Bernd Wagner, Kreuzberg
ERINNERUNGEN EINES NACHTGÄRTNERS (Teil 1)
Nicht alles, was von der nordamerikanischen Westküste aus seinen Weg in die Welt nimmt, ist von so verheerender Wirkung wie das Joggen, die Digitalisierung und das Hollywoodkino. Ich bilde mir zumindest ein, den Trost über die von Drogen verseuchte Welt Vancouvers gar nicht weit von dieser in einem sich über einen Hügel ziehenden Viertel Seattles empfangen zu haben, und zwar in Gestalt zahlreicher, üppig wuchernder Straßenbeete.
Um jeden Baum hatten die Einwohner hier Pflanzungen angelegt, zum Teil aus mir unbekannten Vertretern der heimischen pazifischen Flora, die in der regenreichen, schwülwarmen Atmosphäre prächtig gediehen. Das war in einem der frühen neunziger Jahre, dem Jahr, in dem ich kurz zuvor meine ehrenamtliche Tätigkeit als Gehilfe der Abteilung „Sumpf und Niederungen“ des Botanischen Gartens Berlin wegen eines Bandscheibenvorfalls beim Laubharken aufgeben mußte.
Als ich von meiner Reise zurückkehrte, gehörte ich zu den ersten Berlinern, die im sandigen Boden ihrer Heimat das in diesem Fall löbliche amerikanische Beispiel nachahmten. Dazu wählte ich eine Baumscheibe im Ausmaß von etwa drei mal anderthalb Metern, die den schmächtigen Lederhülsenbaum (oder die Gleditschie) links vor dem Tor meines Hauses umgibt, der Kreuzbergstraße Nummer 22, in dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits rund zehn Jahre lebte. In den folgenden fünfundzwanzig schuf ich mir mit dem Gärtchen gewissermaßen einen Vorposten, eine Außenstelle, eine Erweiterung meines Lebensraumes, der im Falle einer Stadtwohnung, selbst wenn sie über einen Balkon verfügt und so geräumig ist wie meine, doch immer etwas gefängnishaft Isolierendes hat.

Die Gleditschie (oder der Lederhülsenbaum) ist eine Amerikanerin (oder ein Amerikaner) und wird durch einen Pflasterring vom Bürgersteig abgegrenzt. Die Erde, in der sie wurzelt, ist allerdings die märkische, ein mageres Lehm-Sand-Gemisch, das ich keinesfalls durch Neimengung von Humus um seine karge Anmut bringen wollte, denn schließlich leben wir hier nicht, wie ein betagter Lokalpatriotismus behauptet, in Spree-Athen, sondern in Spree-Sparta. Entsprechend schlicht gestaltete ich die Grenzziehung, indem ich ellenbogenlange Äste, zumeist aus Birkenholz, an der einen Seite anspitzte und auf der anderen mit Kronkorken verschiedener Biersorten benagelte, um sie zwischen den Steinen als Teile eines lockeren Palisadenzaunes ins Erdreich zu treiben.

Außerhalb des Zaunes mußte ich die Kreuzberger Welt so lassen wie sie war, steinern, holprig, mit Kippen, Kaugummi und allen anderen Arten von Müll übersät, aber innen konnte ich sie nach meinen Vorstellungen gestalten. Eine möglichst artenreiche pflanzliche Welt, die, so stellte sich bald heraus, geeignet war, das innere Wesen des sie erschaffenden Gärtners in der von ihm ausgewählten Flora, den in sie eingebetteten Steinen, Muscheln und künstlichen Artefakten auszudücken. Es begann damit, daß ich glaubte, der Gleditschie einen Gefährten aus ihrer amerikanischen Heimat verschaffen zu müssen, der durch seine Sympathie ihr Wachstum beflügeln könnte. Ich entschied mich für jene vor Jahrzehnten in der Friedhofsgärtnerei meiner Heimatstadt erworbene Agave mit den geschwungenen, gelbgeränderten Armen, die meinen Umzug von Ost- nach Westberlin in einem Möbelwagen der Firma Zapf mitgemacht hatte und die nun, als ich sie nach unten trug, kaum durch die Tür paßte. Ich stapelte einige Ziegelsteine paarweise übereinander, damit sie ihre Arme frei über dem Erdboden ausbreiten konnte. Von diesem Podest aus wachte sie über die langsam zu ihren Füßen sich ausbreitende Pflanzenwelt.

