Helko Reschitzki, Moabit

Eindeutige Anweisung der gastroenterologischen Praxis: In den sieben Tagen vor der Darmspiegelung darf ich auf keinen Fall etwas mit Fasern, Kernen, Körnern, Schalen, Hülsen, Samen oder Spelzen zu mir nehmen; nichts mit hohem Ballaststoffgehalt, Blähendes, Blutverdünnendes oder mit hohem Eisengehalt. Ab sechsunddreißig Stunden davor kommen weitere Einschränkungen dazu: Ab jetzt ist alles mit fester Konsistenz, Milchbestandteilen, Fruchtfleisch und Kohlensäure tabu. Ebenso ist Alkohol verboten, vor allem aber rote Farbstoffe, da diese auf dem Arztmonitor, der meine Eingeweidebilder anzeigt, nicht von Blut zu unterscheiden sind. Alles klar. Damit fallen ungefähr 90 Prozent meiner gewohnten Speiseoptionen weg. Meine Wochenaufgabe: Aus dem, was noch geht, etwas Leckeres zuzubereiten. Und so esse ich zum Beispiel mit Feta gefüllte Minipita aus dem Backofen, Kartoffelgerichte, Tofu, Weizenbaguette und Zwieback mit Frischkäse, Käsewürfel, Grießbrei mit Apfelmark und Joghurt und zum Ende hin eine fein gesiebte Kraftbrühe, die ich nach dem Grundrezept der traditionellen chinesischen Medizin koche. An Getränken gibt es Tee, Wasser und klaren Apfelsaft. Ich merke, wie von Tag zu Tag mein Energielevel sinkt – und muss höllisch aufpassen, nicht aus Gewohnheit zu Obst, Nüssen, Haferriegeln oder Trockenfrüchten zu greifen, was der mit Abstand schwierigste Part ist.

Am Montagabend nehme ich das erste aufgelöste Abführpulver, dem weitere folgen. Von 3 Uhr nachts bis um 10 Uhr sitze ich sehr oft auf der Toilette, wobei ich wirklich froh bin, dass mein innerer Alarmwecker auch in der Tiefschlafphase ansprang. Die Ausspülung ist pünktlich beendet (da wurde mir auch schon anderes berichtet), sodass ich noch Zeit für ein Bad habe. Während ich in der Wanne liege, trommelt Jaki Liebezeit seine monotonen Beats, zu denen Joachim Witt dann so etwas knödelt wie: „Ich bin das Glück dieser Erde … Hey, lasst das sein, Kinder, ihr seid wohl ganz versessen … Die Phonezahl bringt Stimmung in die Isolation …“. Um es der Arzthelferin, die mich später, während ich noch im Betäubungsmitteldusel bin, anziehen wird, etwas einfacher zu machen, ziehe ich weite Trainingsklamotten an. Auf meiner Fahrt in die Praxis seh‘ ich noch einmal die Lichter der Stadt; sie brennen wie Feuer in meinen Augen, ich fühle mich einsam und unendlich schlapp.

Am Empfangstresen noch etwas digitaler Papierkram und die Bezahlung des Kohlendioxids, das über das Endoskop in den Darm geleitet wird, um die Wände zu entfalten und für die Kamera sichtbarer zu machen. Im Gegensatz zu Raumluft (was Kassenleistung ist) wird das Gas vom Körper wesentlich schneller resorbiert und über die Lunge abgeatmet, was schmerzhafte Blähungen und Krämpfe nach dem Eingriff minimiert. Das ist mir allemal die 20 Euro Eigenleistung wert. Längere Wartezeit, die ich lesend und dösend verbringe. Dann mein Aufruf. Rein in die Behandlungshose und rauf auf die Liege; Zugangslegung. „Noch Fragen?“ – „Nö. Aber bestimmt später bei der Auswertung. Jetzt freu ich mich erst mal auf die Narkose.“ – „Schlafen Sie schön.“ – „Chopüh.“

