
Oh, ihr vom Grau des Winters mürbe gewordenen, ihr kaltknochigen Blassgesichter, ihr vom Sturm gebeugten Sonnenlechzer: Das Licht! Die Farben! Die Luft! Ich sehe, fühle, rieche ihn! Wenn dich deine Frau verlässt, dein Mann das Häuschen versäuft, das Teenagerkind versucht, in die Babyklappe zu klettern und dein Hund im Tierheim um Asyl bittet – auf ihn ist immer Verlass: Freund Frühling kommt wie jedes Jahr. Und, liebe, Eisgefährten und Schneegenossinnen, unser aller guter, treuer Kamerad ist nah! Er wird jetzt wohl immer nur für ein paar Tage bleiben, sich wieder zurückziehen, dabei ein paar Schlenker gehen, mal hier und mal dort ein Fleckchen Krokusse und Schneeglöckchen ins Weiß und den braunen Matsch hauchen – aber dann, eines gar nicht mehr fernen Morgens, wenn sein Bruder, der Winter, endgültig in den rauen Bergen angekommen ist, schlägt er mitten unter uns für ein paar Monate sein Lager auf, taucht alles in Farbe, Wärme und Zuneigung. Noch rangeln Lenzi und sein fahler Blutsverwandter miteinander – aber seit letzter Woche sind hier die Minusgrade verschwunden, und mit ihnen der Schnee. Dort, wo es vorher ratschte und knirschte, schmatzt es nun den Schuh aus der Erde; wo zwei Jungs im Kleinen Tiergarten ihre ferngesteuerten Autos über die Frostkruste schlittern ließen, steht jetzt eine Pfütze. Die Krähen müssen nun nicht mehr mühsam nach Nahrung picken.

Am Sonntag Dauerregen, ein ganz feiner, fast wie Nebel. Die Stadt ist grau, alles verschwimmt. Laternen, Stromkästen, Häuser, Zäune, Verkehrsschilder, Abfalllbehälter, Fahrzeuge, Menschen spiegeln sich im Asphalt, werden eins. Wasserlachen. Wasserweinen:

An der alten St.-Johannes-Evangelist-Kirche laufen Georgios und seinem Gefährten Tränen über Gesicht und Körper. Seit März 2017 wird das frühere evangelische Gotteshaus, das seit 1978 aufgrund fehlender Schäfchen nur noch als Kulturraum diente, von der rum-orthodoxen Gemeinde des Hl. Georgios genutzt, die dort regelmäßig ihre Liturgien abhält – eine in ganz Europa verbreitete Gemeinschaft von Christen, vor allem aus dem Nahen Osten, in Berlin vermutlich viele Syrer, die seit 2011 mit Ausbruch des Bürgerkriegs vor der Verfolgung und Gewalt aus ihrer Heimat flohen. Wie heißt es auf der Schallplatte, die ich als Kind immer wieder hörte: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ Ich passiere den plaudernden Pulk der Gottesdienstbesucher, bin auf dem Weg zu den drei neuen Ausstellungen im „KW – Institute for Contemporary Art“ – die mich dann überhaupt nicht ansprechen. Kann passieren. Der Ausflug in die Spandauer Vorstadt soll aber nicht umsonst bleiben – in der „Alfred Ehrhardt Stiftung“ sehe ich klasse Wald- und Ostsee-Fotos aus dem Rügener Nationalpark „Jasmund“ von Arno Schidlowski.

Während Schidlowski auf poetische, an die Romantik angelehnte Art Bilder einfängt, geht die große mexikanische Fotografiealtmeisterin Graciela Iturbide mit ihren vornehmlich Schwarz-Weiß-Arbeiten in eine gänzlich andere Richtung und konzentriert sich auf Menschen, die in ärmlichen Verhältnissen leben, dokumentiert Rituale und die mystischen Dimensionen des Alltags. Iturbide lebte zeitweise in indigenen Gemeinschaften, hing mit der White Fence Gang in East LA ab (die Chicanas machen selbst auf den Fotos noch Angst), ging auf Märkte, in Hurenhäuser oder Fightclubs, gewann das Vertrauen von „Menschen des dritten Geschlechts“, fing das Zusammenleben von Mensch und Tier auf engstem Raum ein. Tod, Verletzlichkeit, Krankheit Geburt sind auf ihren Bildern allgegenwärtig. Von einigen Portraitierten wurde sie Jahre danach zum erneuten Fotografieren eingeladen und konnte so familiäre Entwicklungen und Lebenswege weiterverfolgen. Aktuell sind viele ihrer Arbeiten im C/O Berlin zu sehen – ich war bereits zweimal da und bin nachhaltig beeindruckt.

