Gregor Dill, Moabit
Familie ist etwas Wunderbares.
Mein Bruder und meine Mutter haben auf meine Anfrage, mich aus Ingolstadt abzuholen, natürlich mit „Ja“ geantwortet. Sie wohnen circa dreißig Minuten Autofahrt von der Berlin-München-Zugtrasse entfernt. Dieser glückliche Umstand freut mich ebenso sehr wie die Möglichkeit, ihn bewusst wahrzunehmen.
Mitten in der Hauptstadt lebend, bin ich mit der Bahn schneller in Bayern, als ich ein Wort wie zum Beispiel „Mecklenburg-Vorpommern“ einhändig und fehlerfrei in ein Navigationsgerät tippen kann.

Meine beiden großen Jungs, die zwei Züge vor mir fuhren, mein Bruder und meine Mutter holen mich vom Bahnhof ab. Das vollgepackte Auto hat einen Fahrradträger, da meine Söhne die nächsten Tage im Hallertauer Hügelland durch die Wälder radeln wollen.
Wir kommen durch Landschaften, die meine Heimat sind. Ich erkenne in den vorbeiziehenden Hügeln, Kurven, Höhen und Tiefen viel selbst Erlebtes, auch die Gerüche der einzelnen Orte wecken Erinnerungen. Bereits die Dialekte der Menschen, die mit mir aus dem Zug stiegen, klangen vertraut.

Mein Körper freut sich, die Bewegung entlang der Straßenführung, die Abfolge der Kreuzungen, den Richtungs- und somit Perspektivwechsel zu erspüren. Bin ich doch als Kind und über Jahrzehnte hinweg immer wieder diese Strecken gefahren, diese Wege gegangen.
Das alles kommt mir fast wie ein gelebter Morsecode vor. Oder besser noch: die Rillen einer Schallplatte. Ein Song, der mittels Nadel oder Abnehmer gelesen und übertragen wird. Der tief in den Zellen sitzt und nun durch die Bewegung wieder abgespielt wird, mich dabei bewegt und erinnern lässt. Mein Sound – in mir gespeichert.
Angekommen, werden wir mütterlich umsorgt. Mit schmackhaftem und wirklich gesundem Essen und Düften, wie sie nur ein Zuhause hat. In toller Gesellschaft verbringen wir eine schöne Zeit.

Am Tag darauf löse ich mich von meiner Familie und meinem wohligen Umfeld. Es geht weiter nach Österreich zu einem Workshop und Seminar zum Thema Kompost und Mikrobiom.
Ein guter Freund fährt mit mir zu dem Kurs. Dabei benutzen wir Wege, die mir im Gegensatz zu denen am Vortag nicht so vertraut sind. Diesmal sind es eher seine inneren Songs, die abgespielt werden – er kennt den größten Teil der Strecke, ist hier viele Jahre unterwegs gewesen.
Er kommt ins Schwelgen, was mich zu einem Gedanken bringt: Ist die Bewegung und das Bewegtwerden vielleicht das Gefühl, das Lkw-Fahrer und Trucker so lieben? Ist es das, was sie meinen, wenn sie vom Sound der Straße, von Weite und Ferne sprechen?

Mir wird bewusst, was für unterschiedliche, vom Leben geschriebene Songs wir alle doch in uns tragen. Man selbst als Nadel am Tonarm eines Plattenspielers, die diese persönlichen Melodien, diese in Rillen gespeicherten Erinnerungen an Landschaften und Wege wieder zum Klingen bringt.
Ein schöner Gedanke.
Welchen Sound erzeugt eine ICE-Strecke? Welchen Sound das Brandenburger Hinterland? Wie hört sich Nordrhein-Westfalen an, das Sauerland? Wie der Harz, der Rhein, Sachsen, die Alpen, Baden oder ferne Länder?
Herrlich.
Gibt es in den unterschiedlichen Generationen unterschiedliche Stile dieser Musik? Ähneln sich die Melodien bei denen, die jeweils mit einem Auto oder in einem Flugzeug unterwegs sind? Haben die Songs eines Fußgängers oder Reiters etwas gemeinsam? Was hören jene, die zu Hause am PC sitzen und sich kaum mehr bewegen? Spielen die, die als Lieferanten ihr Geld verdienen, auch noch innere Lieder ab?

Mich beleben diese Fragen, sodass ich mich regelrecht beschwingt fühle. Jetzt muss ich ein wenig aufpassen, damit mir nicht schlecht wird. Eine gewisse Aufregung und die Kurven vor allem unbekannter Strecken haben schon früher, als Kind, immer wieder dafür gesorgt, dass mir während der Fahrt flau im Magen wurde.
Zu kurvig und zu beschwingt kann man eben nicht immer verkraften.

Und so wird ein neuer Song gespeichert. Mein Song – unser Song.
Ein Song, der meinen Freund und mich verbinden wird, weil wir ihn gemeinsam auf unserem Weg nach Österreich in die Rillen pressten.
