Frank Schott, Leipzig
Meine Rückenprobleme hatte die D-Ärztin bei der Nachkontrolle am Montag mit einem symbolischen Schulterzucken abgetan. „Das wird nicht mehr besser. Damit müssen Sie leben.“ Ich soll Schmerzmittel nehmen, wenn’s schmerzt. Auf meinen Einwand, dass ich das nur ungern machen würde, weil Schmerzen auch eine Warnung wären, es nicht zu übertreiben, gibt es ebenfalls das Schulterzucken: „Das müssen Sie selbst wissen.“ Nach fünf Minuten bin ich entlassen. So schnell war ich in den fast drei Jahren, in denen ich mich mit den Unfallfolgen herumschlagen muss, noch nie draußen.

In der Zeitung lese ich, dass es das kälteste Weihnachten seit 2010 in Deutschland werden soll – wo bleibt die Klimaerwärmung, wenn man sie mal braucht? Wobei derartige Prognosen mit sehr großer Vorsicht zu genießen sind: So soll beispielsweise das „Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung“ bei einem seiner modellierten Katastrophenszenarien so fahrlässig mit Daten gearbeitet haben, dass es seine im Wissenschaftsmagazin Nature publizierte Studie nach erheblicher Kritik aus der Fachwelt zurückziehen musste. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass Menschen, die derart nassforsch mit unseren Ängsten spielen und so einer Hysteriewelle willfährig vorauseilen und ihr damit den Weg bahnen, auch in anderen dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte eine unrühmliche Rolle hätten spielen können.
Der Gedanke kommt mir beim Laufen. Es ist Heiligabend. Es gegen 9 Uhr am Vormittag. Am Brückengeländer lehnt ein verlorenes Fahrrad – immerhin abgeschlossen, also in jemandes Besitz, und nicht als unverkäufliches Diebesgut oder kaputtes Wrack lieblos in den Fluss geworfen. Mindestens einmal im Jahr ziehen Freiwillige auf Booten gemeinsam mit Tauchern Müll und Schrott aus den Flüssen.

Der Wald ist heute so leergefegt so wie Kirchenbänke außerhalb der Feiertage. Nur wessen Seelenheil ihn zwingt, wagt sich heraus – sprich: Läufer, die den Weihnachtskalorien vorbeugen. Väter, deren Babys nicht schlafen wollen. Hundebesitzer, deren Vierbeiner Geschäftliches zu erledigen haben. Ich habe den Eindruck, dass sogar mehr Hunde als Menschen unterwegs sind. Die meisten von ihnen sind bekleidet – ich schätze, drei von vier Hunden tragen ein Leibchen. Manche davon sind so farbenfroh und leuchtend wie die meiner Fußballjungs, die sie überziehen, damit sie sich beim Spiel auseinanderhalten können. Es ist nicht nur kalt, es weht zusätzlich ein kräftiger und eisiger Wind. Ohne Handschuhe hätte ich den Lauf nicht durchgehalten.

Am Heiligvormittag ist nicht nur der Wald nahezu leer, auch die Straßen sind weitaus weniger belebt als zuletzt. Wer sich jetzt noch herumtreibt, braucht Notpräsente oder Geschenkpapier. Oder ihm ist etwas kaputtgegangen, wofür er nun schnell Ersatz benötigt. Auch die Lebensmittelläden sind leerer als am Vortag, als Knappheit an Einkaufswagen herrschte. Selbst an den Imbissen und Dönerbuden ist nichts los, lediglich die Blumenkübel mit ihren spärlich grünenden Pflanzen und welken Blättern stehen vor den Läden einsam auf der Wacht. In einer Woche wird sich hier in den Nischen der Müll der Silvesterfeierlichkeiten ansammeln und mit dem braunen Laub auf die langwierige Zersetzung warten. Oder auf den Frühjahrsputz.

