Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

… und dann ist nicht nur die siebte Woche um, plötzlich ist man kalendarisch auch noch ein Jahr älter. Gerade nehme ich aus der Gruppentherapie den Hinweis mit, nicht alles mit Schulterzucken oder Selbstironie zu kontern – es ging dabei um meine Einladungen an die Mitpatienten, mich auf meinen Runden draußen zu begleiten, was bei ihnen eher Unwillen hervorruft und aus Therapeutensicht eine unfeine Eigendynamik entwickelt hat (sie haben recht!) – und da backen mir genau diese Mitpatienten heimlich einen Kuchen …

Auf andere Art überrascht mich unser zurückgezogener, oft geistig abwesend erscheinender Mecklenburger, der etwa in meinem Alter ist, während eben dieser Gruppentherapie mit klugen Einwürfen.
Thema ist die Unbill des Lebens und unser Umgang damit. Mit Hamlet gesagt (die anderen würden mir jetzt wieder arge Zitiererei vorwerfen): „Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil‘ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden.“ Kurz: hinnehmen oder sich wehren, sich wegducken oder aufstehen. Die Diskussion driftet gerade ein wenig ab, da wirft der Mecklenburger ein: „Jeder Mensch braucht eine innere Mitte. Einen Raum, wo er ganz er selbst ist. Alles draußen herum ändert sich sowieso, darauf haben wir keinen Einfluss. Aber unsere innere Mitte, das sind wir selbst, die verändert sich nicht, ihr kann das Außen nichts anhaben.“
Im direkten Gespräch nach der Einheit präzisiert er, dass das für ihn mehr sei als das Selbstwertgefühl. Es käme noch davor. Mangels eines besseren Begriffs einigen wir uns auf „Seele“, auch wenn es für ihn eher etwas Metaphysisches ist, eher dem buddhistischen Zen entspricht als der christlichen Vorstellung von Seele.

Aktuell unternehmen wir beide viel miteinander. Ich beobachte dabei mit Erstaunen und Freude, wie viele klugen Gedanken und Ansichten dieser verschlossen und abwesend, mitunter etwas überfordert wirkende Mensch in sich trägt – die stillen, tiefen Wasser … Am Donnerstag und Freitag spielten wir jeweils eine Stunde Frisbee, was ihn selbst überraschte, da er von sich sagt, schon nach kurzer Zeit das Interesse an allem zu verlieren und unkonzentriert zu werden.

Ansonsten herrschen gleichzeitig Frühling, Sommer und Winter. Frühlingshafte 10 bis 15 Grad tagsüber, und in der direkten Sonne, gerade wenn der allgegenwärtige Wind sich für einen Moment legt, sommerliche 25 Grad – und winterliche 2 Grad unter Null, wenn wir nach einer sternenklaren Nacht um 7 Uhr zum Frühsport raustreten. Winterlinge und Schneeglöckchen stehen in voller Blüte, der Krokus meldet sich schon mal für einen Platz an der Sonne an.

Es ist so herzerwärmend, draußen in der Natur zu sein – und doch genügt den meisten Patienten das Sitzen auf der Bank vor unserem Haus. Wie alte Leute hocken sie rauchend und schwatzend da und bewegen sich lediglich, um eine Jacke oder Decke zu holen, um eine Mahlzeit zu fassen oder zur nächsten Therapiestunde zu schlurfen.
Wann, wenn nicht jetzt, wo, wenn nicht hier, könnte man besser mit Gewohnheiten brechen? Auch hier ist der Mecklenburger die große Ausnahme – er macht es einfach.

Das Wichtigste zuletzt: Ich habe am letzten Montag meinen Ausreiseantrag bewilligt bekommen und fahre am Samstag erstmals für ein Wochenende nach Hause. Darauf freue ich mich riesig.
