Helko Reschitzki, Moabit

Ich muss dieser Tage wegen der Fortsetzung der Bauarbeiten auf der Ringbahnstrecke wieder mal eine der Alternativrouten fahren, weswegen ich einerseits oft in Steglitz unterwegs bin und andererseits am Südufer des Schlachtensees, fast genau gegenüber meiner Stammbadestelle, ins Wasser gehe. Es ist jetzt an der Luft so kalt, dass man nicht mehr merkt, wo man sich nach dem Schwimmen bereits abgetrocknet hat und wo nicht. Als ich am Donnerstagmorgen meinen Aufwärmtee trinke, kommt die Schwanenfamilie zu mir herüber geschwommen. Die beiden überlebenden Jungen haben nun ihre weißen Schwungfedern bekommen. Ein sehr schöner Anblick, der zwei Spaziergängerinnen innehalten lässt. Wir kommen ins Gespräch. Da ich der Einzige bin, der die Tiere von der Brutphase bis heute beobachtet hat, berichte ich ein wenig von ihrem Werdegang, auch von den drei verschwundenen Geschwistern. Mittlerweile bleiben immer mehr Frauen stehen und hören mir gebannt zu (was ich witzig finde). Natürlich versäume ich es nicht zu erwähnen, dass man den jungen Vögeln für eine kurze Phase vor ein paar Wochen eins zu eins ansehen konnte, dass sie von den Dinosauriern abstammen. Für die meisten ist diese Information neu, aber eine junge Dame bestätigt mich (und die Wissenschaft) und erzählt, dass ihre Eltern einen Nandu halten, dem man das auch ansieht. Sie macht mit der Hand den Fuß des Laufvogels nach – ich mag solche gleichzeitig ernsthaften, aber irgendwie auch albernen Momente, die unverhofft den Alltagstrott durchbrechen.

Nachdem sich die Spontangruppe der Naturfreundinnen aufgelöst hat, kommt eine alte Dame des Weges und macht ein paar Fotos von den Schwänen. Man sieht, dass sie nicht einfach drauflos knipst. Wie sich herausstellt, macht sie sehr oft Tierbilder. Sie lebt seit über vierzig Jahren jedes Jahr für drei Monate in Indonesien und hält auch da die Fauna fest. Ich frage, ob es dort ebenso einfach wie am Schlachtensee ist, das Verhalten der Tiere vorauszusehen und so zu guten Fotos zu kommen. Sie lacht: „Ja, das ist da genauso einfach. Man muss ja nur still sein und die Tiere eine Weile beobachten, dann hat man ganz schnell herausgefunden, was als Nächstes passiert.“ Sie zeigt mir auf ihrem Smartphone eine Serie, die sie von einem Waran gemacht hat: „Wenn der Schwanz in diesem Winkel liegt, ist alles in Ordnung, wenn er ihn so neigt, sollte man schnell Abstand gewinnen. Das wissen selbst viele Einheimische nicht.“ – „Stilles Beobachten fällt eben vielen nicht so leicht, dabei sind die meisten Tiere wie die meisten Menschen doch wirklich sehr einfach auszurechnen, oder?“, was sie amüsiert bestätigt.

Seitdem ich meine Schlappohren-Schapka aus der Mottenkiste geholt habe, springt mich auf einmal von überall her Russisches an: Im Verschenkladen Medienpoint Steglitz hat jemand CDs mit russischer Folklore abgegeben, von denen ich ein Halbdutzend mitnehme. Besonders das Ансамбль Русь gefällt mir – das angenehmerweise zu weit nach vorn abgemischte Schlagzeug scheppert den Rhythmus, bei dem ich mitmuss, während nervöse, aber punktgenaue Balalaikas und Akkordeons das Fundament bilden, auf dem Frauenstimmen einen Zwiebelturm des Wohlklangs errichten. Очень хорошо! Auf der Schloßstraße wirbt eine Geldtransferbude auf Kyrillisch um Kunden, im inhabergeführten EDEKA Heppner ein paar Häuser weiter gibt es originale Pelmeni. Auf einem A5-Zettel an einem Ampelmast Birken- Ecke Stromstraße sucht die deutsch-russische Kindertagesstätte
„Cheburashka“ Nachwuchs – die beiden Landesflaggen sind in Herzchenform miteinander verbunden. Es hat etwas Tröstliches, dass es unter den medial-politischen Oberflächen der Feindeserzählungen immer auch eine realistische, zutiefst menschliche Ebene gibt, die sich nicht das eigene Empfinden, die eigene Wahrnehmung verhetzen lässt. – Wie sang Udo Lindenberg 1984 so trefflich: „Ein Wessi spricht: Ey, vergessen Sie nicht, der Russe, der ist schlecht! Ich frag: Welcher denn? Das sind doch mehrere – tja, da hätt ich ja nun auch wieder recht.“

