Frank Schott, Leipzig
Es regnet. Am Freitagnachmittag beginnt es, dauert die Nacht an und zieht sich mit kurzen Unterbrechungen bis in den frühen Nachmittag des Samstags. Was für ein Unterschied zum sonnigen Donnerstag oder Freitagvormittag! Ist das noch Sommer oder bereits Herbst?
Unsere Kater lamentieren. Sie wollen nach draußen, schrecken aber davor zurück, weil schon das Trittbrett zur Terrasse voller Wasser steht. Am Abend verschwinden sie dann doch für eine Stunde – Revier checken, Beine vertreten, Mäuse erschrecken … Wat mutt, dat mutt, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt. Der Samstag beginnt, wie erwähnt, genauso feucht und grau. Also wird katerseitig der Schlaf nachgeholt. Welcher Urinstinkt sorgt eigentlich dafür, dass Katzen so eine Vorliebe für Kartons aus Pappe haben? Wer Katzen hat, wird es kennen: Platz ist in der kleinsten Box.

Am Donnerstag fahre ich mit dem Auto nach Zeitz zu einem Bewerbungsgespräch. Ein schönes Städtchen, ein Schloss mit Park, majestätische Kirchen, ein schmucker Marktplatz; es gibt eine vernünftige Infrastruktur mit Geschäften, Kultur und medizinischer Versorgung – hier lässt es sich bestimmt gut wohnen. Der angebotene Job klingt sehr spannend und beinhaltet vieles, was ich gerne machen möchte und wo ich meine Erfahrungen einbringen könnte. Die bisherigen Absagen lehren mich jedoch, nichts zu erwarten. Immerhin will man mir rasch die Entscheidung mitteilen.

Am Freitag ist die gesamte Familie zu Hause. Beide Kinder sind krankgeschrieben – der eine mit einer abklingenden Erkältung, die er sich auf seiner Reise durch Frankreich im Wechselbad der Klimaanlagen eingefangen hat, der andere wegen mentaler Probleme. Meine Frau hat einen Tag Urlaub und ich hänge weiterhin in der Warteschleife, bin also auch daheim. Umso schöner ist es, dass sich unser nicht erkältetes Kind wünscht, dass wir etwas unternehmen, und eine Bootstour auf den Leipziger Flüssen vorschlägt. Eine großartige Idee!

Das innerstädtische Gewässernetz von Leipzig umfasst gut 150 Kilometer, wobei nicht alles befahrbar ist. Die Flüsse Weiße Elster, Pleiße und Parthe bilden das Kernstück. Daran schließen sich menschengemachte Wasserstraßen wie der Karl-Heine-Kanal, der Lindenauer Hafen oder der Stadthafen an. Über die Pleiße kann man mit dem Boot durch den Auenwald bis zum Cospudener See gelangen, und irgendwann in ferner Zukunft soll man sogar über den Leipzig-Saale-Kanal bis nach Halle paddeln können.

Mehrere Bootsverleiher haben sich an den Flüssen angesiedelt, oft Sportvereine, die sich damit ein Zubrot verdienen. Wir nehmen den nächstgelegenen Anbieter und starten an der Pferderennbahn. Mit dem Mitarbeiter trage ich das Drei-Personen-Kanu die rund 30 Meter bis zum Steg. Ich steige am Heck ein und übernehme das Lenken; meine Frau sitzt in der Mitte und unser Kind am Bug. Wir buchen zwei Stunden, wobei unsere Zeit wie bei einer Parkscheibe bis zur nächsten halben Stunde aufgerundet wird – uns stehen also 140 Minuten zur Verfügung.

Es ist mild und sonnig. Der angekündigte Regen ist noch weit weg, die drückende Schwüle vor dem Wetterwechsel ebenso. Wer es nicht selbst erlebt, wird kaum glauben, wie sehr sich ein Stadtbild verändert, wenn man es vom Fluss aus betrachtet. So viel Grün! Mit Schilf, hohen Gräsern und Seerosen bewachsene Ufer. Bäume und Büsche, deren Zweige übers Wasser ragen und Buchten beschatten – oder ins Gesicht peitschen, wenn man direkt darunter hindurchpaddelt. Letzteres passiert einige Male: Manchmal, weil ich tagträumend die Szenerie auf mich wirken lasse und das Lenken versäume, manchmal, weil mit Elektromotor betriebene Ausflugsschiffe Rentner vorbeischippern und wir Paddler ausweichen müssen.

Wir sehen Enten, viele Enten, vor allem weibliche Enten. Wo sind die Erpel? Auf der Arbeit? Und was machen die Weiber den ganzen Tag? Sind sie auf Junggesellinnenabschied und mischen die Gegend auf? Mein Kind fischt einen Beutel mit Hundekot aus dem Wasser. Da hat jemand sachgemäß den Kot eingesammelt, um ihn dann in den Fluss zu werfen? Was sind das für Menschen? Wir legen den Beutel auf einem Steg ab – das Beste, was uns kurzfristig einfällt, damit das Plastik aus dem Gewässer verschwindet.

Wir rudern über das Elsterflutbett und den Elstermühlgraben zum umgebauten und neu eröffneten Stadthafen. Er ist hübsch, aber irgendwie hatte ich … ich weiß nicht … mehr erwartet? „Ziemlich klein“, sage ich. – „Was hast du denn erwartet?“ – „Ich weiß nicht, einen Hafen halt. Wo Kreuzfahrtschiffe oder so anlegen?“, sage ich. Wir lachen, als wir uns einen dieser Riesenpötte für 3.000 oder mehr Passagiere in dem Hafenbassin vorstellen. Vermutlich bliebe dann auch nicht mehr Luft als bei unseren Katzen, wenn sie sich in einen Karton quetschen.

Da der Hafen eine Sackgasse ist, drehen wir um und fahren über die Weiße Elster ins einst industriell geprägte Plagwitz hinein. Ehemalige Fabriken sind zu Wohnanlagen mit Lofts umgebaut worden, viele haben einen eigenen Steg am Fluss. Mein Kind ist beeindruckt, wie schön und wie ruhig es hier auch mitten in der Woche ist. Vermutlich ist es in den Wohnungen im Sommer auch nicht so heiß, weil der Fluss Abkühlung bringe, überlegt es.
Kurz vor dem Abzweig in den Karl-Heine-Kanal drehen wir um. Man könnte einen ganzen Tag auf dem Flussnetz verbringen und würde doch nicht alles sehen. Heute waren es am Ende knapp zwei Stunden. Und wir sind uns einig: Das wiederholen wir.
