Christoph Sanders, Diez
Am Mittwoch graues Wetter. Der Schleim löst sich immer besser. Zum Frühstück ordentlich Porridge. Am Nachmittag Suche nach einer WLAN-Buchse, die es irgendwo im Haus geben soll. Wir werden nicht fündig – die Mädchen sind bockig. Unser Teenie ist ohne Zwischenfälle aus Le Mans zurückgekehrt ist, wo am vergangenen Wochenende alles ruhig blieb. Die Mittelstadt im Nordwesten Frankreichs, hatte zeitweilig eine linke Verwaltung, unter der die Kommune modernisiert wurde. Ein Tramsystem erlaubt schnelles Reisen über viele Kilometer; die staatlichen Gebäude sehen gepflegter aus als anderswo. Die alte Renault-Traktorenfabrik wurde 2003 von der knochenkonservativen deutschen Familie Claas erfolgreich übernommen und stellt den größten Arbeitgeber. Sahnehäubchen ist das berühmte Autorennen 24 Heures du Mans, das jedes Jahr eine halbe Million Zuschauer anzieht und Geld in die Kassen des Automobile Club de l’Ouest, der Gastronomie und Hotellerie spült. Der Migrantenanteil in der Stadt ist hoch, die Stimmung aber entspannt. Wir bekommen von unserer Tochter Informationen aus erster Hand. Die landesweiten Proteste vom letzten Samstag waren angekündigt – die Nordafrikaner hatten den Tag zum Gedenken an das „Massaker von Paris“ deklariert. Am 17. Oktober 1961 gingen in Paris Algerier gegen die nächtliche Ausgangssperre auf die Straße, die wegen des Krieges gegen sie verhängt worden war. Die Polizei schlug die Demonstration brutal nieder – Hunderte starben. Die migrantischen Unruhen 2026 haben mit den Forderungen der Schüler und Studenten nichts zu tun, dafür umso mehr mit Kolonialgeschichte und der uralten französischen Klassen- und Rassengesellschaft. Der Elite sind diese Dinge seit Jahrzehnten bewusst – und nun verliert sie den Zugriff, zumal das Parlament sich durch die drei unversöhnlichen Blöcke selbst blockiert. Von diesen Hintergründen habe ich in den deutschen Medien nichts mitbekommen – wahrscheinlich will man verhindern, dass man „den Falschen“ in die Karten spielt und Integrationskonflikte importiert, nachdem das große Multikulti-Experiment (inklusive der Ex-DDR, haha) zumindest in der politischen Balance der alten BRD gescheitert ist.

Der Donnerstag sehr sonnig und herbstlich. Ausgedehnte Wanderung durch die Felder, was mir zuerst endlos vorkommt, dann finde ich meinen Rhythmus. In die Pedale zu treten ist mir aber lieber – gute Übung gegen den Wind an der anonymen Rückseite von Diez entlang. Kasernengebäude und Mietshäuser rings um die Oranier-Kaserne; das Barockschloss stets abgewandt hinterm Berg. Nach dem Essen mit der Tochter ausgiebige Siesta, während der DLF lief und in Andeutungen über Sicherheitslücken im Netz redete. Danach weitere Versuche, den Router zum Laufen zu bringen. Nachdem ich im Keller einen großen Kasten entdeckt habe, in dem sich der Anschluss findet, habe ich mithilfe des Denkvermögens meines Sohns alles angeschlossen. Mal sehen, wie weit das Signal durch unseren Spannbeton dringt – es ist ein solides Haus. Anfangs funktioniert es – aber ich fürchte, wir werden Verstärker und Repeater besorgen müssen. Am Abend ein später Einkauf – mausetote Straßen im Regenglanz. Interessanterweise ist hier in der Stadt alles eine Stunde früher zu als in unserem alten Hauptdorf.

Am Freitag klumpt sich Schleim im Gehirn, den ich mit Tee und Kaffee rausblase. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich keine Fortschritte spüre – elend ist es aber immer noch. Draußen dolle Herbstfarben und nass. Dazu das ungewohnte Geräusch der taktweise vorbeirollenden Fahrzeuge – auch wenn wir am Wald wohnen, spüre ich die permanente Nähe der kleinen Stadt. Wie lange es wohl dauern wird, bis man den neuen Rhythmus in sich aufgenommen hat? Am Altersheim oben am anderen Ende der Straße 20 Kilo Altpapier entsorgt, anschließend ein zielloser Rundgang. Während der Sturm durch die Bäume rauscht, vorm Einschlafen ein Kapitel über die Brennabor-Werke in Brandenburg. Nach der großen Finanzkrise 1931 geht das Familienunternehmen in Konkurs. Unter Führung der frisch verstaatlichten Commerzbank, die 1931 selbst in Schwierigkeiten geraten war (und erst 1937 reprivatisiert wird), erfolgt im Juli 1932 die Neufirmierung als AG – man bedient sich am bekannten Namen, die Banker stellen den Aufsichtsrat. Wer die neuen Aktien zeichnet, wer die Inhaber sind, wird in dem schönen Buch leider nicht ausgeführt. Es ist bei Stahl- und Walzwerken eine interessante Verflechtung von Monopolkapitalismus und staatlichem Dirigismus – wenn es nicht mehr weitergeht, schreien alle nach Vergesellschaftung.

Ein stürmisch grauer Samstag. Spät erwacht, immer noch verschnupft, Kopfdrücken, Schweregefühl – aber insgesamt leichter. Ich fühle mit Vincent Kompany mit. Weiterhin sehr windig – noch halten die Bäume ihre Blätter. (Meistens.) Ich bin beim Sortieren meiner Berlin-Fotos im Jahr 2007 angekommen. Der Blick auf die Halenseebahn war noch frei; inzwischen steht dort ein gewaltiger Häuserriegel – Wohnschließfächer statt Gartenlauben für Bahnbeamte. Die Bahn hat mit den (übrigens enteigneten) Grundstücken sicher keinen Verlust gemacht. Mein Sohn konnte mit einem Jahr schon laufen und Bobbycar fahren – man kann nicht von einer unglücklichen Berliner Kindheit sprechen. Mein Leben ist „ein Tablett voll glitzernder snapshots“, um einmal Arno Schmidt zu zitieren. Ansonsten ein völlig ereignisloser Tag, bis auf das Virus, das sich gegen Abend ernsthaft zurückzieht – der Kopfdruck weicht, die Schlagzahl der benutzten Papiertaschentücher geht stark zurück. Bald werde ich wieder aufs Rad steigen – am 14. November steht ein 200-Kilometer-Brevet ins hohe Sauerland und das Rothaargebirge an. Dort kann dann schon Schnee liegen. Meine erste Stereoanlage ist am Netz, unsere Kleine hat ihre auch eingeswitcht. Die Kinder leben sich ein.

Über das Massaker von Paris am 17. Oktober 1961: https://www.dw.com/de/frankreichs-staatsverbrechen-an-den-algeriern/a-59495689
