Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

Wie weit die Sicht reicht! Es ist keine neue Strecke dabei, und doch kann ich mich nicht sattsehen. Die Felder sind bereits mit Grün bedeckt, an den Büschen stehen die Knospen in den Startlöchern. Der Wind jagt Wolken übers Land, sodass es sich anfühlt, als lägen zwischen den bewölkten und sonnigen Momenten fünfzehn Grad Temperaturunterschied. Über das gesamte Wochenende gerechnet, wandere ich weit mehr als sechzig Kilometer.

Am Sonntag zieht es mich an die Elbe, die derzeit Hochwasser führt. Die ersten unvorsichtigen Bäume stehen bereits mit den Füßen im Wasser; die Deiche zucken noch entspannt mit den Schultern. Stressig wird es dagegen für die Lastkähne, die flussaufwärts streben: die starke Strömung lässt sie nur langsam vorankommen – fast zwanzig Minuten lang begleitet mich das Schnaufen eines Kahns, bevor er außer Hörweite ist.

Diese Einsamkeit. Nur ich und die reiche Tierwelt, nur der Wind, der über das flache Land pfeift, nur das tiefe Einatmen. Um so etwas in Leipzig zu erleben, müsste ich sehr früh aufstehen und sehr weit hinausfahren.

Mein Therapiestundenplan füllt sich. Ich habe jetzt auch die drei verschreibungspflichtigen Fächer Bogenschießen, Genusstherapie und Psychoedukation. Die beiden letztgenannten Einheiten beginnen diese oder nächste Woche.
Beim Bogenschießen kann ich wieder viel über mich lernen. Grundsätzlich gilt natürlich, dass Pfeile auf ein Ziel geschossen werden – bei uns ist das eine etwa einen Quadratmeter große Platte aus grauem, mehrschichtigem Styropor. Verschiedene Übungen sollen uns darüber nachdenken lassen, was uns behagt und was nicht. Per Kommando werden wir aufgefordert, die Distanz zu vergrößern oder zu verkleinern, abwechselnd oder synchron zu schießen, uns die Scheiben zu teilen oder den Schützen neben uns zu berühren, uns beim Schuss zu bewegen oder auf unerwartete Muskelregungen zu achten. Mein Fazit: Genau zu zielen, ist wegen der unterschiedlichen Sicht- und Flugachsen von Auge und Pfeil schwierig, am entspanntesten schießt es sich, wenn ich ohne nachzudenken und zu zögern Pfeil auf Pfeil in die Scheibe jage.
Das könnte ein interessantes Hobby für mich werden – auch wenn in Jerichow bereits der Endspurt ansteht: Jeder von uns hat gerade seinen finalen Pfeil gefertigt, den wir in der kommenden Woche zum Abschluss dieser vier Einheiten verschießen werden.

In den anderen Therapiestunden herrscht wie so oft Regelchaos, bei dem ich mir nicht sicher bin, zu welchem Grad es Absicht, um nicht zu sagen „böswillig“ ist. Ich verwende das Wort nicht im Sinne von BÖSE, sondern vermute einen gezielten Vorsatz, um uns emotional zu erschüttern oder zumindest herauszufordern. Zwei Beispiele (beide Male ist es dieselbe Therapeutin):

In der Musiktherapie liegen wir still auf Matratzen und hören uns Musik an. Immer ist es Klassik, die bekanntlich nicht jeder mag. Diesmal wurde eine ziemlich öde Einspielung des Herbstthemas aus Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ ausgewählt. Danach sollen wir wie üblich unsere Empfindungen teilen. Ich sage, dass mich die Musik wütend macht, weil sie wie die Abschlussarbeit einer Musikschule klingt: technisch korrekt, aber völlig uninspiriert dargeboten – dabei gebe es doch so viele faszinierende Aufnahmen des Stücks. „Herr Schott, es geht nicht darum, ob Ihnen die Musik gefällt oder nicht. Diese Übung dient dazu, mit Situationen klar zu kommen, die man nicht ändern kann, die man hinnehmen muss.“ Ich sage: „Schlechte Musik ist nichts, was ich hinnehmen muss.“ Naja, hin und her, am Ende bin ich im Unrecht und „habe die Übung nicht verstanden“.
Immer der aufmüpfige Herr Schott.

In der Bewegungstherapie sollen sich alle sechs Gruppenmitglieder zum Abschluss im Kreis aufstellen und dann ihre Position so oft ändern, bis sie zwischen zwei Menschen stehen, „bei denen es sich gut anfühlt“. Ich wähle eine von drei möglichen Varianten zwischen den drei anderen Männern. Als ich sage, dass ich mich auch neben dem dritten, mir nun gegenüber stehenden Mann wohlgefühlt hätte, bekomme ich zur Antwort: „Sie hätten Herrn Mustermann ja auch packen und neben sich ziehen können.“ Ich frage nach: „Also ein Regelbruch? Bei einem Spiel, dessen Regeln explizit formuliert waren?“ „Ja“, bestätigt die Therapeutin. Daraus werde schlau, wer will. Mir scheint das eine gewollte Provokation zu sein, die uns Patienten etwas deutlich machen oder beibringen soll. Ich verstehe das Prinzip nicht. Doch eines ist sicher: Das mit dem Regelbruch merke ich mir für die nächste Musiktherapieeinheit.
