Christoph Sanders, Thalheim
Die Woche beginnt frisch bei minus drei Grad. Amseln, die ich als männlich lese, jagen sich in ihren Revierkämpfen. Ich bringe die Kinder sicher zum Zug und trinke Filterkaffee. Der alte Rhythmus pendelt sich wieder ein. Ab Vormittag strahlend hell und angenehm. Meine Runde um einen Kilometer erweitert. Ich erwische einen Schwarzspecht – das nenne ich einen Lohn! Im Radio die Meldung, dass dreißigtausend Deutsche rund um Dubai festsitzen und nicht ausgeflogen werden können. Traumschiffe versenken. Bei Netto die Regale auffallend leer, Remmidemmi an der Tankstelle. Mir fällt ein Zitat des Andernachers Bukowski ein: „Wenn sie den Krankenwagen nicht mehr durchlassen, ist es soweit.“ Mich erreichen drei CDs mit Schubert-Liedern – Momox liefert auch in die entferntesten Gebiete Deutschlands. Alles wundervolle, ganz spezielle Stücke. Wir haben die Romantik verschüttgehen lassen – eine lohnende Entdeckung, unsere Erwägungen heute sind meist Kalküle der Triebsteuerung, ein Trade-off mit ökonomischem Hintergrund. (Schon allein Begriffe wie „Work-Life-Balance“ …) Gutes Gespräch mit einem Gleichaltrigen, dem nun die Knieprothese bevorsteht. Ich berichte von meiner Reha.

Aufschlussreiches Interview mit der Ernährungsmedizinerin Dr. Fleck bei „Hotel Matze“ – anstatt sich in seinem „Körper“ fehl am Platz zu fühlen, sollten man das wundervolle Funktionieren der biologisch kontingente Systeme dankbar bestaunen. In der Rehaklinik hatte ich als Zusatznahrung Mandeln, Kurkuma, Ingwer, Zimt, Birchermüsli, schwarze Schokolade, Mandarinen, Honig, frischen Thymian und andere handverlesene Kräuter dabei. Damit galt ich allerdings als Sonderling. Als mein Teenie das dortige Essen sah, musste sie an ihr Altenheimpraktikum denken, wo es in der Küche nur markenlose Verpackungen gab: Scheibenkäse hieß einfach nur „Käse“, Wurst nur „Wurst“, Kaffeemehl nur „Kaffee“. Sie fragte mich: „War das in der DDR so ähnlich?“ Eine bemerkenswerte Transferleistung. Gegen 21:30 Uhr stolpert der Finanzfacharbeitersohn rein – er hustet und ist erschöpft, da ihn sein Kind nur zwei Stunden hat schlafen lassen.

Am Dienstag in die kleine Stadt. Meine Kinder für die Schule und eine Klassenfahrt abliefern, rudimentäre Einkäufe. Dann Wanderung bei strahlendem Sonnenschein, diesmal bergauf, bergab. Das Bein läßt mich die Anstrengung von gestern spüren – eine beschwerliche Landpartie. Überraschung in der Küche: die Standardpackung Rinderhack, die man meiner Gattin unterjubelte, hat bei identischer Außenverpackung weniger Inhalt. Leider hat sie eine unerklärliche Scheu vor den guten Metzgern ringsum. Wunderbar geschriebene Passagen von Richard Hamann über die Gotik: Sobald das Turmpaar von der Vierung nach vorn zur Westfassade rückt, erscheint die Kirche wie ein liegendes Tier. Mir fällt dazu das Sternbild Löwe ein.

Die Israelis haben sich über Jahre hinweg in die Verkehrskameras in Teheran gehackt und konnten so die Bewegungsmuster der Fahrer und Leibwächter aus Khameneis Umfeld erstellen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Deutschen mehr Überwachung wünschen, weil sie sich dadurch sicherer fühlen würden, Kritik dürfte es kaum geben – in der Klinik fragten die anderen ständig, an welche Regeln sie sich anzupassen hätten. Und um Punkt 17:30 Uhr holten sie ihr Abendbrot, weil dann noch die besten Stücke da waren. Dieser unsichtbare Anpassungsdruck funktioniert hervorragend. Ein völlig ereignisarmer Tag. Ich fühle mich matt und fröstelnd. Darum geht es früh ins garantiert warme Bett – sonst holt mich noch der Erlkönig.

Sonniger Mittwoch nach Vollmondnacht. Der Winter ist vorbei. Alle sind in den Startlöchern – der Bauer fährt bereits seinen Lambo warm. Bei meiner Wanderung zum Netto (fünf Kilometer hin und fünf zurück) eine Feldlerche gesichtet und die ersten Schnipsel ihrer künftigen Lieder gehört. Das Bein besser als gestern. Zum Mittag Möhrensalat mit Roter Beete gemischt, dazu gibt es Pellkartoffeln und Würstchen (Bio) und zum Nachtisch einen Apfel. Mit dem Sohn ausgerechnet, dass er (als achtzehnjähriger Fußballer) 120 Gramm Proteine täglich benötigt. Familiensorgen um unsere Zwölfjährige auf Klassenfahrt: Am Telefon erzählt sie mir aufgebracht von Mobbing in ihrer Mädchenklasse – und das, obwohl sie endlos Anti-Mobbing-Kurse besucht haben. Ich riet ihr, ruhig zu bleiben, alles genau zu beobachten und aufzuschreiben (sie führt Tagebuch – per Hand!) und die Ausflüge zu genießen. Nach einer tiefenentspannten Yoga-Einheit nochmal nach Westerburg, danach Feldsalat mit Kartoffeln. Ich lege eine unbeschriftete Kassette ein: Es ist eine Shostakovich-Einspielung des Smetana Quartets auf Supraphon. Musik spricht.
