
Ein Regenmontag, der anmutet, als ob jemand ganz langsam den Farbtonregler runterzieht. Durch mein Hirn loopt eine vierzig Jahre alte Zeile, die der begnadete Texter Werner Karma Silly-Sängerin Tamara Danz in den Mund legte: „Schlohweißer Tag, du bist so jung ergraut“ – wo kommen nur immer plötzlich solche Liedfetzen her?

Nach dem Mittagessen fahre ich zum Humboldt Forum. Dass ich einfach so in Moabit in die Straßenbahn steigen kann und gut zwanzig Minuten später dort aussteige, wo früher der Palast der Republik stand, finde ich nach wie vor vollkommen verrückt. Mein Umsteigebahnhof, der alte Lehrter, heutige Hauptbahnhof, lag früher im Grenzgebiet. Hier wurde auf Menschen geschossen. Und nun fahre ich von West nach Ost und Ost nach West einfach so durch. Keiner fragt nach Passierschein und Pass, keiner schießt mehr. Wir Deutschen müssten eigentlich das glücklichste Volk der Welt sein. Da dieses Museum zu den wenigen mich interessierenden gehört, die auch montags öffnen, bin ich öfter zu Wochenbeginn hier. Warum es in Berlin überhaupt solche Schließtage gibt, hat sich mir nie erschlossen. Ich gehe in die Sonderausstellung „Family matters – Beziehungsweise Familie“. Eine kleine Tafel erklärt das Konzept: „10 Treffpunkte laden ein, eigene Erfahrungen, Sichtweisen und Wünsche zu teilen, Fragen zu stellen, Neues herauszufinden und sich kritisch auseinanderzusetzen. Von der Familienaufstellung über die Tischgemeinschaft bis zum persönlichen Kosenamen, von globaler Familiengeschichte über Kinship–Erleben bis zum erinnerten Übergangsmoment.“ Da bekomm ich bereits von der verquasten Sprache schlechte Laune. An der ersten Station wird auf Interaktion gesetzt – wer mag, kann mit auf deutsch und englisch bedruckten Softbällen eine Art Familienaufstellung machen; ich lese u.a.: Ich, Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Großmutter, Großvater, Onkel, Tante, Neffe, Nichte, Cousin, Cousine, Stiefmutter, Stiefvater, Schwägerin, Schwager, aber auch Kollege, Kollegin, Vorbild, Mentor, Haustier, Pflanze, Natur, Landschaft, Glaube, Kuscheltier. Gegendert werden Partner*in, Freund*in, Verstorbene*r, Seelenverwandte*r. Ich finde es erfreulich, dass der Begriff „Familie“ weit gefasst wird, bekomme aber Beklemmungen, da man ja eine Art Ranking erstellt – so etwas ist doch fließend. Wenn man mit der Aufstellung fertig ist, kann man die Anordnung per Knopfdruck fotografieren, sie wird dann kurz projeziert und archiviert. „Es wird ein reicher Schatz für uns sein, die immense Diversität von Familienstrukturen zu sehen, die weit über das Konzept der Kernfamilie hinausgehen“, salbadert eine der Kuratorinnen. Ich schaue mir eine der Aufstellungen an. Jemand hat neben den „Ich“-Ball „Mutter“ gelegt, ansonsten nichts. Man könnte denken, Norman Bates oder Cody Jarrett war gerade hier – bloß schnell weg, bevor noch ein Gastank in die Luft fliegt!

Diese psychologisierende Welt ist nicht so die meine, die der Götter, Geister, Schamanen und Heiler schon eher. Ich begebe mich in die Asienabteilung. Mir gefällt eine circa vierhundert Jahre alte Skulptur von Shivas Reitstier, ebenso die beiden schakalköpfigen Göttinnen aus einem mittelalterlichen Yogini-Tempel in Zentralindien, die aus Schädelschalen irgendetwas trinken (die Forscher vermuten Blut). Wegen ihrer geheimnisvollen Praktiken wurden diese Göttinnen sehr verehrt, ihre Tempel galten mancherorts aber als nicht ungefährlich.

