Christoph Sanders, Thalheim
Sonniger Dienstag. Kein besonders guter Tag für mich. Eisen sowie die Vitamin-D-Dosis für die Woche eingenommen – Mikroschritte zum Erfolg. Meine Blutwerte seien jetzt gut, sagt der Arzt. Nun per Telefon einen Physiotherapeuten finden: Der erste nahm schon mal keine Patienten mehr an, der zweite auch nicht. Das Geduldigsein fällt mir zunehmend schwer, vor allem angesichts der sich gerade einschleifenden Ferientranigkeit ringsumher. Wir haben es heute lediglich zu zwei Wäschen gebracht, Ab- und Aufräumen schleppen sich. Meine Medikamente werden auf den letzten Drücker geholt – so etwas schiebt man auf, wie es nur geht; ich bin froh, dass auf dem Weg immerhin noch ein wichtiges Paket aufgegeben wurde. Der Sohn ist völlig von seiner Londonreise absorbiert, die er für die Freundin perfekt gestalten will. So ist die Liebe, die große Liebe. Die Älteste gut nach Berlin zurück – da fehlt der Familie nun etwas. Wenn ich nicht jeden Abend zum Scrabble rufen würde, säßen die Kinder den ganzen Tag beim Serien-Streamen in ihren Zimmern – immerhin gelingt die Vereinigung am Küchentisch noch. Ich merke, wie substantiell mein alter Tagesablauf für mich war: Sport, Kochen, eine gute Struktur. Ich nutze die Zeit, die ich ans Haus gefesselt bin, um meinen Radblog auszuholzen, wie Kempopski sagen würde – es ist nicht wichtig, aber einfach notwendig. Vergebe beim Scrabble leichthin zehn Punkte, was mich sehr ärgert … man wird nicht klüger.

Letzter Tag 2025. Bin gut ausgeschlafen, habe ab acht noch etwas gedöst. Aus dem leisen Radio kommt Fundiertes – es ist von Vorteil, dass der Politbetrieb momentan im Urlaub ist. Temperaturen über null Grad, ich kann also gefahrlos ums Haus wandeln. Viele Meisen und vereinzelt Goldammern, die bei ihrer Nahrungssuche die Zweige ins Wippen bringen. Wenn ich meine Krücke hebe, flattern sie auf.

Nachdem die Sonne durchgebrochen ist, setzt sich nach einer guten halben Stunde Vorbereitungszeit der familiäre Einkaufstross in Bewegung. Einkaufenfahren ist hier gerade ein Problem, da meine Gattin eine starke soziale Reaktanz zeigt, wenn sie mit Menschen in einer Schlange stehen muss, die sie als widerlich empfindet (aber es geht und wird). Ich hüte derweil das Haus, bewache den Garten und freue mich schon auf frisches Obst und Gemüse. Auf Focus online lese ich, dass die Deutschen immer mehr für Freizeitaktivitäten wie Wellness, Restaurant- und Cafébesuche usw. zahlen müssen. Im Artikel darüber wird ganz leise angedeutet, dass man genau da, im Alltag, gut sparen könnte. Und hier liegt die Crux: Für Medien ist das ein ziemliches Tabuthema, da sie ihre Finanzierung an die Werbung für Überflüssiges gekoppelt haben. Die Leser, Zuschauer und Nutzer sollen konsumieren, da davon das Geschäftsmodell abhängt. Meine Eltern gingen allenfalls an einem Sonntag ins Café – und das auch nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten. Man buk selbst, ansonsten gab es bei jedem Bäcker Kuchen, und Bäcker gabs in jedem Dorf.

Da wir hunderte Exemplare der „DM – Deutsche Mark“ verschlungen haben, wurden mein Bruder und ich zum Gedächtnis der Warenwelt. Es war die erste Zeitschrift für Konsumenten in der Bundesrepublik. Mit der Jüngsten entdecke ich in einer Ausgabe von 1966 zufällig einen Spieletest – Malefiz und Scrabble liegen vorn, Heiterkeit beim Verlesen der (gut geschriebenen) Bewertung. Meine Kleine macht beim Spielen große Fortschritte – These war ihr schönstes Wort. Mir fiel Kux ein – komischerweise zieht man immer XYZQ, wenn man sie nicht braucht. Ein wunderbares Spiel. Danach in der arte-Mediathek Claude Sautets Meisterwerk „Vincent, François, Paul et les autres“ mit Piccoli, Yves Montand, Serge Reggiani, Stéphane Audran, Marie Dubois und dem jungen (animalischen) Depardieu – die Darsteller durchweg großartig! Ein Spielfilm, der wie eine Doku aussieht – die Kneipen, Werkstätten, Wohnungseinrichtungen, Büros wirken echt. Die Männer rauchen die ganze Zeit, man wird sich einst fragen, was die da in der Hand halten. Dieserart Realismus hat mir immer schon gefallen. Das Timing ist fabelhaft, alles fließt ineinander, die Takes sitzen. Ich mag diese französische Herangehensweise, es lässig und natürlich aussehen zu lassen – eine Tradition, die der große Renoir begründete. Die Amis haben von Beginn an auf Studio und Serie gesetzt: berechenbar, überschaubar, ein Puppenspiel im Grunde, leider oft genauso schablonenhaft. Es gibt Ausnahmen: Michael Ciminos „The deer hunter“ – ein Schocker, bei dem ich bis heute Gänsehaut bekomme, oder John Cassavates. Ich bin aber nun mal Franzose, und in Sautets Film sehe ich mein Frankreich wieder!

