicken und Räumen mehr Aufmerksamkeit widmet als den wartenden Dingen, Personen und Pflichten. Man entscheidet souverän, lebt achtsam und bringt die eigene Energie genau dort ein, wo sie im Moment erforderlich ist.

Zuletzt ein Mann, sanft im Tritt auf gummierter Sohle, leise und schwingend. Kopfhörer schirmen ihn ab vom vermeintlichen Lärm der Stadt und lassen ihn nur das wahrnehmen, was er will. Er zieht meinen Blick auf sich, doch selbst will er ihn nicht erwidern – er versucht mich zu ignorieren, sieht mich aber aus dem Augenwinkel. Seine Hard-Rock-Klamotten strahlen eine gewisse Härte aus, eine Liebe zu Kraft und impulsiver Energie. Doch die gepflegten Haare und nur wenige Tattoos auf der Haut zeigen eine Weichheit, einen sensiblen Kern, der nicht darstellen muss, was nicht vorhanden ist. Er ist also in sich stimmig und ebenfalls ganz bei sich. Das ist schön.
