Christoph Sanders, Thalheim

Mittwochabend, gegen 19:30 Uhr. Alles beginnt mit einem eigenartigen Grollen in der Luft. Zuerst denke ich, dass das Passagierjets sind, die durch die graue, hohe, zusammengeballte Decke aus Nimbuswolken aus Südwesten donnern. Das Geräusch bleibt aber viel länger, als es bei Düsenfliegern üblich ist, und klingt auch anders – eher wie ein Gemisch aus Pauken und Trommeln, die überlaut über uns aufspielen.

Wir sehen Blitze, in denen es flackernd leuchtet – eine Art horizontales Gewitter mit vereinzelten Pfeilen, das schnell weiterzieht. Am Ende der Wolkenbank ist eine Regenschleppe zu sehen, die auf uns zukommt. Wir schließen alle Fenster und wollen noch den Sonnenschirm auf dem Hof hinlegen. Da peitschen plötzlich wilde Böen mit heftigen Schauern wie aus einer Dusche auf uns herunter. Wir laufen wieder ins Haus hinein.

Dann kommt der Orkan. Der Bambus neigt sich auf 45 Grad, es fliegen die Fetzen, der Strom fällt einmal, zweimal, dreimal aus. Wir haben nur Teelichter; zur Not können wir den Kamin anmachen. Traktoren fahren, die Feuerwehr ist ausgerückt, mehrere Straßen sind gesperrt. Der Strom kehrt zurück. Bleibt. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk vorbei.

Stühle wurden durch den Garten gewirbelt; ich finde die Reste meiner Sternentasse, die auf dem Sims des Wintergartens stand. Die Magnolie hat nur kleine Äste verloren. Der Regen war heftig, fiel aber nicht sehr lange – glücklicherweise war der Boden aus den Vortagen schon aufgeweicht. Aus der Region Wetzlar wird ein Tornado gemeldet – wir bekommen also Wetterlagen wie im Midwest der Vereinigten Staaten.


Donnerstag. Ich richte mit meinem Sohn den Palisadenzaun. Danach Besorgungsfahrten. Überall geköpfte Bäume, ansonsten ein schöner, windiger Sommertag wie in alter Zeit. Wieder zu Hause, muss ich bei meinen Papiersortierarbeiten an die samstägliche Radtour zum Rhein denken. Während der Strom wegen des Niedrigwassers nicht mehr befahrbar ist, wird seit Mitte Juli und noch bis Mitte Dezember parallel die rechtsrheinische Bahntrasse repariert. Baggerteams, die Schwellen tauschen; von Vallendar über Neuwied, Linz und Bad Honnef bis nach Bonn Schienenersatzverkehr (und der kann keine Güter transportieren). Von der Deutschen Bahn angemietete, große lilafarbene Busse auf der Bundesstraße. Der Rhein, der wie ein mächtiger, ruhiger See daliegt.

Kurzübersicht zu Tornados von der Bundesbehörde Deutscher Wetterdienst: https://www.dwd.de/SharedDocs/broschueren/DE/presse/tornado_pdf.pdf;jsessionid=BF3AB16316636955D07B5A05CBF55B2F.live31093?__blob=publicationFile&v=13
„Tornados in Deutschland – Terminologie und Klimatologie“ – Studie für die Deutsche Meteorologische Gesellschaft: https://www.researchgate.net/publication/224987243_Tornados_in_Deutschland_-_Terminologie_und_Klimatologie
Meyers Lexikon: https://woerterbuchnetz.de/?sigle=Meyers&lemid=T05274