Ich komme zu mir. Die MTA geleitet mich stützend in den Aufwachraum: „Ihre Untersuchung hat länger gedauert als geplant.“ Da ich nicht zu Spekulationen neige, nehme ich diese Information ohne weiteres Nachdenken hin – man lebt wesentlich ruhiger, wenn man das immer so macht. Wieder Dösen, aber diesmal im Liegen. Ziehen des Zugangs, Aufstehen. Weil alle Stühle im Taumeligenzimmer besetzt sind, gehe ich wieder in den großen Wartebereich. Die Stelle, an der die Nadel saß, blutet durch den Schnellverband. Ich sage einer der Schwestern, dass ich zwar mit der U-Bahn nach Hause fahre und damit im Zweifelsfall dort gar nicht auffallen würde, es aber nett wäre, wenn ich ein frisches Pflaster bekäme. Böses Lachen ihrerseits und neuerliche Versorgung.

Zurück im Warteraum wird gerade der nächste Patient aufgerufen. Dessen Begleitung regt sich sehr laut und lange über die Wartezeit von zwei Stunden auf: „Und das trotz des Termins!“ Da ich so ein Gemotze absolut nicht ausstehen kann, unterbreche ich ihn und sage, dass so etwas im laufenden Betrieb immer vorkommen könne; ich hätte auch bereits eine Stunde gewartet, außerdem sei meine Untersuchung länger als geplant gewesen. Als ich ihm nett anbiete, die Schuld für die Verzögerung komplett mir zuzuschreiben, muss er lächeln. Dann fragt er: „Waren Sie denn auch bei Doktor XY?“ Ich: „Keine Ahnung.“ Er: „Aber man muss doch wissen, wer einem in den Anus guckt!“ Icke: „Aber ich hab doch hinten keine Augen!“ Durch diesen halbgaren Joke ist sein Groll vollends verflogen und wir unterhalten uns entspannt über Michael Jacksons Propofol-Sucht. Dann fragt er mich, ob ich glaube, dass er noch Zeit für einen Spaziergang hätte – wozu ich ihn explizit ermuntere.

Rein zum Arzt. Dieser gibt sogleich Entwarnung, dass er „nichts Schlimmeres“ gefunden habe. Und ich bekomme endlich eine Diagnose! Von der betroffenen Körperregion habe ich nie zuvor gehört. „Es kann passieren, dass Sie ab und an beim Fahrradfahren eine Hose durchbluten – aber damit können Sie noch hundert Jahre alt werden!“ Allemal besser, als mit sechzig mit sauberer Buxe abzutreten. Er beschreibt, was mich sehr für ihn einnimmt, ganz präzise die drei unterschiedlichen Arten der Blutungen, die mir allesamt bekannt sind. Wir sind uns sofort einig, dass – Stand jetzt – eine proktologische Operation ein zu vermeidender Eingriff ist. Der Arzt gilt als Koryphäe seines Fachs und ist, wie ich es zum zweiten Mal feststelle, immer eher für die minimalinvasive Lösung und dafür, dem Körper Zeit zur Heilung zu geben. Dann erklärt er, warum die Untersuchung so lange gedauert hat: „Ihr Darm ist etwa doppelt so lang, wie es üblich ist – ich kam kaum mit dem Gerät an das Ende heran.“ Fasziniert schildert er weitere Details – da er das alles maximal seriös macht, ist das für mich saukomisch. Ich stelle noch ein paar alltagspraktische Fragen, die er ganz in meinem Sinne beantwortet. Nette Verabschiedung – auf dem Hausarzt-Brief steht der schöne Satz: „Erneute Vorstellung unter Vorsorgeaspekten in zehn Jahren.“ Damit könnte ich sehr gut leben. Obwohl ich im Vorfeld keine Belastung wegen einer möglichen lebensverändernden Diagnose verspürt hatte, merke ich nun eine gewisse Erleichterung. (Es versteht sich von selbst, dass alle, die im Vorfeld – im Gegensatz zu mir – über die Ursache meiner Kalamitäten spekulierten, vollkommen falsch lagen.)

Nach dem Verlassen der Praxis esse ich noch auf dem nahen U-Bahnhof zwei Bananen und zwei Hafer-Dattel-Riegel gegen den Hunger. Zuhause mache ich mir dann auf Empfehlung des Docs das, worauf ich am meisten Appetit habe – einen Salat mit Radicchio, Rauke, Tomaten, Gurken, Nüssen, Mozzarella und Möhren. Endlich wieder Vitamine, Ballast- und Bitterstoffe! Ich merke förmlich, wie die Metaboliten jede einzelne Zelle meines Körpers und jede Schicht der Seele durchfluten.

