Christoph Sanders, Thalheim
Am Mittwoch ist der Frost verflogen. Ein sonnendurchströmter Tag, also aufs Rad! Ich hätte Schutzcreme auftragen sollen. Ich schaffe es bis zum Fahrradladen – Rekonvaleszenzrekord! Mit dem Gesellen durchgespielt, auf welche Weise heutzutage Räder verkauft werden: Die wichtigsten Plattformen sind Instagram und TikTok. Er zeigt mir die Shorts diverser Bike-Influencer und gesteht mir offen seine eigene Sucht nach den Reels – und genau darüber läuft dann das Marketing. Eine Firma wie Canyon Bike investiert massiv Zeit und Geld, um auf diesen Portalen oben zu stehen. „Oben sein“ bedeutet, vom Algorithmus gut platziert und somit für viele sichtbar zu werden – das Salesforce-Arsenal aus Marktforschung, Ankündigungen und Verkauf ist inzwischen nahezu komplett ins Netz gewandert. Nur die Reparaturen muss dann noch jemand im analogen Raum erledigen.

Der Einkaufsverkehr trotz der Nachbrenner beim Spritpreis völlig unverdrossen – ich sehe, was an der kleinen freien Tankstelle los ist, wenn der Preis nachmittags unter 2 Euro fällt. Es ist also noch Luft nach oben. Dunkelvioletten Leberblümchen, daneben die gelben Frühblüher. Drosselschlag am Abend. Ich koche eine exzellente Suppe aus Lauch, Zwiebeln, Pastinake, Kartoffeln und Frischkäse. Ich garniere das mit frischem Blatttspinat – andere nehmen lieber Sahne. Nach einer schönen ersten Halbzeit ist Newcastle gegen Barca völlig von der Rolle – Endstand 7:2. Angenehm müde zu Bett.

Auch der Donnerstag von der ersten Sekunde an sehr sonnig -Temperaturanstieg von Null auf Drei in einer halben Stunde. Der Tulpenbaum zeigt seine ersten geöffnete Blüten. Um 8:08 Uhr wird die Biomülltonne geleert. Zur erneuten Auffüllung stehen Astschnitt und volle Laubsäcke bereit. Ich verspüre ein deutliches Ziehen in den Muskeln – also heute kein Radfahren sondern Wandern. Immer abwechseln. Der Inhaber des Radladens erinnerte mich daran, dass Sehnen und Bänder dreimal so lange wie Muskeln bräuchten.

Beim Limburger Trödler nach ein paar Tagen Überlegung doch den Technics-Verstärker mitgenommen und damit den Teenie begeistert: Sade klingt auf einmal voller, schöner, genauer. Beim Kauf entpuppte sich der Händler als Diplom-Sportlehrer mit Rehakenntnissen – er war Fitnesscoach im Gesundheitszentrum Taunusstein und empfahl mir ein paar zusätzliche und vor allem altersgerechte Übungen – Faustregel: Nie zu viel, nie zu schwer trainieren! Im ersten Café am Platze die Eiskugel bei nunmehr knapp 2 Euro. Während ich weiter in Graves‘ Memoir lese, zieht der Feierabendverkehr vorbei – Männer im Überholmodus, ihre Fahrzeuge sind eindeutig Dienstwagen zu identifizieren. Über dem Netto kreist in großer Höhe eine Schar Raben, einige Vögel sind paarweise unterwegs. Am Abend stolpert der Finanzfachmannsohn bei uns rein – morgen früh gehts für ihn dann mit der 7-Uhr-Maschine der Lufthansa weiter nach Stockholm.

Der Freitag sehr frühlingshaft, viele abgetönte Farben in Baum und Busch. Leicht diesige Stimmung, gegen Abend dann mehr Wolken, angenehme Milde. Die Vollblüte der Pappel beginnt. Im Dorf nun überall Rotschwänze, die um die Scheunen wirbeln. Wir müssen uns immer wieder sagen, wie schön es hier ist. Zum Oolong Schubert mit Radu Lupu – was für ein Glück, so eine CD zum Preis von einem Liter Diesel bekommen zu können! Weitere Rad-Blog-Korrekturen – ich muss strenger mit der Sprache sein! Zum Glück sind die Ereignisse aus dem Jahr 2021 noch so gegenwärtig, dass es mir leicht fällt, Stimmungen und Situationen genauer zu beschreiben. Ich höre ein Gespräch zwischen zwei französischen Schriftstellern. Beide sagen, die guten Dinge geschähen im Kleinen, vollzogen von Menschen, die aus Überzeugung handeln, ohne Wunsch nach materiellem Gewinn oder öffentlicher Anerkennung – als Beispiel wird ein alter Militär genannt, der in den Pyrenäen Kruzifixe und Wegmarken repariert. So etwas kannst du nur, wenn du dir deine eigenen Werte und Ziele nicht permanent von anderen vorschreiben lässt. Um diese Art der Selbstermächtigung sollte es uns allen gehen. Samen für Petersilie und Schnittlauch besorgt. Ein angenehmer Tag. Freude aufs Bett.

