Frank Schott, Leipzig
Ich habe so eine Wut in mir. Heute wieder zwei Absagen. „Danke, bitte, nein … nicht persönlich nehmen. Andere … Sie wissen ja … noch besser passend …“
Angefacht wurde die Wut bereits am Vortag, als ich im Hausanschlussraum umräumte. Eine Vertragsfirma der Telekom will Glasfaser legen und muss dort hinein. Dabei bin ich weggerutscht und habe beim Abfangen den rechten Daumen überdehnt, verstaucht … was weiß ich. Nichts Ernsthaftes, aber ein schmerzendes Handicap.
Heute sind die Handwerker wieder da. Das Einfachste wäre, das neue Kabel durch ein altes, vergessenes 10-mm-Leerrohr zu schieben. Aber das geht nicht – dieses „gehört“ einem anderen Anbieter, und obwohl wir von dem seit vierzehn Jahren nichts gehört haben, dürfe man das nicht verwenden.

Also werden Lösungen gesucht für ein Problem, das es gar nicht gäbe, würde man einfach den bereits vorhandenen Kanal nutzen. Eine der aufkommenden Alternativideen: Das Leerrohr kommt üblicherweise aus einem größeren, in dem noch andere Kabel liegen, da hinein könne man auch das neue legen. Man müsse es nur finden. Dabei stellt sich heraus, dass, als unser Haus gebaut wurde, ausgerechnet in unserem dritten von vier Reihenhäusern gepfuscht, geflickschustert, die billigste Lösung gewählt wurde. Besagtes größere Rohr ist verborgen, die Telekommunikationsleitungen wurden quer unter den Fliesen verlegt bis zu der Ecke, wo die Anschlussboxen sind. Wir wissen nicht, wo sie genau liegen, ohne dass wir die Fliesen aufhacken; schlimmstenfalls ist das Leerrohr dennoch nicht erreichbar, weil es mit Estrich zugekleistert wurde.

Bis ich meine Frau erreiche, damit wir eine Entscheidung treffen können, ist bereits der Graben vor dem Haus wieder zugeschüttet und die Zufahrt neu gepflastert. Die Nachbarn erwarten morgen Gäste, da muss alles frei sein. Und wie ich so mit mir ringe, Dinge von A nach B räume, telefoniere, nach Lösungen suche, purzelt wieder eine Jobabsage in mein E-Mail-Postfach. Genau das, was ich jetzt als Aufmunterung gebrauchen kann.

Normalerweise würde ich mich jetzt bis zur völligen Erschöpfung sportlich verausgaben, um den Verstand in den Leerlauf zu zwingen. Nur geht das gerade nicht. Irgendwann nach dem Mittag wird der Bauleiter kommen, der entscheiden soll, ob die Fliesen doch aufgebrochen werden und dann – logischerweise – nochmals alles aufgerissen werden muss. Ich könnte kotzen. Und schreien. Und Dinge zerstören.
In einer Montagsrunde hatte der Therapeut zu mir gemeint, dass ich mich offenbar über meine Arbeit definieren würde. Arbeit? Ja, sicher. Aber das Schlimme ist doch, nicht gebraucht zu werden. Ein Möbelstück zu sein, das überflüssig ist, im Keller verstaubt und eigentlich auf den Sperrmüll gehört. Ein lahmendes Pferd, das der Abdecker fachgerecht entsorgt. Ohnmächtige Wut und lähmende Hilflosigkeit – das ist es, was ich fühle. Warum kann ich nicht wie andere die Beine hochlegen, mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und der Welt den Stinkefinger zeigen?
Weil das nicht ich wäre. Und so gehe ich nach der Gruppenrunde auch am Montag mit verbundenem und schmerzendem Daumen zum Training. Denn ein Trainer allein hätte die 18 Jungs nicht bändigen können. In diesem Ehrenamt liegt tatsächlich Trost. Weil trotz des Chaos, der Überdrehtheit, der mangelnden Konzentration, der Streitereien, des Gebrülls … weil trotz allem immer mehr Jungs zu uns kommen und sagen, dass sie Spaß am Training hatten und Mitglied im Verein werden wollen.

Und dann stupst mich einer unserer Kater sanft an der Schulter, während ich am Tisch sitzend zweifle und hadere. Essen? Klar, du hast recht, sage ich und öffne eine Büchse mit dem Lieblingskatzenfutter. Irgendwie muss es ja weitergehen.