Die jungen Damen bereiten das Abendessen vor. Mein kulinarisches Highlight des letzten Tages im Jahr: Die Sellerieknolle mit ihrem so charakteristischen Geschmack mit Senf, Zitronensaft, Walnüssen, Öl, Joghurt und einem geriebenen Apfel angemacht. Dazu Mascarpone und Käse. Wir leben im Schlaraffenland – wo hätte man früher all diese guten Öle gefunden? Wo die Käsesorten? Das hat sich wirklich wundervoll entwickelt. Von der Bitterschokolade ganz zu schweigen.

Bonne année! Nachdem ich gestern zwei Glas Wein getrunken habe und deswegen auf die Ibu verzichtete, ein schwerer Jahresbeginn. Eisen, Vitamine, Hafer, Nüsse, Obst, Sauerstoff. Bei der Gartenrunde Schlenkern des rechten Beins – alles dicht und schmerzfrei, aber die Hüftgegend entlang der Narbe ist wie ein Fremdkörper. Eine neue Erfahrung. (Immer daran denken: Es wird nach und nach besser!) Meine Frau hat sich per ChatGPT das Unfallformular senden lassen, das Krankenhäuser verwenden – in einer Minute war das pdf da. (Überlebensskills der deutschen Bürokratie: Korrektes Ausfüllen des korrekten Formulars.) Im Spiegel ein Interview mit Werner Herzog – Überschrift: „Deutschland hat die Reiseflughöhe verlassen“. Kein einziger schlechter Satz von ihm. Panik als das Wesensmerkmal der Mittelklasse, die technischen Totalitarismus fürchtet, dann aber für nen Zehner Ersparnis bei Amazon bestellt. Das hat alles viel mit der Angst um die Komfortzone zu tun, der Wahrung der Besitzstände und Haushälften, mit sogenannten Lebensversicherungen, dem Ausschalten des Wagemuts zugunsten von Knebelverträgen usw. Herzogs Rat an seine Filmseminaristen gefällt mir (auch wenn sie ihn nicht befolgen werden): Geht wandern! Einfach mal zu Fuß bis zum Netto im nächsten Dorf, aber genau das ist im Sinkflug ja schon eine Zumutung. Nicht jeder kann (und soll) wie er sein, aber es wären gute Übungen in Sachen alternativer Weltwahrnehmung. Herzogs Technologiepessimismus für unsere Spezies teile ich nicht ganz. Ich sehe, neben den positiven Entwicklungen in der Distributionssphäre, dass sehr viele der weltumspannenden Prozesse besser koordiniert, sicherer, schneller und preiswerter werden. Und man kann die neuen Digitalwerkzeuge ja auch kreativ nutzen, zum Beispiel, indem man den Weg eines Gebrauchtwagens bis Nigeria trackt und damit neue Dimensionen der Globalisierung verdeutlicht. Ich finde das fabelhaft.

Medien berichten, dass in den Niederlanden in der Silvesternacht die Lage eskaliert ist. In mehreren Städten gab es Gewaltausbrüche, in Breda wurden Polizisten mit Molotowcocktails und Gehwegplatten attackiert, in Amsterdam brannte eine Kirche nieder. Ich muss an den Sautet-Film denken, in dem die von Piccoli gespielte Figur einen Wutausbruch bekommt als über das Verschwinden der Dispensaires (medizinische Einrichtungen für Arme, Nichtversicherte) zugunsten neu gebauter, teurer Kliniken diskutiert wird. Anfang der Siebziger begann sich die Wohn- und Arbeitswelt und das soziale Gefüge in Paris massiv zu ändern. Bezahlbarer Wohnraum wurde knapp, in den zunehmend migrantisch geprägten Banlieues wurde es rauer, die Exclusion sociale nahm zu … Bis zum abendlichen Neujahrsbraten die Klaviertrios von Schumann. Das Gefühl im Bein angenehmer als gestern – aber es zeigt einem klare Grenzen auf. Zwei Ibu zur Nacht.
