Frank Schott, Leipzig
Wie schnell doch der dünne Firniss der Normalität verschwindet, wenn der Geist dem scharfen Wind der Realität ausgesetzt ist.

In der Montagsrunde berichte ich, dass mir auf Betreiben meiner Hausärztin und nach einer schnellen Begutachtung durch die Rentenversicherung eine fünfwöchige Reha bewilligt wurde. Inzwischen stehen auch Ort und Termin fest: Über die Feiertage werde ich im Harz rehabilitiert.
Im Austausch mit den anderen gefallenen Engeln bekenne ich, dass ich mich deswegen wie ein Hochstapler fühle, wie ein Schwindler, ein Drückeberger – mir ginge es doch gut. Warum glauben die Ärztin und die DRV, dass ich, ausgerechnet ich, eine Reha benötigen würde, geschweige denn verdient habe? Vermutlich spielen in meine Zweifel auch die durchwachsenen Erfahrungen aus dem Klinikaufenthalt in Jerichow mit hinein.
Von der Gruppe gibt es verschiedenste Hinweise: „Mach, das wird dir guttun.“ – „Ich hatte schon zweimal eine Reha. Man muss sich halt darauf einlassen.“ – „Manchmal siehst du selbst nicht, was andere sehen, wenn sie dich beobachten und erleben.“ Die Quintessenz: Ich solle dieses Geschenk annehmen und es nicht hinterfragen.

Am Tag darauf erlebe ich mich, wie ich beim Ausräumen eines der Kinderzimmer völlig die Fassung verliere und genau wie in den schlimmsten Phasen meines Burnouts selbstzerstörerisch brülle. Mir wird bewusst, dass offenbar weiterhin nur eine recht dünne Schicht zwischen dem Hier und der Verzweiflung liegt.
Ich bin erschrocken und erkenne nun an, dass es doch mehr zu klären und zu rehabilitieren gibt, als ich mir bislang eingestanden habe.

Auch sonst herrscht in diesen Tagen Unbeständigkeit. Wie die Regierungsparteien bei der Diskussion um Steuersenkungen liefern sich Sonne und Regen, Sturm und windstille Momente einen Schlagabtausch. Aber wir sind ja auch mitten im Herbst. Genießen wir also die schönen Momente und machen das Beste aus dem Wetter – ändern können wir es ohnehin nicht.

Für einen meiner Streifzüge nehme ich mir vor, an jedem Menschen, den ich unterwegs betrachte, etwas Schönes und Bewundernswertes zu finden.
Da ist der alte Herr, der eine Art Frühsport macht, indem er beim Gehen versucht, mit den Knien an seine im rechten Winkel nach vorne gestreckten Unterarme zu gelangen. Er wirkt verlegen, weil ich ihn beobachte, doch ich entkrampfe die Situation mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Da sind Eltern, die genau wie ihre Kinder vorbildlich einen Fahrradhelm tragen. Da ist die Frau, die an der Haltestelle in einem Buch liest, statt auf das Handy zu starren. Und da ist der junge Vater mit dem süßen Quetschgetränk in der Hand, der gemeinsam mit seinem kleinen, im Kinderwagen sitzenden Jungen lacht, als dieser es entdeckt und sich sichtlich darauf freut.

Mit den ersten Morgenstrahlen sind jetzt die Laubbläser unterwegs und lassen die Bässe ihrer Motoren mit dem Rumpeln der Straßenbahnen und dem Dröhnen des Verkehrs wetteifern. Feinsäuberlich werden Blätter zu Haufen geblasen und anschließend in kleine Transporter verladen. Ein Hausmeister macht es sich einfacher: Er häckselt die Blätter beim Mähen des Rasens mit seinem Minitraktor gleich mit in den Sammelbehälter. Und danach? Danach kommen die Krähen. Gemächlich stolzieren sie über die Grasfläche und schauen nach, ob die menschlichen Aktivitäten versteckte Leckereien offengelegt haben.
Es gibt so vieles zu entdecken. Gutes, wenn man es sehen will.

Vor mir liegt noch ein weiter Weg und einiges an Arbeit. Dabei gilt dasselbe wie beim Verspeisen eines ganzen Elefanten: Man muss Stück für Stück vorgehen.

