Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Es ist das Schrecklichste, was mir hier hätte passieren können: Kein Jogging, keine Wanderungen. Ich habe Schmerzen rund ums rechte Knie und kann das Bein nicht belasten. Genau gesagt, nur zeitweise, wenn die Schmerzen nachlassen – aber sie kommen immer wieder. Auch Spaziergänge fallen mir schwer, doch genauso schwer fällt mir das Innehalten und Im-Haus-Bleiben – selbst wenn das mit Lesen oder Musikhören verbunden ist.

Ich scrolle durch meine Musiksammlung. Über Kopfhörer Musik zu hören, Spaziergänge, die Joggingrunden und der Schlaf sind im Prinzip der einzig mögliche alltägliche Ausgang aus der Klapse – mehr Freiheit geht nicht. Na ja, und die Gedanken sind frei, wenn man sie denn zulässt – es sollten nur nicht gerade die zwanghaften und neurotischen sein, die uns an diesen Ort brachten.

Beim Musikhören surfe ich durch das Leben und Werk von William Turner. Welche Farben! Der Munch Großbritanniens. Ich wippe dabei mit dem Kopf, den Füßen und Händen im Takt einer Musik, die nur ich höre – zumindest bis 21.30 Uhr, dann ist Schluss mit der Freiheit und das Handy kommt wieder in den Tresor.
Bücher lesen mag ich momentan nicht. Das Lesen schmeckt nicht, wenn es eines der wenigen geduldeten Laster ist. Im Land der Verbote wird Erlaubtes schnell fad. Wobei dem Lesen auch etwas Anrüchiges anhaftet, denn wer liest, kann nicht kommunizieren. Und Kommunikation in der Gruppe bedeutet schließlich Erlösung! Alleine zu sein, ist verwerflich. Alleine zu denken, gefährlich. Alleine zu Fortschritten zu kommen, blasphemisch. Es lebe der Kollektivismus!

Trotz des immer wieder betonten Gemeinschaftsgedankens sind wir heute in einer der Einheiten nur zu viert, statt zu neunt. Unsere Therapeutin schließt auf die Minute genau die Tür und weist zu spät Gekommene erbarmunglungslos ab, worüber zwei Mitpatientinnen verärgert sind. Die Therapeutin schiebt den Ärger zurecht von sich: „Ärgern Sie sich über Ihre Mitpatienten, nicht über mich. Diese haben sich entschieden, nicht rechtzeitig im Raum zu sein. Sie alle kennen die Regeln. Wer nicht rechtzeitig da ist, bleibt draußen. Das ist deren Entscheidung, nicht meine.“

Es ist die gleiche Therapeutin, mit der ich wegen Vivaldi ins Hadern gekommen war. Sie, die mir anfangs als unnahbar erschien, zeigt jetzt immer öfter ein Lächeln. Vielleicht war das Lächeln aber auch schon die ganze Zeit da, nur ich war vor lauter Konzentration, alles zu verstehen und korrekt zu machen, einfach nur blind dafür.

Am Tag zuvor hatte ich ihr, trotz der Vorwarnung von Mitpatienten („Mach das lieber nicht!“) meine liebste Variante der „Vier Jahreszeiten“ mitgebracht. Vielleicht als Zeichen der Versöhnung, vielleicht als Inspiration, wer weiß schon immer, warum wir manchen Impulsen folgen und anderen nicht. Und dann lehnt sie das CD-Geschenk dankend ab, weil sie diese Aufnahme bereits besitzt. Vorurteile und Annahmen …
Nach der Einheit geht mein Mecklenburger zu ihr und bedankt sich, weil ihm diese Stunde gut getan hat. Er erntet ein breites Lächeln, das ihn den ganzen Tag über glücklicher macht. Sieh einer an, wir unbeholfenen alten Säcke! Echte Emotionen ohne viele Worte.

Sollte sich das mit dem Knie verschlechtern, gibt es zum Glück Optionen: Da wir in einer Klinik sind, könnte ich nach einem Arzt verlangen. Und für eine knieschonenende Fortbewegung hätte ich mein Fahrrad vor Ort. Mal sehen, wie es nach einer Nacht aussieht.