Bei vielen Begriffen und Redewendungen weiß man oft nicht, was sie eigentlich genau bedeuten – oder wer hat sofort parat, wo das „kunter“ in kunterbunt oder das hübsche Wort blümerant herkommt, warum etwas hanebüchen ist, einer einem einen Bären aufbindet oder einen Tag blaumacht. Die Formulierung vom „goldenen Herbst“ lässt sich hingegen eindeutig belegen – so wie an diesem Freitagmorgen am See.

Am Samstag wiederum zeigt sich, woher der Blues seinen Namen hat – kurz vor Sonnenaufgang ist der Himmel in ein Tintenblau getaucht, das den beiden Eisenbären, die auf der Moabiter Brücke ihre Hinterteile gen Osten richten, noch mehr als sonst eine märchenhafte Aura verleiht; zudem beginnt es von einer Sekunde auf die andere zu stürmen.

Das Morgenblau changiert auf dem Weg zum Schwimmen langsam ins Tagesgrau, später beginnt es noch zu regnen. Nach dem Mittag mache ich mich zum Gropius-Bau auf, wo vor zwei Wochen eine Schlingensief-Ausstellung eröffnet wurde. Schräg gegenüber dem Bundesministerium für Finanzen wird die Hülle des Fesselballons, von dem aus man die ganze Stadt überblicken kann, neuerdings von ihrem Eigentümer, der Springer-Gruppe, als „höchste Werbefläche Deutschlands“ vermietet. Erster Kunde ist die Deutsche Vermögensberatung mit ihrer aktuellen Kampagne „Deutschland macht Rente“. Wegen des Windes bleibt der Ballon aber heute am Boden. Vor mir gehen zwei junge Menschen im Regen. Ich sollte mein Foto als Symbolbild an eine Agentur verkaufen.

Im Gropius-Bau ist es voll, insbesondere in den Schlingensief-Räumen drängen sich die Besucher, was mich für die Ausstellungsmacher freut. Es sind alle Altersstufen vertreten, wobei die Jüngeren den 2010 verstorbenen Oberhausener Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler gar nicht mehr bewusst wahrgenommen haben können. Die Themen, die er bearbeitete, sind aber gerade auch für diese Generation von Belang, war er doch dem herrschenden Zeitgeist meist weit voraus. Er antizipierte das Versagen des bundesrepublikanischen Parteiensystems, die vermurkste Asylpolitik, den Aus- und Inländerhass und den Aufstieg der Rechten, sezierte und persiflierte Massenmedien, religiöse Dogmen, Moralvorstellungen und das Herrschaftsinstrument Angst. Er hatte erfrischende Gedanken zum Postkolonialismus und zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen; nach der Dignose seiner Krebserkrankung wurden Sterblichkeit und Tod zu seinen Hauptthemen.

Das Erste, was ich von ihm wahrnahm, war sein Film „Das deutsche Kettensägenmassaker“, den ich 1990 in einem hamburger Kino sah. Es geht darin um eine westdeutsche Metzgersfamilie, die im soeben geöffneten Grenzgebiet die naiven Neuankömmlinge aus Thüringen und Sachsen in einen Hinterhalt lockt und zu Wurst verarbeitet. Genau mein Humor – und immer noch eine schöne Metapher. Später zeigte ich Filme von ihm im von mir betriebenen Parchimer Filmclub. Ich verfolgte seine treffsicheren Aktionen wie die Parteigründung von „Chance 2000“ und die böse Abschiebeshow „Ausländer raus!“, las jedes Interview mit ihm und später seine Bücher. Um die Jahrtausendwende liefen wir uns einmal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz über den Weg – Christoph war der mit Abstand freundlichste Mensch im ganzen Haus.

