Helko Reschitzki, Moabit

Nach der Schwimmrunde im Schlachtensee bleibt der Dienstagshimmel den ganzen Tag fantastisch. Im Anschluss an das Tischtennis führe ich auf dem Weg Richtung U-Bahn das quasi endlose Gespräch mit meinem indischen Mitspieler fort. Er wurde von einer großen internationalen Company aus seinem Job in der alten Heimat abgeworben und arbeitet seit nunmehr fünf Jahren in Berlin. Ganz andere Welt als ich, ganz anderes Denken – darum reden wir gern miteinander. Er fragt mich nach der Berlin-Wahl (er war nicht wahlberechtigt). Ich versuche, die Unterschiede der Parteien zu benennen. Er sagt, dass das in Indien alles viel schlimmer sei; dass es eine Tierschutzpartei gibt, fasziniert ihn. Ich mag diesen Außenblick auf Deutschland, die Informationen aus erster Hand. Kürzlich hatten unsere Mütter dieselbe Augenpperation: Bei meiner gesetzlich versicherten Mutter lief das automatisch über die Krankenkasse; bei seiner musste die Rechnung vor der Klinikentlassung selbst gezahlt werden, bevor sie das Geld über ein kompliziertes Verfahren von ihrer Versicherung wiederbekam. An Berlin schockte ihn und seine Frau (und erst recht die Mutter, die zu Besuch war) die offen gezeigte Zuneigung zwischen Paaren – dass das neben Mann und Frau auch Mann und Mann oder Frau und Frau sein kann, kam dann noch hinzu. Auch das öffentliche Trinken von Alkohol war zunächst irritierend, aber inzwischen haben sie sich an den Anblick gewöhnt. Damit er seine Sprachkenntnisse verbessert, einigten wir uns vor einer Weile darauf, miteinander Deutsch zu sprechen; wenn wir nicht weiterkommen, switchen wir kurz ins Englische. Nur einmal mussten wir eine App zu Hilfe nehmen, da wir beide nicht wussten, was „Grauer Star“ heißt.

Kann man ein Leben eintönig nennen, wenn jeden Tag fast dasselbe passiert, dieses aber schön ist? Keine Ahnung – jedenfalls bin ich am Mittwoch wieder einmal vom Sonnenaufgang geflasht. Nach dem Baden gibt es Abwechslung: Eichhörnchensichtung in der Alemannenstraße!

In der Post: Joyce Carol Oates’ „Über Boxen“, auf das ich über Helene Hegemanns Literatursendung „Longreads“ kam. Ich fand einige Romane der US-amerikanischen Autorin außerordentlich gut und bin sehr gespannt auf diese Essay- und Porträtsammlung – gelungene Bücher über Sport (der ja bereits alles an Spannung, Drama, Trauer, Liebe, Hass, Gruppeneuphorie, Einsamkeit und Erlösung in sich trägt) sind rar. Ich wünschte mir, dass die ARD von Hegemanns wirklich feiner Sendung Langfassungen ins Netz stellen würde – das Ausblenden während der Gespräche und die mit Musik zugekleisterten Bilder sind unerträglich.

Am Donnerstag schicken ein Freund, der am anderen Ende Moabits wohnt, und ich einander Schnappschüsse vom Sonnenaufgang – bei den Farben braucht es neben dem eigenen Fotobeweis die Bestätigung, dass das real ist. Auf dem Schildkrötenbaum sitzen zwei Kormorane, die im Gegenlicht und im Dunkel der sich im Wasser spiegelnden Uferbäume im Gegensatz zu den Schwänen kaum auszumachen sind.

In der Nacht auf Freitag schlafe ich neun Stunden und stehe dadurch vollkommen gerädert auf – alles, was über sieben Stunden hinausgeht, schlaucht mich, aber der Körper wird schon wissen, warum er das macht. Um neun der zweite Termin beim Proktologen. Der hat nach wie vor keine verifizierbare Idee zu den Blutungen; ich werde wieder an die Kollegen von der Gastroenterologie verwiesen. Diese Kontakte mit der Maschinenmedizinwelt, in der keiner eine ordentliche Anamnese macht oder gar Zusammenhänge zwischen Symptomen, Messwerten und Lebensweise herstellt, sind ernüchternd – ich habe damit sonst ja kaum zu tun. Dabei sind die Ärztinnen und Ärzte in der Regel nett und gewiss auch Könner ihres Fachs, aber eben Gefangene eines kaputten Systems. (Die am Vortag von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen beschlossene Notfallreform wird die Gesamtlage weiter verschärfen, wobei es immerhin eine Verbesserung gibt: Nachts und am Wochenende dürfen die Bereitschaftsärzte den Kranken nun nötige Medikamente übergeben, sodass die niemanden mehr zur im Hinterland oft zig Kilometer entfernten Notdienstapotheke schicken müssen.)

Nach dem Arztbesuch Energietanken im See und später beim Hören des „SWR Leute“-Podcasts mit dem Mediziner Dietrich Grönemeyer, der auf herzlich-ruhrpottlerische Weise aus der Innensicht all das bestätigt, was ich auch am Gesundheitswesen wahrnehme. Seine Empfehlungen klingen wie eine Beschreibung meines Lebens: „Turne bis zur Urne!“, „Geh im kalten Wasser baden!“, „Ernähr dich vernünftig!“, „Mach dich selbst schlau!“, „Umgib dich mit netten Leuten und genieße das Leben.“

Am Samstag ein weiterer ruhiger Seemorgen mit Entengeflatter in Pastell. In der Bucht beim Aufwärmtee nach dem Baden aus der Ferne monoton knarzende Schreie, die allmählich lauter werden. Ich schaue in die Richtung, aus der sie kommen, und hätte den im Himmelsgrau kaum auszumachenden Gänseschwarm beinahe verpasst. Gute Reise, Kameraden – ich fühle mit euch: „In die warmen Länder würden sie so gerne fliehen / die verlorenen Kinder in den Straßen von Berlin …“

Am Sonntag feinster Nieselregen. In der Bucht eine schöne Begegnung mit einem mir noch unbekannten Gelegenheitsschwimmer – man ist dort wirklich immer ansatzlos im angenehmsten Gespräch miteinander. Auf dem Rückweg beobachte ich die Schildkrötenbaumvereinigung von Stockenten, Kormoran und Mandarinenten – ich werde diese Europa-China-Connection im Auge behalten. Ruhiger Resttag mit Hausarbeit, Fernsehpodcast, mährischen Barockmessen und der Sonntagsrasur.

„SWR Leute“ mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer: https://www.swr.de/swr1/leute/leben-ohne-schmerzen-tipps-von-prof-dietrich-groenemeyer-100.html
„Longreads“: https://www.ardmediathek.de/video/longreads/folge-2-helene-hegemann-und-lena-klenke-s02-e02/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyODU1ODE (Folge mit Lena Klenke)
Silly „Die verlorenen Kinder“: https://www.youtube.com/watch?v=MCKdli4Skbg (Text: Gerhard Gundermann & Tamara Danz)
Pavel Josef Vejvanovský „Missa Florida“: https://www.youtube.com/watch?v=0csAhQr4w5w
