Maria Leonhard, Spornitz

Inzwischen ist nur noch das Leuchten der Straßenlaternen zu sehen. Alles andere hat der Nebel verschluckt. Eigentlich wollte ich wieder eine kleine Runde gehen, doch jetzt ist es dunkel. Also nutze ich die Zeit zum Schreiben. Ich brauche Bewegung an der frischen Luft, und das nicht nur, weil die Waage von Tag zu Tag mehr anzeigt. Aber ich habe nicht immer Lust und Zeit zum Spazierengehen und im Garten kann ich momentan nur wenig tun. Nicht, dass ich auf der Couch herumliegen würde – nein, Langeweile habe ich wirklich keine. Ich könnte mein Drinnenbleiben nun damit begründen, dass mir der Wert der Luftqualität, der seit einiger Zeit im dunkelroten Bereich liegt, ein ungutes Gefühl vermittelt und ich mich frage, wo der ganze Schmutz herkommt. Aber nein – heute hat alles nur etwas länger gedauert als geplant, und jetzt mag ich einfach nicht mehr hinaus ins Dunkel.

Obwohl ich in den vergangenen Wochen immer denselben Weg nahm, war jede meiner Spazierrunden anders. Zunächst schneelos und mit Dunstschleier, dann mit starkem Wind, Schnee und eisiger Kälte, darauf unter einer tief hängenden Wolkendecke, der Schnee nun verharscht. Jedes Wetter war auf seine ganz eigene Weise schön, und mit ihm auch der wechselnde Anblick der Landschaft.

Auf einer der Runden drückte mir der Ostwind bei minus acht Grad die Mütze so unter die Kapuze, dass nur das Brillengestell sie daran hinderte, mir die Augen zu verdecken. Trotz der Wetterwidrigkeiten verließ mich der Gedanke nicht, wie gut es mir doch ging: Ich war freiwillig draußen, trug eine wärmende Thermohose und eine dicke Winterjacke. Wie viele Menschen sind erfroren, weil sie so etwas nicht hatten. Kurze Atemholpause an meinem Baum, Blick auf das Dorf – und dann war auch schon der schützende Waldrand erreicht.

Bei einem anderen Spaziergang wurde es mir ein wenig gruselig: Der Frost hatte das Unterholz mit einer Eisschicht überzogen, sodass der Blick in die Tiefe des Waldes versperrt war. Wer weiß, was da gleich herausspringt! Jetzt wäre es schön, wenigstens Pico, unseren Jagdhund, dabei zu haben. Da kommt nichts, das ist wieder nur deine Phantasie, mahnte ich mich und ging weiter.

Einmal zogen Kraniche vorüber, ein anderes Mal Wildgänse über mir hinweg. Viel zu früh, dachte ich, und schaute ihnen lange nach.

Und dann entdeckte ich noch zu meinem Erstaunen einen frisch aufgeworfenen Maulwurfshügel. „Beste Anzuchterde“, hörte ich in Gedanken meine Freundin sagen – genau die Erde, die ich für einige Pflanzen brauchte, die dringend eingetopft werden mussten. Ich füllte ein paar Handvoll in eine von Picos Kottütchen, wusch mir die Hände mit Schnee – und hatte ein Problem: Die Finger waren eiskalt, und ausgerechnet heute war ich ohne Handschuhe unterwegs! Da ich keine Frostbeulen oder Erfrierungen riskieren wollte, überlegte ich, ob sich der Transport auch anders lösen ließe. Mir fiel die Hasentasche meiner Jacke ein: Beim Kauf hatte ich mich über eine eingenähte Tasche gewundert, die in Gesäßhöhe quer über den Rücken verläuft. Man erklärte mir, dass die Jäger in früheren Zeiten darin ihre erlegten Hasen heimtrugen, deshalb der Name. Ich schob die Tüte vorsichtig in die Tasche. Da ich die ganze Zeit bangte, dass im Rücken nichts aufplatzt, war der Rückweg etwas merkwürdig; trotzdem fand ich die Situation irgendwie auch lustig. Zu Hause befreite mich mein Mann von der schweren Jacke, und ich zog ganz langsam die Tüte heraus. Sie war heil geblieben! Morgen würde ich die Pflanzen mit ein wenig Dünger eintopfen können – und wer weiß, vielleicht entdecke ich beim nächsten Spaziergang wieder einen frischen Maulwurfshügel. Die Anzuchtzeit hat ja schon begonnen.

