Maria Leonhard, Spornitz
Wann wir das erste Mal mitgegangen sind, weiß ich nicht mehr so genau, vielleicht vor fünfundzwanzig Jahren. Unsere Kinder waren noch klein und viele andere Kinder waren dabei. Das gemeinsame Ziel war das Waldschlösschen. Dort angekommen, führten wir kleine Kreisspiele durch. Alle hatten Spaß. Im Laufe der Zeit wurde die Neujahrswanderung zu einer schönen Tradition.
Nach der freudigen Begrüßung und dem Austausch von besten Wünschen für 2026 machen wir uns auch in diesem Jahr auf den Weg. Weil mein Mann nicht so der Wanderbursche ist, übernimmt er gern den Transport der Rucksäcke, Getränke, Speisen und des Feuerholzes – und für die Fußlahmen ist auch noch genügend Platz. Sein Jagdauto wird von allen nur Der Russe genannt – es ist ein feld-und walderprobtes Fahrzeug aus dem riesigen Reich im Osten.

Als wir losgehen, regnet es und der Wind pfeift uns um die Ohren. Alle sind in wärmende Kleidung eingepackt. Wir sind zu fünfzehnt – von der ursprünglichen Truppe, die das erste Mal zum Schlösschen wanderte, ist nur noch Christiane dabei. Die sportlichsten Frauen geben das Tempo an und die Männer achten darauf, dass niemand zurück bleibt. Das Wetter wird beim freudigen Erzählen schnell zur Nebensache – beim Gehen kann man nicht nur seinen Kater von der Silvesterfeier vertreiben, sondern auch Neues erfahren und sich über Dinge austauschen, die man unter anderen Umständen wohl nur mit sich selbst abgemacht hätte. Die wichtigste Nachricht ist, das sich für die Praxis im Nachbardorf wieder ein Arzt gefunden hat. Das wird besonders für die alten Menschen von großem Wert sein.

Schon bald erreichen wir den schützenden Wald. In unseren kurzen Sammelpausen gibt es zum Aufwärmen einen kleinen Umtrunk. Das ist nicht abgesprochen, aber irgendeiner denkt immer daran. Nach gut vier Kilometern erreichen wir das Waldschlösschen, das ehemals eine prachtvolle Jagdhütte war. Heute ist es ein wenig verwittert.

Das Lagerfeuer brennt schon. Mein Mann bläst auf dem Jagdhorn das Signal “ Begrüßung“. Hier im Wald klingt es viel schöner als auf einer Bühne. Aus den Rucksäcken kommen Kannen mit Tee, Kaffee und Glühwein zum Vorschein, die Bänke werden mit Sitzissen bestückt, Stöcker zu Würstchenspießen umfunktioniert.

Bei weiteren Dorfneuigkeiten und dem Austausch über das große Weltgeschehen werden Süßigkeiten verteilt. Die Dominosteine erinnern an Weihnachten. Glückskekse zaubern eine kleine Freude in die Augen und entlocken mehreren in der Runde eine Lachsalve. Ein leckerer, selbsthergestellter Kräuterlikör wärmt uns zusätzlich
von innen. Ich möchte wissen, seit wann es das Schlösschen schon gibt. Keiner weiß es genau. Jemand sagt, dass es bereits in den 1960ern ein Ausflugsziel von Frau Heine mit ihren Hortkindern war. Christina erinnert sich an einen Gedenkstein für den Revierförster Otto Heine, der hier stehen soll. Und tatsächlich finde ich ihn, den Gedenkstein. Die Schrift ist mit Moos bewachsen und schwer lesbar.

Dann kündigt das Rauschen in den Wipfeln ein Unwetter an. Die Männer drängen zum Aufbruch. Jeder packt mit an, damit der Platz sauber verlassen wird. Die Signale „Jagd vorbei“ und „Halali“ rufen die Gruppe zum Russen. Wir verstauen unser Gepäck. Dabei findet sich eine letzte Flasche Sekt. Wir stoßen auf ein friedliches neues Jahr an. So viel Zeit muss sein. Wir brechen auf. Es ist bereits dunkel. Ein kurzer aber mächtiger Schneeschauer überholt uns. Das hält uns nicht davon ab, noch ein Feuerwerk zu zünden. Still sende ich den funkelnden Raketensternen meinen Neujahrswunsch mit: Mögen wir alle das Jahr 2026 in Frieden verbringen können und uns zur nächsten Neujahrswanderung gesund wiedersehen.

