Frank Schott, Leipzig
Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht mehr über politische Themen aufzuregen. Dann erzählt mir meine Frau beim Frühstück – eigentlich lobend – von einem Interview in der ARD. Dort hatte eine Klimaexpertin gesagt, dass man schon viel erreicht habe, da man statt des prognostizierten Temperaturanstiegs von 4,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts momentan nur noch von maximal 2,4 Grad ausgehe.

Nun mag ja jeder seine Meinung haben, aber so dreist in die Kamera zu lügen, das macht mich wütend. Das 4,5-Grad-Horrorszenario ist vom IPCC selbst zurückgezogen worden, weil es zu keinem Zeitpunkt realistisch gewesen sei, schimpfe ich gegenüber meiner Frau. Dass diese Modellierung eintrifft, war so wahrscheinlich, als wenn jemand in zwei Ziehungen hintereinander zwei Millionengewinne im Lotto hat. Und das weiß die Expertin. Dass sie jetzt behauptet, das hätte man durch die Klimaschutzmaßnahmen erreicht, ist unverschämt.
Als der kurze Wutimpuls verraucht ist, bin ich über mich selbst erschrocken – warum bringt mich das so auf die Palme?

Vom Klima zum Wetter – und das lädt aktuell überhaupt nicht zum Joggen ein. Seit ich am Freitagnachmittag in der Bahn saß, regnet es mal mehr, mal weniger. Am Samstag wurde es außerdem sehr windig. Der erste Herbststurm peitscht die Bäume und vertreibt unsere Kater in die warme Stube. Sie testen es zwar immer wieder aufs Neue, aber erst in den gelegentlichen Regenpausen verschwinden sie tatsächlich für einige Zeit in den Hinterhöfen.

Am Sonntagmittag reicht es mir. Ich nutze eine Phase mit Nieselregen und mäßigem Wind und renne wie gewohnt – nach dem obligatorischen Teilstück auf den Bürgersteigen – durch den Park. Dieser ist triefend nass. Feuchte Erde schmatzt unter meinen Tritten, Schlamm spritzt hoch. Bei Pfützen, die über die gesamte Breite der Waldwege gehen, laufe ich über die angrenzenden Rasenstücke weiter oder übe mich in Sprüngen. Abgesehen davon bremst mich ein umgestürzter Baum aus – das erste Opfer der herbstlichen Unwetter. Aber erfahrungsgemäß ist das Grünflächenamt recht schnell dabei, Wege zu beräumen, sodass vermutlich schon Anfang der Woche die Strecke wieder frei sein wird.

Ich merke, dass ich viel zu warm angezogen bin – die langärmligen Unterzieher hätte ich mir verkneifen können. Egal. Ich laufe und laufe, und es fühlt sich an wie eine Befreiung.

Es sind überraschend viele Jogger unterwegs, jetzt gegen 12.30 Uhr. Entweder nutzen sie wie ich die vorübergehende Wetterberuhigung oder sie sind wegen der Zeitumstellung aus dem Tagesrhythmus gekommen. Was auch immer es ist: Jeder bekommt von mir seinen Läufergruß mit der Hand oder zwei Fingern. Fast alle grüßen zurück.

Weil ich hungrig werde, wird es wieder kein Halbmarathon. Nach zehn Kilometern biege ich auf den Bürgersteig ab, der nach Hause führt. Am Ende sind es 11,09 Kilometer in einer Stunde und sechs Sekunden. Wenn man berücksichtigt, dass noch einige Fotostopps oder pfützenbedingte Langsamlaufstellen dabei waren, bin ich sehr zufrieden.
Schauen wir mal, wie sich die neue Woche lauftechnisch gestaltet.

Zur Korrektur der Prognose des IPCC (Klimagremium der UNO): https://www.focus.de/earth/hitze-fluten-stuerme-wie-realistisch-sind-die-klima-horrorszenarien-fuer-deutschland_898b900a-1b13-4c69-8c2c-bdbe4ac773f1.html
