Christoph Sanders, Diez
Am Donnerstag bin ich so langsam übern Berg – ich röchle zwar noch, die Nase ist dicht und der Kopf dröhnt, aber die Gliederschmerzen und Frostschübe sind durch. Das war gestern noch ganz anders. Für die Familie bin ich weiterhin Public Enemy Nr. 1, da alle Angst haben, dass auch sie die Krankheit erwischt. Der Infekt wird als böse, unsichtbare Macht von außen wahrgenommen; da wurde nichts aus Corona gelernt. Angst ist das Zauberwort. Man fürchtet um sich (und seine Freiheit!) – dagegen gibt es keine rationale Bewältigungsstrategie. Man „schützt“ sich, indem man sich als autonome, solitäre Einheit denkt, die nicht im Verbund mit anderen steht. Und leider kann man auch Immunisierung nicht sehen. Was mir hilft (und um dessen Besorgung ich eindringlichst bitten musste), ist eine Kombination aus Nüssen, Quark, Bananen, Zimt und Joghurt sowie Magnesium, Vitamin-Kapseln und Proteinpulver – der Körper braucht ja feinste Bausteine, um Abwehrstoffe bilden zu können.

Zum Mittag mein erstes Koffein seit zweiundsiebzig Stunden und ein Proteinpulvermix mit Vollkornbrot. Direkt vor der Nase Kohlmeisen, Kleiber und ein Zaunkönig. Sehr schön. Die Umzugskisten versperren uns immer noch den Weg – es wird Zeit, dass ich zu Kräften komme. In den Nachrichten die heute verabschiedete Notaufnahmereform – am Ende wird es keine einzige zusätzliche Arztstelle geben, nur einen neuen Schutzwall zum Sortieren (ich sehe schon Container vor den Kliniken stehen). Das Land baut ab und Berufszyniker heften sich das als Erfolg an das Revers ihrer kleinen Frühverrentungskarriere. Lektüre: die „Photonews“ von 1998. Ein grauer Herbsttag im Standby-Modus.

Am Freitag sonnig-heiter mit schnell verfärbendem Laub, das ich von meinem Fenster an der Westseite des Hauses gut sehen kann. Blätter fallen wie neben meinem Bett die Taschentücher. Überall Schleim, der raus muss. Es geht mir weiterhin beschissen, obwohl es schon etwas aufwärtsgeht. Als ich kurz aufstehe, merke ich, dass ich doch noch recht schwach bin. Und mir wird sofort kalt – also zurück unter die Daunendecke, um die Hände aufzuwärmen. Ich nutze diese Zeit im Hausarrest, um weiter Farbfotos der Jahre 2006 bis 2009 auszusieben. Man sollte nicht so nachlässig knipsen, da sich das sich eines Tages rächt. Mittags sorgt eine Nassrasur für ein erfrischendes Hochgefühl.

Später quäle ich mich durchs Haus, um kurz im Garten reinen Sauerstoff zu schnappen – aber was nutzt das, wenn es mir nach zwei Tellern Reis dreckig geht? Dann durchkämme ich weitere Hauptstadt-Bilder, diesmal von 2005: Die Mode der Inline-Skates ist gerade durch; der Berlin-Marathon, weil er am Fehrbelliner vorbeiführt, einer der ersten, die ich wahrnehme; Besuche der Eltern, der Brüder, Ausflüge mit den Kindern. Ich werfe den größten Teil weg, nicht nur wegen der Qualität, sondern auch vom Motiv her – eine Straße gut abzubilden, ist nicht ganz so leicht. Selbst wenn ich nur die zehn gelungensten behalten würde, käme mir das uferlos vor. Und was mache ich nur mit den vielen Kinderfotos? Wird die irgendjemand irgendwann feuchten Auges in der Hand halten?

Am Samstag gegen sieben erwacht, wieder eingeschlummert, gegen neun aufgestanden, also reichlich Schlaf gehabt. Der Halsreiz ist fast völlig weg, der Wechsel von Fieber und Frost auch vergangen. Lockerer, sporadischer Husten; die Nase ist semifrei. Besseres Magengefühl – mir wurde die Tage zuvor nach dem Essen stellenweise übel, wobei ich das gar nicht auf bestimmte Inhalte beziehen kann. Das heutige Frühstück, der warme Hafer-Müsli-Mandel-Mix mit Honig, tut richtig gut. Mittags erstmals mit Rucksack das Haus verlassen. Der Weg hinunter führt direkt an der Jugendherberge vorbei, die bis ins Jahr 1400 das Schloss der Grafen von Dietz war. Matthäus Merian hat auf seinem Kuperstich aus dem Jahr 1655 Diez (das damals noch Dietz hieß) sehr phantasievoll überhöht – die Burg steht keineswegs isoliert auf einem Nebenberg, sondern ist am Ende eines Vorsprungs errichtet worden, und die Lahn ist auch keine zehn Meter breit. Wo das Torhaus zu sehen ist, beginnt heute die alte Brücke für Radfahrer, wird also gerade einmal dreihundert Jahre alt sein. Man blickt auf dem Bild direkt auf den Hügel, wo unsere Straße liegt; wir wohnen ungefähr an der oberen linken Zinne, wo die Stadtmauer endet. In die Innenstadt kommt man über eine kleine Treppe – Fahrwege muss ich keine kreuzen. Ich entleere den Rucksack an der mir gut bekannten Bücherverschenktelefonzelle – dort dürfte nun zum ersten Mal die Zeitschrift „Photonews“ ausliegen. Der Weg zurück (bergauf und mit Lebensmitteln im Gepäck) ist wie zu erwarten beschwerlich; ich zähle jeden einzelnen Schritt – es sind Fortschritte.