Desweiteren erfreue ich mich an der Strahlkraft der Terrakottafliesen aus Pakistan (17. bis 19. Jahrhundert), einem jaiistischen Haustempel aus dem westindischen Gujarat (18. Jahrhundert), dessen Inneres sehr smart indirekt beleuchtet ist, sowie einer Skulptur, an die ich mich als „Tempelturm der tausend Buddhas“ erinnere. Näheres kann ich leider nicht sagen, da die von mir abfotografierte Beschreibung unscharf geworden ist – einer der Securityleute ermahnte mich, nicht so dicht an die Objekte heranzugehen. Da ich in dem Museum vor ein, zwei Jahren bereits einen Alarm ausgelöst habe, halte ich mich an die Anweisung. (Eine spätere Onlinerecherche erbrachte nichts, da die Ausstellungsobjekte schlecht verschlagwort sind.)

Über eine sehr schöne Stoffmalerei aus dem 19. Jahrhundert, die von Mitgliedern der Vallabhacharya-Sekte in Rajasthan gefertigt wurde, stoße ich auf die wundervolle Geschichte, dass Gott Krishna einmal während eines Rachemonsuns den Berg Govardhana wie einen riesigen Regenschirm über Kuhherden gehalten haben soll, um diese zu schützen. An die Tat wird bis heute mit einem Fest erinnert. Ich denke, dass diejenigen, die in der Wismarer Bucht gerade den Buckelwal umherscheuchen, weitaus eher vergessen sein werden.

Am Dienstag regnet es noch mehr als am Montag – gut für den bereits sehr trockenen Boden. Über der Eiszeitrinne des Volksparks Wilmersdorf kreisen unter herrlichen Wolkenformationen Raubvögel – die suchen die alten Knochen. Aus gutem Grund wird unsere Tischtenniszeit um zwei Stunden gekürzt – in den Ferien bereiten sich im Nachbarschaftshaus zugewanderte Schülerinnen und Schüler auf ihre Deutsch- und Mathematikprüfungen vor. Beim Aufbau der Platten komme ich mit der Mathelehrerin ins Gespräch, die meint, dass Tischtennis cooler als ihr Fach sei. Ich widerspreche energisch und sage, dass Rechnen und rationales Denken die Welt zusammenhalten, Tischtennis aber ein schöner Ausgleich dafür ist.

Die ausgefallene Spielzeit nutze ich, indem ich im Hamburger Bahnhof die dritte, mir noch fehlende, Videoarbeit „Le Chant des Maisons“ von Annika Kahrs anschaue: In der entweihten Kirche St. Bernhard in Lyon baut ein älterer Herr auf sehr anrührende Weise eine Orgel zusammen. Neben ihm arbeiten auf einem Gerüst drei Handwerker. Der Orgelbauer verschwindet, ein Chor erscheint. Die Zimmerleute geben mit Hammer, Säge und Akkuschrauber den Takt vor, der Chor singt dazu. Danach löst sich die Gruppe auf; einer der Sängerknaben spielt mit einem Tennisball, ein Mädchen schaut sich den zerstörten Innenraum an – in ihrem weißen Kleid sieht sie wie eine Heiligenfigur aus. Die Sänger verlassen den Gottesraum, eine kleine Brasskapelle tritt ein. Sie spielen „Lle chant des canuts“, eine frühe Hymne der Arbeiterbewegung, in der das entbehrungsreiche Leben der Lyoner Weberinnen („Canuts“) geschildert und nach sozialer Gerechtigkeit gerufen wird. Das Werkzeug der Arbeiter ruht nun, sie hören ohne eine Miene zu verziehen zu. Das gesamte, vierundzwanzigminütige Video hält, wie auch Kahrs‘ Filme über ein leerstehendes berliner Kaufhaus und die Blechbläser in einem italienischen Dorf, die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und feinem Humor. Alles ist sehr liebevoll inszeniert und lässt angenehmerweise Platz für eigene Interpretationen. (Warum besteht die Partitur der zwei Solosänger aus Lochstreifen?) Die Detailtreue der Videos setzt sich bis ins Museum fort: Den Kirchenfilm sieht man beispielsweise auf Kirchenbänken. Ich werde Annika Kahrs im Auge behalten.



https://sammlungenonline.humboldtforum.org/de/objektkatalog?query=Pakistan%3B+Sindh+
https://sammlungenonline.humboldtforum.org/de/objektkatalog/165516-tempelbild-zur-krishna-verehrung
https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/hamburger-bahnhof/ausstellungen/detail/annika-kahrs/
https://botaniktrommel.de/der-jahresanfang-in-moabit/