Ich kaufte selten Gärtnerware, sondern konzentrierte mich auf die einheimische märkische Flora, von der ich mir ins Auge fallende Vertreter von jedem Spaziergang mit in die Kreuzbergstraße brachte. Nie verließ ich das Haus ohne Plastiktüte, in der die Pflanzen samt Erdballen transportiert werden konnten, und wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs war, nahm ich in seinem Korb auch kleinere Findlinge, bizarre Baumpilze oder bemooste Wurzeln mit, die in dem Beet den ihnen angemessenen Platz fanden. Dabei ergab es sich von selbst, daß sich allmählich ein Terrarium formte, das man meine Lebenslandschaft nennen könnte. Die schönste Jahreszeit in ihr war der frühe Frühling, der meiner Neigung zu feingliedrigen, dem Boden nahe bleibenden Pflanzen und Pflänzlein besonders entgegen kam.

Die Schneeglöckchen, die tief- oder hellblauen Scylla, Lerchensporn und verschiedene Schlüsselblumen woben einen zarten Teppich rund um den Baumstamm, die große Agave und eine kleinere, metallgrüne, deren starre Spitzen geeignet waren, den Hunden und ihren Haltern Respekt vor dem pflanzlichen Leben beizubringen. Sie schützten insbesondere zwei Teiche, zu denen ich zwei Suppentöpfe umgewidmet hatte, der größere mit einem Stein in der Mitte, von dem aus die Vögel trinken können. Die Ufer werden von den großen miesen Muscheln der Oder und den kleinen gerillten der Ostsee umrandet, deren Strand auch die Feuersteine lieferte, die zusammen mit Schottersteinen des Gleisdreiecks, Basaltbrocken aus dem Harz und Wackersteinen von den Feldern der Umgebung das Gebirge bilden, die das doch recht stabile Rückgrat meiner Vita symbolisieren.

An einem der Teiche löschte eine Zeit lang seinen Durst ein gußeiserner Salamander, der ich weiß nicht mehr wie in meinen Besitz gekommen war. Wenn er seine Lage verändert hatte, wenn er etwa von einem Teich zum anderen oder ins Gebirge gewandert war, wußte ich, daß eins der Kinder aus dem Haus damit gespielt hat, am wahrscheinlichsten der Junge einer chinesischen Mutter und eines deutschen, smartphonesuchtigen Vaters, der auf den merkwürdigen Namen Barnabas hört. Daß ich ihn einmal beim Spiel im Beet gesehen hatte und wie betont höflich er mich immer „Guten Tag Herr Wagner“ grüßte, legte in mir den Verdacht nahe, daß er es war, der den Salamander eines Tages mitgehen ließ. Ich nahm es ihm nicht übel, genauso wenig wie das Verschwinden anderer Kleinigkeiten, denn es kamen andererseits neue Dinge wie Samentüten und der eine oder andere Blumentopf hinzu, und alles in allem war die Veränderlichkeit des Beetes ein Zeichen, daß es lebte, ja daß es zu einem Bindeglied zwischen mir und meinen Nachbarn, zu einer Art totem, ich meine lebendigen Briefkasten für uns wurde. Und als solcher sprach ich natürlich mit ihm, besonders wenn ich im Dunklen aus der Kneipe oder Bar kam und mich in altersbedingter Ermangelung anderer Beschäftigungen die Lust übermannte, in der Erde zu wühlen, weshalb ich mir den Ehrentitel eines Nachtgärtners zulegte. Wenn es gerade regnete, zitierte ich etwa Gottfried Keller „Trinkt, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt.“ Dann wünschte ich ihm eine gute Nacht und an jedem Morgen natürlich einen guten Morgen, was den Pflanzen so gut zu gefallen schien, daß ich mich berechtigt fühlte, dem Beet oder Gärtchen recht bald den Ehrennamen „Zur wilden Pracht“ zu verleihen. Denn von meinen Wald- und Wiesengängen brachte ich nicht nur die ausgegrabenen Pflanzen mit, sondern an meinen Bein- und Armkleidern auch Samen anderer Gewächse, die sich vor meiner Haustür ansiedelten, ohne daß ich ihre Herkunft kannte. Beispielsweise eine Kriechpflanze aus der Familie der Dreimaster, die mit ihrem grünen Geschling und den kleinen blauen Blüten in den Gelenken ab Juni das gesamte Beet zu überwuchern drohte, wenn ich ihnen nicht rigoros Einhalt gebot.
