Christoph Sanders, Thalheim

Trotz Energieknappheit startet auch am Donnerstag vor unserem Haus ein motorisierter Transport zur Schule. Die Kids verlassen sich auf den Shuttle, der Vater steht um 6:45 Uhr ausgeschlafen auf der Matte. Währenddessen warten die Planespotter von One and More Aviation bereits auf die Landung des Lufthansa-Sonderflugs der „Queen of the Skies“ – die Boeing 747-8 mit der Registrierung D-ABYN ist für halb elf angekündgt. Das Sahnehäubchen der Spotter sind Ankünfte in Sonderlackierung, die man sammelt, wie ehedem der Philatelist Ersttagsbriefe. Das Beobachten der Flieger macht auf dem neuen Laptop einen noch surrealeren Spaß. Man darf sich nur nicht die Energieleistung vorstellen, die jedesmal beim Start in die Luft geblasen wird. Vor Jahrzehnten hat man es nur geahnt, jetzt kann man es genau messen, belegen, extrapolieren: Es war und ist eine gigantische Ressourcenverschwendung. Meldungen des Tages: 34 Prozent der Patienten in deutschen Pflegeheimen werden von der Sozialhilfe finanziert. Im Kongo brach eine Coltanmine zusammen: 200 Tote. Der Irankrieg droht, zu einem Erdgaskonflikt zu werden, Adam Tooze prognostiziert Preisanstiege bei Stickstoffdünger. Hohe Nervosität bei den Reiseveranstaltern, weil gerade die Osterurlaube umgebucht werden. Meine Älteste zieht nach Westend; die Armut im Spandauer Norden und die Zahl der Obdachlosen in der S-Bahn drückten auf ihr Gemüt. Das Coltrane-Quartett ist im Jahr 1965 gut eingespielt, im Grunde hört man da die letzte Ausentwicklung der modalen, aber traditionellen Jazzstruktur. Miles dagegen entwickelt mit den jungen Wilden eine andere Sprache. Ein goldenes Jahrzehnt.

Am Freitag bei aufstrebender Sonne in die Felder. Die Misteldrossel ist wieder da – paarweise wird sich durch die Büsche gejagt und vorerst nur zaghaft gesungen. Daneben Sibirische Drosseln, die inzwischen zu Standvögeln geworden sind. Eine Überpopulation an Amseln. Direkt vor der Küche ein Zaunkönig, der mit seinem spitzen Schnabel auch in Mauerritzen nach Fressbarem sucht. Eine wirklich hübsche Gefiederzeichnung – viel eleganter als diese ubiquitären Spatzen. Nach dem Besuch der Autowerkstatt väterliche Fahrdienste – Essen abliefern, das eine Kind von der Klassenfahrt abholen, das andere zum Musikunterricht bringen. Oben im Nachbardorf beim türkischer Hühnerzüchter gehalten – die meisten der Tiere werden gegessen, nur die Prachtexemplare nicht. Sein Nachbar hält Gänse.

Sonniger Frühlingssamstag. Die ersten Osterglocken sind draußen, die Tulpenblätter drücken nach oben. Mit einer Spezialmaschine das Steinpflaster ringsum das Haus freigebürstet – mit erstaunlichem Ergebnis. Dann einen geliehenen Laubsaughäcksler eingesetzt – unsere Grünzeugtonne ist nun randvoll. Als ich mein jüngstes Kind zur Theaterprobe bringe, der gewöhnliche Samstagsverkehr, dabei 220 Cent für den Liter Diesel gesichtet. In der Büchertelefonzelle ein ungelesenes Taschenbuch von Stifters „Der Hochwald“ eingesackt, auf das ich mich stürzen werde, da die Geschichte in Gefilden spielt, die ich ein halbdutzendmal mit dem Rad befahren habe. Über den waahr-Blog die Journalistin Marielouise Jurreiteine entdeckt – mit einer herausragenden Reportage über den Kampf Ali gegen Frazier, erschienen 1971 in Twen. Man zeige mir einen einzigen Text aus der Zeit oder dem Spiegel der letzten Jahre, der nur annähernd dieses Niveau erreicht. (Schon meinen Kindern fiel die Qualität eines FAZ-Magazins aus den 1990ern auf: „Das ist wirklich interessant.“) Die digitale Revolution geht zu Lasten der Altmedien – der Angriff auf die Aufmerksamkeitsspanne des Abnehmers ist der entscheidende Faktor. Und zugleich gibt es ein Switchback: achthundertseitige Romane, mehrstündige Podcasts, endlose Serien-Streams …