Beim zweiten Besuch der Iturbide-Ausstellung bin ich dort mit meiner wundervollen Künstlerkollegin Jo Pauli verabredet – sie und ich hatten uns für bestimmt zwölf Jahre aus den Augen verloren. Vom C/O gehen wir ins Bistro meines Biomarktes, wo wir dann, vollkommen zeitvergessen, bei Heißgetränken und Gebäck sechs Stunden klönen und uns auf den neuesten Stand bringen – es gibt viele Gemeinsamkeiten. Jo ist wie ich oft im Wald, geht im Winter draußen schwimmen, hat Schallplattencover gestaltet und fürs Theater gearbeitet. Sie bietet Kurse an, in denen sie Menschen begleitet, die, wie sie selbst, das Unbefangene und Wilde der Kinderzeit wiederentdecken und sich als Teil der Natur begreifen möchten. Wir blättern in einer Mappe voller Zeichnungen, die wir 2010 zusammen anfertigten. Oft ist überhaupt nicht zu klären, wer damals was aufs Papier brachte. Die Motive sind herrlich rätselhaft. (Wir überlegen, daran weiterzuarbeiten.) Jo veröffentlicht in diesem Jahr ihren ersten Roman, auf den ich wirklich gespannt bin. Ein sehr herzliches Wiedersehen, das noch Tage später nachklingt. Schön.

Eine weitere Wiederbegegnung gab es im Nachbarschaftshaus beim Tischtennis, als nach einem guten halben Jahr wieder der Syrer auftauchte. Ein gelernter Buchhalter, dem die alten Abschlüsse nur sehr schwerlich anerkannt werden. Er macht gerade seinen zweiten Deutsch-Schein, möchte danach einen Masterstudiengang belegen. Er lebt mit seinem hart arbeitenden Bruder in einer winzigen Wohnung, verdient als Regaleinräumer im Supermarkt etwas für die Haushaltskasse dazu, bekommt kein Geld vom Staat. Wir Mitspieler geben ihm Tipps, wie er sich durch den Ämterdschungel schlagen kann. Als Sohn eines Flüchtlings, der an der Hand seiner Mutter aus Ostpreußen floh, habe ich die Horrorberichte meines Vaters noch im Ohr, weiß, dass es oft nur ein Fingerschnipsen der Geschichte ist, das einen ins Paradies oder die Hölle katapultiert. Dass man hilft, schließt nicht aus, dass man die Flüchtlingspolitik kritisch sieht.

Auf tagesschau.de (dem Onlineauftritt der Ex-Nachrichtensendung), lese ich, dass Polens Regierung beschlossen hat, an der Ostgrenze des Landes eine achthundert Kilometer lange Befestigungsanlage gegenüber der Russischen Förderation zu errichten. Dafür sollen große Landstriche renaturiert und in schwer durchdringliche Wildnis umgewandelt werden, auf dass die feindlichen Panzer im Moor und Dickicht steckenbleiben. Wenn das in Zeiten von NATO-Bündnisfall, Drohnen und Raketen nicht so ein offenkundiger Unfug wäre, könnte man sich darauf freuen, dass diese neuen Barrieren sehr schnell die jahrhundertealten Schmugglerpfade wiederbeleben dürften; die geheimen Übergänge der jüdischen und politischen Flüchtlinge, der Partisanen und Agenten im Zweiten Weltkrieg; die Routen, auf denen nach 1945 Zigaretten, Alkohol und Konsumgüter in das jeweilige Nachbarland gelangten, und die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von Menschen- und Waffenhändlern genutzt wurden … Aber macht nur, liebe Polen – die Wölfe, Bären, Luchse, Wildkatzen, Elche, Rehe, Füchse, Wildschweine, Biber, Otter, Würmer, Käfer, Spinnen, Bäume, Sträucher, Blumen, Gräser, Farne, Moose, Viren, Bakterien, Pilze werden es euch danken. Und die Feldmaus auch.

Großartiges Buch meines Kollegen Helmut Höge über die geheimen Pfade durch Osteuropas Wälder: https://www.kulturverlag-kadmos.de/programm/details/wpp
Graciela Iturbide: https://oscarenfotos.com/2012/02/03/galeria-graciela-iturbide/
Jo Pauli: https://www.jopauli.de/
