Bernd Wagner, Kreuzberg
ERINNERUNGEN EINES NACHTGÄRTNERS (Teil 2)

Wie schon erwähnt, war mir ohnehin das frühe Frühjahr am liebsten, wenn die zukünftige Pracht eher ahn- als sichtbar ist, die Fette Henne noch mager und die Anemonen oder Buschwindröschen und Schneeglöckchen, Narzissen und wilden Tulpen, später das Scharbockskraut und die Lerchensporne eine Sippe der Kleinwüchsigen bilden, die zu einer Welt der Kinder und Zwerge zu gehören scheinen. Sie verlangen auch noch nicht so viel Wasser wie im Sommer der wuchernde Dreimaster, die fett gewordene fette Henne und jener nadelblättrige Eindringling, der sich gegen seine Reduzierung durch ein klebriges Sekret zu wehren weiß, das mir eine Woche lang in den Augen brannte und mich zwingt, ihm nur noch in Gummihandschuhen zu begegnen. Das Wasser ist ein gewisses Problem. Pro Sommertag brauche ich zwei Gießkannen voll. Anfangs füllte ich diese durch den Wasserhahn auf unserem Hof. Doch aus irgendwelchen ordnungstechnischen Gründen muß man seit vorigem Jahr in den Keller steigen und den Haupthahn aufdrehen, weshalb ich es vorziehe, die Kannen in meiner Wohnung zu füllen und zwei Stockwerke nach unten zu tragen.

Ein Kollege von mir, der ein Dutzend Betonringe vor dem Wasserfall im Viktoriapark bepflanzt hat, nutzt den dazu gehörigen Teich als Wasserreservoire. Zuerst dachte ich, die Bepflanzung wäre ein Werk der Stadtverwaltung, bis ich den Mann ansprach, der in seinem Fahrradanhänger die Pflanzen herankarrte. Er wohnt in Schöneberg und hat die Pflege dieser üppigen Oase auf eigene Initiative und Kosten übernommen. Die städtischen Behörden werden auf diesem Gebiet nur sichtbar, wenn sie Grün beseitigen, wie beispielsweise die Beete auf dem Mehringdamm, weil die Grünen-Abgeordneten einem Schnellradweg den Vorzug gaben. Alles, was frisch wächst, geht auf private Initiativen zurück; so der Bambushain auf die des Malermeisters, der im dahinter liegenden Haus wohnt; so die große Anlage mit Bank auf die der Schmuckgestalterin, mit der ich seit geraumer Zeit die Erfahrung des regelmäßigen Beklautwerdens teile.
Wir sind uns einig, daß zwei Elemente dabei zusammenkommen: zum einen, daß der asoziale Teil der Gesellschaft Schönheit nicht ertragen kann und sie zerstören muß, zum anderen, daß er den Zweck dieser Gesellschaft im gegenseitigen Diebstahl sieht und jeder gelungene Raub ihn zum Sieger stempelt. Als zum erstenmal an Stelle der Agave mich von ihrem Podest aus Leere angähnte, war ich entsetzt. Der Dieb mußte mit einem Auto oder mindestens mit einem Lastenrad angerückt sein. Sofort ersetzte ich die Agave durch ein Elefantenohr und so hielt ich es immer: nie eine Lücke in mein Ensemble reißen und nicht sich zu schriftlichen Beschimpfungen hinreißen lassen, sondern auf die Macht der Natur vertrauen: es gibt mehr Pflanzen auf der Welt, als ein noch so gieriger Dieb klauen kann. Außerdem sind sie ja mit dem Diebstahl nicht verschwunden, sondern machen nur woanders die Luft sauerstoffreicher und gesünder. Allerdings blieb als Zeuge meiner Tropenreisen nur das grüne Stacheltier übrig, das die Teichlandschaft gegten die Hunde verteidigt. Auf das Podest wanderten immer unscheinbarere Gewächse, die niemand in Versuchung bringen, während ich die Ableger meiner geraubten Pflanzen auf dem Balkon ihrem ruhigen Wachstum überlasse.

Wenn Frost sich ankündigt, wandern alle südländischen Pflanzen ohnehin in meine Wohnung. Die verdorrten Blütenstände, mit Ausnahme solch dekorativer wie die der Fetten Henne; und die Blätter und Lederhülsenfrüchte der Gleditschie kommen in die Biotonne, und den Boden des Beetes decke ich mit den rostroten Blättern bzw. Nadeln einer Sumpfzypresse aus dem Tiergarten ab. Dort bietet mir ein Baum seine Nadeln bzw. Blätter in Brusthöhe dar, und zwar in einem noch jungen Bambushain, in dem ich meine Streu ohne Rückenschmerzen einsammeln kann. In meiner Baumscheibe schone ich die Bandscheiben, indem ich mich bei Bodenarbeiten nicht bücke, sondern auf die Knie gehe.

Die Stelle meiner nicht winterfesten Pflanzen nehmen dabei von mir mit viel Hingabe gefertigte Futterhäuschen für unsere gefiederten Freunde ein, die ich markanten Stationen meines Lebensweges nachgestalte, beispielsweise dem Grenzübergang Dreilinden und dem Kraftwerk Schwarze Pumpe. Als Dächer verwende ich dabei gern Schallplatten mit einem Sprung und Flip Flops, von denen ich jeden Sommer drei Paar verbrauche, obwohl ich seit geraumer Zeit auf Tropenreisen verzichte.

Wenn ich dann des Nachts Sonnenblumen- oder andere Kerne unter sie streue, kommen mir mitunter seltsame Gedanken. Wie wäre es, dachte ich neulich versonnen, wenn ich im Frühjahr Radieschen aussäe, damit ich sie im Fall der Faälle von unten betrachten kann. Wäre es nicht wunderbar, zur letzten Ruhe unter der Gleditschie vor meiner Haustür gebettet zu werden? Wer aber soll das in einer möglichst mondlosen Nacht unternehmen? Der Malermeister scheint mir selbst dem Grab schon nahe zu sein. Ich sollte mich etwas mehr um die Goldschmiedin in meiner Nachbarschaft kümmern. Ihr ist alles zuzutrauen.
