Frank Schott, Leipzig
Bewundere ich auch die Beharrlichkeit, mit der die pazifischen oder lateinamerikanischen Familien mit ihren zwei oder mehr Kindern die Einkaufsmeile besingen, so sehr nerven doch die schrillen Stimmen und die eintönigen Melodien. Was angenehm anmuten mag, wenn man mit dem Kreuzfahrtschiff an tropischen Häfen anlegt und mit folkloristiscm Liedgut und Blumenkränzen begrüßt wird, ist in der gemütlichen deutschen Innenstadt so willkommen wie in den neunziger Jahren die Panflötenquäler. Wer hier arbeitet und Bürofenster oder Ladentüren öffnen muss, wäre vermutlich sogar bereit, Schutzgeld zu zahlen, damit die Musikanten sich anderswo aufstellen. Aber es hat sich gezeigt – ist die eine Familie fort, nimmt die andere ihren Platz ein und wieder den Gesang auf.

Ich sitze mit meiner Tasse Kaffee und dem Neuen Testament, in dem ich immer noch lese, weit weg und doch kann ich den Gesang nicht vollends ausblenden. Nach der Rückkehr aus der Klinik im ländlichen Sachsen-Anhalt freue ich mich inzwischen über den Lärm der Stadt und den Geräuschpegel von plappernden Passanten, über das Rumpeln der Straßenbahn uns das Dröhnen von Bauarbeiten – wie schnell sich das ändern kann. Die Stadt ist voller Leben: Rentner bei ihren Besorgungen, Schülerpulks auf Klassenfahrt, flanierende Paare, Berufstätige in einer Pause vom Bürostress. Da hört sich der Gesang zumindest für eine Weile weg.

Den Mittwochvormittag nutze ich zum Joggen. Endlich sind die Schauer abgezogen. Die Pfützen könnten noch Geschichten davon erzählen. Jetzt spiegeln sie den blauen Himmel und das Grün des Frühlings. Ich laufe nicht sonderlich schnell – nach den in Jerichow aufgetretenen Knieproblemen will ich nichts übertreiben. Obwohl es mitten in der Woche ist, sind viele Läufer unterwegs. Überall kreuzen sich die Wege, verschmilzt für einen Moment das Schnaufen zu einem gemeinsamen Grunzen. Wobei die meisten davon nichts hören, weil Kopfhörer sie von der Außenwelt abkapseln.

Am Donnerstag habe ich ein erstes Bewerbungsgespräch. Meine Hausärztin sagt, ich solle es ruhig angehen lassen. Doch es geht um einen Job bei der Stadt Leipzig. Nachdem, was man so hört, gibt es kaum eine ruhigere Möglichkeit des Arbeitens als im öffentlichen Dienst. Meine Frau, die seit Januar bei der Uniklinik im Rahmen eines Projekts angestellt ist, klagt über Langeweile, ausufernde und fruchtlose Diskussionen und zähe Entscheidungsprozesse, weil niemand für irgendetwas die Verantwortung übernehmen will. Insofern klingt ein Job im Öffentlichen Dienst nach etwas, das meine Ärztin mir empfehlen würde.

Das Gespräch verläuft unaufgeregt: Nach einer Vorstellungsrunde und einem kurzen Abriss meinerseits, warum ich derzeit auf dem Arbeitsmarkt bin und diesen Job gern annehmen würde, wird mir gesagt, dass alle vier jeweils eine Reihe standardisierter Fragen stellen, sich Notizen machen und anschließend eine vergleichende Bewertung vornehmen werden. Die Fragen sind weniger offen, als ich sie formuliert hatte, wenn mir selbst Bewerber gegenübersaßen. Ich bleibe die gesamte Zeit entspannt: Da, wo sie theoretisches Wissen abverlangen, auf das ich mich nicht vorbereitet habe, kontere ich mit praktischen Erfahrungen.
Ich an deren Stelle würde mir einen Praktiker wie mich als Mitarbeiter wünschen. Doch ich weiß, dass das starke Vorgesetzte erfordert, die ein Mehr an Erfahrungen nicht nur akzeptieren können, sondern sogar zu schätzen wissen. Mir wird gesagt, dass es schnell gehen soll mit der Entscheidungsfindung, da es sich nur um eine bis zum Ende des Jahres befristete Stelle handelt – aber was weiß ich schon von der Entschlussfreude des Öffentlichen Dienstes.

Ich freue mich auf das Training am Nachmittag. Dieses Mal sind wir drei Trainer für die größeren Jungs, was die Meute beherrschbarer macht. Zudem sind es auch nur siebzehn Kids, die sich in drei Gruppen gut bändigen lassen. Ich übernehme wieder die Erwärmung und steuere mehrere Übungsteile bei, bevor wir sie in der zweiten Hälfte in drei Teams gegeneinander spielen lassen. Ich kenne meine technischen Grenzen, was die Ballbeherrschung anbelangt, weshalb ich gerne die Parts für Fitness und Körperbeherrschung übernehme.

Ein Vater sagt uns nach Trainingsende, dass sein Sohn wünscht, zu uns, Turbine Leipzig, zu wechseln. Sein bisheriger Verein (ich nenne keinen Namen) ist mit der Vielzahl an Kindern, dem eigenen Leistungsanspruch und einem eklatanten Verschleiß an Trainern (neueste Idee: „rollierende Trainer“) überfordert – und die dort spielenden Kids und deren Eltern sind es auch. In unserem Verein steht der Spaß im Vordergrund (für mich es manchmal fast schon zu viel Spaß und zu wenig Disziplin) und das Team ist konstant, auch wenn nicht jeder bei jedem Training dabei sein kann.

Und wir bekommen Anerkennung für unsere Arbeit: Das große RB Leipzig scoutet regelmäßig bei uns, der kleinen Turbine. Mindestens drei Spieler aus meiner Gruppe und ein weiterer von den Bambini sind dort aktuell in regelmäßigen Probetrainings vor Ort. Weitere haben uns schon für den Bundesligisten verlassen. Doch auch die, die bei RB testweise mittrainieren, nehmen, wann immer es geht, bei uns weiterhin das Training wahr.
Die kleinen Erfolge im Ehrenamt.