Am Samstagvormittag wieder ins Reich des Raben. Sie sind sehr vernehmbar gerade, jagen alles was ihnen nicht passt. Schöne Rufe, schönes Flugbild. Aus einer Art, die in meinem ersten Biologiebuch („Das Tier“) noch als selten und gefährdet bezeichnet wurde, ist hier eine Kolonie über mindestens drei Hügel erwachsen. Kurzer Plausch mit einem vierundachtzigjährigen Mopedspezialisten, der immer noch seine Zündapp bewegt. Er gibt acht, dass die Polizei ihn nicht aus dem Verkehr zieht. Nach dem Mittagessen Familienausflug.

Besuch bei einem Ehepaar in Rheinland-Pfalz, das die alte BRD auf den Punkt symbolisiert: Er, Jahrgang 1940, einst technischer Außendienst für Metalle und Legierungen. Provisionen reinvestiert, so aus zwei Häusern fünf gemacht. Da handwerklich begabt, die eigene Hütte gefliest. Wohnzimmer mit holzgetäfelter Decke und Ledersesseln. Echte Teppiche. Vier Oldtimer angeschafft – in der beheizbaren Garage so viel Licht, dass er sie makellos gewienert bekommt. Die Rentenerhöhung für die Eltern kam mit Brandt, nun wurden auch Vaters Gefangenschaftsjahre angerechnet. Seitdem gab es für die Familie nur die SPD. Aber jetzt weiß er auch nicht mehr, wie es weitergeht – in den letzten zwanzig Jahren war hier so viel Schwund, dass er unser Land einfach nicht mehr wiedererkennt.

Das Politikrauschen mit der Realität abgleichen: In den offiziellen Erzählungen wird über „Facharbeiterabkommen“ schwadroniert – das eigentliche Gerüst sind die anderen, die Schattenbrigaden, diejenigen, die unsere Alten pflegen oder im Dorf die nächsten hundert Meter Internetkabel legen. (Übrigens in völliger Eintracht, wenn der Pole am Wochenende zum Muslim sagt: „Du feiern ohne Alkohol.“) Im Hintergrund wird gerade der tatsächliche Preis für die Osterkurztripps verhandelt. Wo kaufen die Airlines ihr steuerfreies Kerosin? Oder brauchen sie die Lager auf? Jedes stehende Flugzeug ist verdammt teuer. Was mir völlig fehlt, ist eine Welt, die signalisiert, darauf v-e-r-z-i-c-h-t-e-n zu können. Erinnern wir uns an Selig Covid mit seinen geräuschlosen blauen Himmeln, was dann lediglich ein romantisches Intermezzo geblieben ist. Ich schaue mit meinem Teenager „Wuthering heights“ – sie ist völlig empört über die amputierte Neuverfilmung des Stoffs. Zum Abend frische Suppe.

Der Sonntag sonnig und trocken. Die Obstbäume noch nicht dran: At risk in case of coming frost. Mit den Töchtern Ballettübungen („demi plié“) zur Muskelbildung, vor allem Dehnungen. Körperspannung aufbauen. Es hilft und ist angenehm. Sichtung einer wunderschönen Waldtaube in der Birke, außerdem Verkostung eines Bananenbrotes.

Robert Graves Autobigrafie ist bis zum Ende beeindruckend – ein Monolith. Der Lungendurchschuß an der Somme rettet ihm vermutlich das Leben. Da er überzeugt ist, dass die umsichtige Führung durch einen fronterfahrenen Offizier wie ihn viele Leben retten kann meldet er sich, kaum ausgeheilt, zum Dienst zurück – die Tyrannen, die sich an Subalternen austoben und sie in aussichtlose Aktionen schicken, sind ihm zuwider. Der Zustand seiner Nerven ist desaströs – Shell Shock, Visionen von Leichen auf der Straße, die Gesichter von verstorbenen Kameraden tauchen vor ihm auf, jeder fremde Geruch wird als Gasangriff gelesen. Über zehn Jahre plagen ihn posttraumatische Beslastungsstörungen. Nach dem Krieg trifft er als Dozent in Oxford auf andere junge Veteranen – mit Lawrence von Arabien bespricht er neue Dichtung. Er hat eine junge Familie zu ernähren. Robert Graves hat zwei der verlustreichsten Schlachten des Großen Krieges überlebt: Loos im Oktober 1915 und die an der Somme im Juli 1917. Die aktuelle Michelinkarte verzeichnet dort über ein dutzend britischer Friedhöfe. Ich werde Teile des Buches noch einmal lesen. Aber es warten auch schon andere Werke auf mich.