Nicht weil es so voll ist, sondern weil ich es meist so mache, reicht mir heute, um ein paar Fährten aufzunehmen, ein kurzer Rundgang durch die Schau. Bereits im Lichthof bin ich sofort wieder in Schlingensiefs Kosmos drin und erfreue mich an den verschachtelten Bauten voller Filmflackerbilder, Zeichnungen und Notizen der begehbaren Installation „Kaprow City“. In den folgenden acht Räumen sind Objekte, Plakate, Filme sowie Dokumentationen seiner Aktionen und Gespräche zu sehen; vieles kenne ich, anderes ist mir neu; da die Kuratoren glücklicherweise auf eine weihevolle Inszenierung verzichteten, ergeben sich aus der überlappenden, unchronologischen Präsentation sowieso immer neue Verknüpfungen. Vor seiner hölzernen „Kirche der Angst“ hat sich eine kleine Warteschlange gebildet – eigentlich müssten wir Deutschen uns alle dort hineinsetzen. Ich werde es jedenfalls beim nächsten Mal tun.

Mein Sonntag beginnt mit einem heftigen Regen, der laut auf die Windschutzplanen vor unseren immer noch nicht fertig sanierten Balkonen trommelt. Nach dem ersten Teeaufguss und meinem faden Koloskopievorbereitungsfrühstück verlasse ich meine behagliche Behausung und gehe hinaus ins feuchte, kalte Grau. Nach nicht einmal einhundert Metern stülpt eine Böe meinen Schirm um. Zwei Speichen hat es aus dem Stoff gerissen, eine davon ist zerbrochen, die anderen sind stark verbogen – das sieht jetzt so aus, als wolle ich am Rande des Kölner Karnevalsumzugs Kamelle fangen gehen. In der U9 ist eine junge Frau mit nassem Hund, der nicht den Eindruck macht, als könne er dem nach seiner Gattung benannten Wetter etwas Positives abgewinnen.

Da ich an meiner Badestelle am Südufer des Sees keine Bank habe, muss ich meine Klamotten auf einem abgesägten Baumstamm ablegen. Darüber balanciere ich den lädierten Schirm. Es kommt, wie es kommen muss – nämlich der Stapel ins Rutschen. Alles ist voller Modder, außerdem hat sich die kaputte Speiche im Pullover verfangen. Ich nehme den Kleidungsklumpen und starte einen zweiten Schutzversuch. Im Wasser ist es trotz der Kälte angenehmer als am Ufer. Ich schwimme durch einen dichten Teppich aus Blättern – sie bleiben beim Rausgehen am Körper kleben. Das Abtrocknen verdient nicht seinen Namen; hurtig steige ich in die klammen Sachen. Die Schnürsenkel sind so feucht, dass ich sie kaum zubekomme, kiloschwer hängt die vollgesogene Jacke an meinen fröstelnden Schultern. Selten war ein warmer Tee wertvoller – beim Zuschrauben der Thermosflasche knirscht es. Schnell nach Hause! Dass die Bahn so überheizt ist, freut mich zum ersten Mal. Beim Umsteigen werfe ich im Bahnhof Rathaus Steglitz den Schirm weg.

Das Aufschließen der Wohnungstür, Ausziehen, Befüllen und Starten der Waschmaschine, Teeaufsetzen und Wanne volllaufen lassen geschieht in einer einzigen, fließenden Bewegung. Das Ablassen des Wassers bestätigt, dass es absolut richtig war, alles, inklusive mich, sofort zu säubern. „I am a stranger in your land / A wandering man, call me sand.“

Regenfreier Montag. Wenn die Sonne durchkommt, wärmt sie noch. Am See äußerst angenehme Begegnungen mit Mensch und Tier. Ein mir fremder, junger Mann wünscht mir einen gesegneten Tag; den wünsche ich ihm natürlich auch. Da morgen die Darmspiegelung ist, gibt es nur Tee und Brühe. Am Abend die erste Portion Abführmittel. Shit happens.

Udo Lindenberg „Russen“: https://www.youtube.com/watch?v=vO3RCCJ2uIY&list=RDvO3RCCJ2uIY&start_radio=1 (1984)
Nancy Sinatra & Lee Hazlewood „Sand“: https://www.youtube.com/watch?v=OGnsa-CiPkk (1968)
Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“: https://www.rbb-online.de/doku/s-t/schlingensief-in-das-schweigen-hineinschreien-leuchtstoff-doku-rbb.html (Regie: Bettina Böhler, 2020)
Die Schlingensief-Ausstellung: https://www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau/programm/2026/ausstellungen/christoph-schlingensief

