Helko Reschitzki, Moabit

Durch meinen Waldschlenker zu den Brombeerhecken, den ich seit knapp einem Monat mache, stoße ich in den Jagen 48 und 49 (Forstamt Grunewald, Revier Dachsberg) alle paar Meter auf Totholz. Dieser Begriff bezeichnet jegliche Form von abgestorbener Biomasse eines Gehölzes, zum Beispiel vollständig abgestorbene Bäume, die noch aufrecht stehen (die sogenannten „Dürrständer“), oder auch Stubben, Äste und Stämme, Reisig, freigelegte Wurzeln, geborstene Rinde und Mulm. Dieses Material bildet eine tragende Grundlage vieler Ökosysteme: Bestimmte Mikroorganismen, Insekten und Pilze zersetzen als Destruenten die Holzschichten zu Humus, wodurch sie dem Boden essenzielle Lebensbausteine zuführen, sodass wieder neue Bäume und Sträucher wachsen können. Darüber hinaus fungieren die verrottenden Bestandteile als Wasserspeicher, der die Umgebungsluft kühlt.

Neugierig geworden, wie der Umgang mit Totholz in den Berliner Forsten geregelt ist, fange ich an zu recherchieren. Ich stoße zunächst auf allerlei Presseinformationen von Parteien und Organisationen, die vermuten lassen, dass um die hiesigen Wälder ein Krieg ausgebrochen ist. Gräbt man sich dann aber zur Faktenebene durch – sprich zu den Protokollen des Abgeordnetenhauses –, stellt man fest, dass zwischen SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, AfD sowie den zwei fraktionslosen Abgeordneten ein großer Konsens besteht. Man ist sich darüber einig, dass die Wälder ein „riesiger Schatz“ sind, der für das Trinkwasser und das Stadtklima überlebenswichtig ist. Keine Partei will eine Rückkehr zu großflächigen Kahlschlägen und eine Verstetigung von Monokulturen. Totholz soll als Wasserspeicher und Nährstofflieferant vor Ort verbleiben und allenfalls von den Wegen geräumt werden. Die Populationen von Wildschweinen und Rehwild sollen auf einem Niveau gehalten werden, das eine Verjüngung des Gehölzbestandes ermöglicht. Das Wichtigste aber ist, dass der Dauerwaldvertrag aus dem Jahr 1915 unangetastet bleibt – das heißt, dass die Forste weiterhin im Besitz der Berlinerinnen und Berliner sind, nicht bebaut werden dürfen und uns allen somit auch in Zukunft als Erholungsraum dienen können.

Der Ton in der von mir beäugten 66. Sitzung des Ausschusses für Umwelt- und Klimaschutz ist höflich, professionell, manchmal fast schon feierlich und von gegenseitigem Respekt geprägt; den geladenen Expertinnen und Experten werden fachkundige Fragen gestellt. Das alles kann man nun aber in der Medienlogik der heutigen Zeit nicht seiner Stammwählerschaft vermitteln, also werden Diskussionen, wie sie im besten Forsthaus vorkommen, nach außen hin zum großen Streit aufgeblasen: Wer ist befugt zu jagen – private Pächter oder staatliche Jäger? Ist das Mufflon eine faunafremde Art? Wo kommt welcher Schutzzaun hin? Wie soll man Müllabladungen überwachen und sanktionieren? Welche wissenschaftlichen Daten sollten begleitend erhoben werden? Nichts, was man nicht klären kann – und wird, da bin ich mir sicher. Der wirkliche Gegner sitzt zudem nicht im selben Parlament, sondern im Bund. Das Windenergieflächenbedarfsgesetz aus dem Jahr 2023 zwingt Berlin, bis 2032 446 Hektar Landesfläche für die Errichtung von Windkraftanlagen bereitzustellen. Macht der Senat das nicht, verliert er seine Kontrollmöglichkeit und Energiekonzerne können sich Genehmigungen (zum Beispiel für den windreichen Grunewald) einklagen. Da Brachen in der dicht besiedelten Stadt wegen der vorgeschriebenen Mindestabstände zu Wohnhäusern, Schulen, Kitas, Heimen oder Krankenhäusern als Standort in der Regel ausscheiden, rücken die Forsten in den Fokus. Um das Gesetz zu erfüllen und gleichzeitig den tiefen Kern des Waldes vor ungesteuerten Bauprojekten schützen zu können, wird das Land Berlin nun wohl gezielt den 111 Jahre alten Dauerwaldvertrag brechen, um ausgewählte Randbereiche für die Windkraft auszuweisen. Darüber bitte heftigen Streit – mit dem Bund!

Diesen fraktionsübergreifenden Grundkonsens gibt es vom Bundestag über die Landesparlamente bis zu den Kreistagen bei sehr vielen Themen. Ob bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen, der Verhinderung von Lieferengpässen bei Medikamenten, der besseren Ausstattung von Rettungskräften, dem Kinderschutz oder der Stärkung des Ehrenamtes und vielen weiteren Themenkomplexen, geht es letztlich nur noch um Details der Finanzierung und Umsetzung. Schade, dass dieses gemeinsame demokratische Ringen hinter Dauerwahlkampf, der Bedienung der eigenen Filterblase und Brandmauern versteckt wird.

Die Ausschutzsitzung: www.parlament-berlin.de/ados/19/UK/protokoll/uk19-066-wp.pdf (TRIGGERWARNUNG: Der AfD-Abgeordnete gendert!)
Zum Windenergieflächenbedarfsgesetz: https://www.berlin.de/sen/stadtentwicklung/planung/flaechennutzungsplanung/oeffentlichkeitsbeteiligung/windenergie-in
Botaniktrommel-Autor Walter Kintzel über Destruenten: https://botaniktrommel.de/die-pilze-ein-reich-fuer-sich/
Glossar Bundeswaldinventur: https://www.bundeswaldinventur.de/glossar
Das Bierbeben „Schlag Deinen Fernseher kaputt“: www.youtube.com/watch?v=Dhzu6xjI9Zk&list=OLAK5uy_n-MeVymbOhR0Ag9aqY93esg6s0kC6_tno
