Frank Schott, Leipzig

Es ist Frühling. Nicht nur die Vögel sind auf der Balz, sondern auch die Jungmänner der menschlichen Spezies. Mit nackten Oberkörper posieren sie im Park, dehnen die im Fitnessstudio geformten Bäuche und Oberarme, zeigen ihre Muskeln beim Turnen und Klimmziehen am Reck oder versuchen die Menschenweibchen mit ausgefeilten Schmetterschlägen beim Volleyball zu beeindrucken. Nun ja, irgendwer muss all die Protein-, Kreatin- und Ghiasamen-Produkte schließlich kaufen und zu sich nehmen.

Am Samstag stimmen ausnahmsweise auch die jugendlichen Mitglieder meiner Familie einem langen Spaziergang Richtung Wildpark zu. Wir nehmen den Weg an der Pleiße entlang. Ein Kind will unbedingt Käfer, Bienen und Hummeln fotografieren, das andere am liebsten sofort umkehren. Am Ende schaffen wir es mit beiden zum Ziel, wo sich der Große dann aber verabschiedet. Wir anderen wollen noch etwas im kleinen Parkimbiss trinken – und erschrecken über sportliche 4,80 Euro für ein 0,4-Liter-Glas Apfelschorle.

Auf dem Rückweg würde ich gerne die Flora intensiver genießen, aber die Familie geht so rasch voran, dass ich mich immer wieder losreißen muss, um aufzuholen. Dennoch entdecke ich die gefleckte Taubnessel, die Goldnessel und den Gundermann, das Wiesen-Schaumkraut und das dunkle Lungenkraut, Buschwindröschen ganz in Weiß oder mit pinker Innenfärbung sowie die allseits bekannten Butterblumen und Gänseblümchen. Vermutlich harren bei etwas mehr Zeit noch weitere interessante Pflanzen der Entdeckung.

Auch aus der Fauna gibt es Neues zu berichten: Die Wildschweine haben Nachwuchs bekommen. Beim Betrachten der Ferkel, die in einer Art Nest um die Muttersäue herum liegen, muss ich an eine Episode aus meinem Bewerbungsgespräch am Donnerstag denken:

Eine der beiden Damen am Empfangstresen hielt mir einen Stapel etwa postkartengroßer Tierfotos hin, die an ein überdimensioniertes Memory erinnerten. Ich sollte ein Tier aussuchen und meine Wahl zu Beginn des Bewerbungsgesprächs begründen. Insekten waren keine dabei, sonst wurde so ziemlich jedes Klischee bedient: Bär, Löwe, Tiger, Adle, Eule, Erdmännchen, Hunde aller Couleur und Größe, Delphin und Wal, die obligatorische Katze. Es waren vielleicht vierzig bis fünfzig Fotos. Meine Wahl fiel mir am Ende recht leicht – ich nahm das Schwein.
Als ich meine Karte enthüllte, blickte ich in die erwartungsvollen Gesichter der Mitarbeiterfindungskommission: „Ich habe das Schwein gewählt. Schweine sind sehr intelligente Tiere. Sie haben zudem ein gutes Gedächtnis. Sie sind äußerst sozial eingestellt. Und wenn man an ihre wilden Verwandten denkt, dann weiß man, dass sie mit aller Kraft ihr Rudel und ihren Nachwuchs verteidigen.“
Wird das Foto die richtige Wahl gewesen sein?
Wenn ich den Job bekomme, hätte ich wirklich Schwein gehabt.

Dann pflücken wir auf dem Rückweg noch etwas Bärlauch, den wir mit Blättern von unserem Hochbeet auffüllen und zu Pesto verarbeiten: Bärlauch, Parmesan, Pinienkerne, Olivenöl, mit etwas Pfeffer und Salz gewürzt, mehr braucht es nicht, dazu Spaghetti. Fertig ist ein frühlingshaftes Mahl – von dem nichts übrigbleibt.