Am Mittwoch bin ich sehr erschöpft – das am Vortag war ja die zweite Narkose innerhalb von vier Wochen; klar, dass der Körper das nicht über Nacht abschüttelt. Energietanken am Schlachtensee und, da ich eh zu nichts zu gebrauchen bin, Erledigung von lästigem Kram wie dem Scannen von Dokumenten, dem Schreiben und Zur-Post-Bringen eines Ämterbriefs und einem Großeinkauf. Bei meiner Orthopädin will ich eigentlich wie üblich ein Rezept abholen – wegen der neuen Tresenkraft geht das jedoch nur nach einem Arztgespräch; der Termin ist am 21. Dezember. Da durch die zwei Darmspülungen mein Mikrobiom radikal dezimiert wurde und ich die verbliebenen, in der Schleimhaut sitzenden Bakterien unterstützen und ergänzen möchte, hole ich aus der Drogerie meines Vertrauens Kapseln, die zwanzig Probiotika-Kulturen enthalten. Ich bin normalerweise kein Freund von Nahrungsergänzungsmitteln, hier mache ich einmal eine wohl überlegte und gut recherchierte Ausnahme.

Am Donnerstag denke ich zunächst, dass durch das pastellige Licht der aufgehenden Sonne Kakadus fliegen (wahrscheinlich aus dem einhundert Meter entfernten BSL-4-Hochsicherheitslabor des RKI geflohene Versuchstiere), doch dann sind das bei näherem Hinsehen doch nur wieder Tauben – wahrscheinlich knallt noch immer ein Rest Propofol auf meine Synapsen. Am See wurde nun nach zehn Wochen der Erdschlund unter dem herausgerissenen Uferbaum zugeschüttet.

Die Wassertemperatur kratzt an der 10-Grad-Grenze, und als ich nach dem Schwimmen Richtung Bahn gehe, wird am nördlichen Ufer gerade der Toilettencontainer abgebaut – nun geht es rasant auf Weihnachten zu. Ein Kormoran trocknet auf dem Schildkrötenbaum im Seedampf sein tauchnasses Gefieder. Beim Tischtennis merke ich, dass eine doppelte Darmlänge ein schier unerschöpfliches Reservoir an Witzstoff bietet.

Am Freitag liegt den gesamten Morgen über dichtester Nebel auf all meinen Wegen – die Westhafengebäude sind wie weggezaubert, Geisterzüge entschwinden Sekunden nach der Abfahrt im Nirgendwo.

Und da man, wenn man nicht mehr richtig durchsieht, ja öfter mal auf Abwege gerät, stoße ich auf der rechten Seite der Rehwiese auf eine weit über einhundert Meter lange Brombeerhecke, die ich (wie kann so etwas passieren?) jahrelang übersehen habe. Ich werde im Sommer dermaßen zombiegesichtig in die Bahn steigen, dass es eine Freude ist.

Der Waldboden duftet sehr intensiv; Enten und Schwäne suchen heute, anders als sonst, auf dem nebelfeuchten Uferweg ihr Fressen. Beim Schwimmen ist es durch die hohe Luftfeuchtigkeit und Kälte über der Oberfläche äußerst ungemütlich. Solche Tage werden sich nun häufen. Da das alles noch gut aushaltbar ist, trage ich im Wasser aber keine Wollmütze und Neoprenhandschuhe. Seit Dienstag ausbleibender Stuhlgang, was nach einer Koloskopie ganz normal ist (und so ein einhundertfünfzig Meter langer Darm will ja erst einmal wieder gefüllt werden). Sicherheitshalber esse ich trotzdem ein paar getrocknete Backpflaumen. Ruhiger Resttag voller Erledigungen, wie dem Kauf von frischem Sauerkraut. Im Kleinen Tiergarten beobachte ich, wie sich eine Nebelkrähe betont unauffällig einer Gruppe Tauben nähert. Ein Dutzend ihrer Artgenossen beäugt das Ganze – schnell weg, bevor es eskaliert.

