Frank Schott, Leipzig
Am Mittwoch waren meine Frau und ich mit der Hälfte der Zwillinge in Torgau – eine Stadt, die ich bislang nur von einer Durchfahrt auf meiner Elberadtour kannte.
Die Kurzreise stand unter keinem guten Stern. Das Kind war schlecht gelaunt, weil es für unseren Regionalexpress kurz nach 9 Uhr relativ früh aufgestanden war. Die Laune verschlechterte sich, als die Straßenbahn wegen Bauarbeiten nicht so fuhr wie erwartet und es mit seiner Mutter durch die Innenstadt zum Bahnhof hasten musste.

Ich wartete dort bereits. Vorher hatte ich alles gegeben, um den günstigsten Fahrschein für die Hin- und Rückfahrt zu erwerben – das sogenannte Hopperticket. Das ist zehn Euro günstiger als zwei einzelne S-Bahn-Fahrkarten und fast zwanzig Euro preiswerter als das Sachsenticket. Am Automaten der Leipziger Verkehrsbetriebe gab es das Hopperticket nicht, an denen der Deutschen Bahn und des Verkehrsverbunds MDV konnte man es auch nicht buchen. Die App der Bahn hatte es ebenso wenig im Angebot wie der Servicepunkt der LVB. Dort fragte der Mitarbeiter seinen Kollegen und der meinte, das gebe es nur in ihrer eigenen App, die ich installierte – Fehlanzeige. Ich löschte sie wieder und nahm die des MDV. Und siehe da: Hier gab es letztendlich das Ticket. Allerdings bekam ich gleich die Warnung, dass es noch nicht aktiv sei. Mir war das alles egal. Die beiden kamen an, wir eilten zum Zug. Kontrolliert wurden wir nicht.

Torgau ist berühmt für das historische Treffen an der Elbe: An einer Brücke reichten sich im April 1945 Soldaten der US-Army und der Roten Armee die Hand. Fotos zeugen davon. Noch Jahrzehnte später trafen sich die seinerzeit Beteiligten regelmäßig am Ort des Geschehens.

Darüber hinaus punktet die Stadt mit ihrem Schloss und ist – wie ich mich anhand einer Gedenktafel erinnerte – berüchtigt für seinen Jugendknast in der DDR-Zeit. Über all das hätten wir mehr erfahren können bei einem Besuch der Anlage, aber unser Nachwuchs wollte nicht. Da wir froh waren, dass er überhaupt mitgekommen war, begnügten wir uns mit einem Gang durch den Schlosshof runter zur Elbe. Von dort ging es durch die Innenstadt und den Parkstreifen am Rande der historischen Altstadt zurück zum Bahnhof. Etwas kurz, aber dafür hatten wir das Kind bewegt.

Am Donnerstag beendete ich in einem Café Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“. Zum Abschluss des Kapitels „Die Praxis der Liebe“ nennt er als Voraussetzungen für das Erlernen der Liebe Disziplin, Geduld und Konzentration. Und dann geht er auf die Rolle des Glaubens ein, wobei er zwischen dem irrationalen und dem rationalen unterscheidet.
Irrational ist für ihn jeder Glaube an eine Person oder Idee, „bei dem man sich einer irrationalen Autorität unterwirft“. Wer sich bei diesen Worten an Debatten um Corona, den Klimawandel oder die Brandmauer erinnert fühlt, versteht exakt, was Fromm damit meint. Rational ist ein Glauben für ihn, wenn er als „eine Überzeugung, die im eigenen Denken oder Fühlen wurzelt“, verstanden wird. Das reicht vom Glauben an eine wissenschaftliche Theorie, für die im Mittelalter Forscher als Ketzer verbrannt wurden, bis zum Vertrauen in die Menschheit beziehungsweise ganz allgemein an das Gute in uns. Nur wer an den Nächsten glaubt, wird andere und am Ende alle Menschen wahrhaft lieben. Und damit entlässt er mich in eine Realität aus Individuen, die viel zu oft zuerst an sich und den Konsum denken. Mich eingeschlossen.

Heute ging ich nach den Wochenendbesorgungen – die Waschmaschine und der Kühlschrank müssen befüllt werden – joggen.
Das Wetter ist fantastisch – möglicherweise ist dieser Freitag einer der letzten warmen Herbsttage. Ich ziehe Shorts und ein kurzärmliges Trikot an. Fast alle Läufer, denen ich im Auwald begegne, tragen lange Laufhosen, Langarmshirts oder eine Laufjacke; ich dagegen strecke der tief stehenden Sonne viel Haut entgegen und kurble so noch einmal die natürliche Vitamin-D-Produktion an.
Es läuft sich gut. Das kleine Frühstück ist verstoffwechselt, der Körper auf Betriebstemperatur. Ich fühle, dass ich einen Halbmarathon schaffen könnte. Doch da es auf die Mittagszeit zugeht, beschränke ich mich auf gut 14 Kilometer.

Unterwegs muss ich an unser Montagstreffen denken, bei dem mich die jüngeren Mitstreiter zu meiner Fitness beglückwünschten. Mal bei einer Joggingrunde mitmachen und so etwas gegen depressive Gedanken, Verspannungen oder Rückenschmerzen zu tun, will dagegen trotz wiederholter Einladungen niemand – „Zu anstrengend.“
Ich dagegen halte mich in den knapp vier Jahren seit meinem Fahrradunfall nur an das, was Fromm als Voraussetzung für das Lernen jeglicher Kunst ansieht: Disziplin, Geduld und Konzentration.
Trotzdem habe ich die Truppe irgendwie ins Herz geschlossen und werde daher nicht aufgeben, sie zur Ertüchtigung zu ermuntern.
