Frank Schott, Leipzig
Wenn in der Großstadt Erzieher eine Gruppe Kleinkinder begleiten, sind Warnungen vor Autos, Straßenbahnen oder rücksichtslosen Radfahrern die häufigsten Kommandos. In der heimischen Kleinstadt ist es der Ruf: „Vorsicht, Hundekacke!“ Ein Hinweis, den die Kleinen natürlich mit Inbrunst wiederholen.

Ich bin der Eltern wegen in Parchim. Mein Vater liegt weiterhin im Krankenhaus, jedoch im 40 Kilometer entfernten Pritzwalk. Nur dort kann er die verordnete Reha antreten – in Parchim gibt es keine Geriatrie mehr. Zweimal besuche ich ihn. Jedes meiner Geschwister nimmt mich einmal im Auto mit. Im Sommer war ich zwischen Parchim und Pritzwalk noch mit dem Fahrrad unterwegs; etwas über zwei Stunden hatten mich die verschlungenen Radwege durch die Provinz geführt.

Trotz seiner sechsundachtzig Jahre und der Gebrechlichkeit erscheint er mir als einer der fittesten Senioren in der Klinik. Er hat sich seit der schweren Erkrankung deutlich erholt. Das spüren auch die Pfleger, von denen er berichtet: „Die zeigen mir Bilder und ich soll sagen, was das ist. ‚Wissen Sie, was das ist?‘ – ‚Ja, Sie auch?‘, sage ich. ‚Ja‘, antwortet die Schwester. ‚Warum fragen Sie mich dann?‘“ Ich kann mir vorstellen, dass die Pfleger mit Humor ihren Spaß an ihm haben.
Auch im Gespräch mit meinem Bruder zeigt sich, dass er geistig wach ist. Mein Bruder erklärt irgendwas und beendet den Satz mit: „Wenn du wieder draußen bist.“ Mein Vater sagt: „Nicht ‚wenn‘. Nächste Woche bin ich draußen.“ Mein Bruder bekommt das nicht mit und wiederholt die Formulierung. Mein Vater unterbricht ihn erneut: „Nicht ‚wenn‘.“ Ich grinse ihn an und sage: „Nicht wenn, sondern sobald.“ Mit einem Lächeln bestätigt mein Vater.
Die zwei Besuche stimmen mich hoffnungsvoll. Es wird wichtig werden, diesen Elan beizubehalten und ihn nicht nur geistig, sondern auch körperlich regelmäßig herauszufordern.

Die zweite Aufgabe ist die Arbeit in der Wohnung. Meine Eltern tun sich schwer damit, um Hilfe zu bitten, wollen alles irgendwie alleine schaffen. Dennoch sind mein Bruder, mein Neffe und ich einen Tag beziehungsweise zweieinhalb Tage am Wirken: Putzen an schwer zugänglichen Stellen, Dinge in den Keller bringen, Umräumen … die Klassiker. Wir wollen für die Rückkehr des alten Herren alles bereitmachen.

Als die Fortschritte in der Wohnung sichtbar werden, traut sich meine Mutter, Wünsche zu äußern: Eine Schublade benötigt eine Reparatur. Ein wegen fehlender Teile nicht fertiggestellter Nachttisch soll vollendet werden. Im Bad wäre mehr Licht hilfreich. Und der alte Staubsauger ist eigentlich auch hinüber.

Einschließlich der Besuche am Krankenbett sind die Tage so gut ausgefüllt, dass es an den Abenden nur für einen halbstündigen Spaziergang und drei Runden Kniffel mit meiner Mutter reicht. Im Scherz sage ich, dass das Spielen mit ihr gar nicht so einfach zu verkraften ist: „Entweder gewinnst du oder ich verliere.“ – „Stimmt doch gar nicht“, beteuert sie. Am Ende gibt mir die Statistik recht – in neun von zwölf Runden liegt sie vorne, und das mit deutlichem Vorsprung.

Ich hatte geplant zu joggen, aber tatsächlich finde ich dafür weder die Zeit noch die Kraft. Dafür gönne ich mir morgens, bevor meine Mutter aufsteht, einen Gang zum Bäcker mit einer kilometerlangen Extrarunde. Und wenn wir aus der Klinik zurückkehren, lasse ich mich weit vor der elterlichen Wohnung absetzen, um noch etwas Luft zu schnappen und den Kreislauf in Schwung zu bringen.

Einmal ergibt sich die Gelegenheit, von Slate aus an der Elde nach Parchim zu laufen. Es ist traumhaft ruhig. Ein Reiher lauert auf Fische. Drei Enten schwimmen gemächlich stromabwärts – ich frage mich, wieso eigentlich so häufig drei Enten ein Paar bilden. Über mir gackern die Wildgänse, die in Formation nach Südwesten streben. Ein Geräusch, das Erinnerungen an den Winter in Jerichow weckt. Für den Moment bin ich mir nicht sicher, ob es gute Erinnerungen sind. Die Gänse kümmert es nicht – sie schwatzen, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen.

Am Freitag machen wir in der Wohnung keine neue Baustelle auf und bringen nur den alten Staubsauger in den Keller – heute soll per Paketdienst der neue kommen. Hierbei sieht man den Unterschied zur Großstadt: Lieferungen benötigen im Hinterland mindestens einen Tag länger. Leider klappt das mit der Zustellung nicht, bevor ich zum Zug muss, aber ich bin unbesorgt: Im Zweifelsfall helfen die Geschwister bei der Inbetriebnahme.

Bis auf einen schnellen Becher Kaffee mit einer Freundin beim Warten auf den Anschlusszug in Ludwigslust waren meine Parchimer Freunde und Bekannten eingespannt. So blieb viel Zeit für Gespräche, Kniffel-Runden und das gemeinsame Lösen von Kreuzworträtseln mit meiner Mutter. Wir kamen uns dabei so nahe wie vermutlich noch nie. Damit zeigt selbst ein unfreiwilliger Aufenthalt im Krankenhaus, dass sich den meisten Situationen etwas Gutes abgewinnen lässt, wenn man offen dafür ist.
