Frank Schott, Leipzig
Wie klein plötzlich groß wird!

Für mich als Kind war meine Heimatstadt Parchim riesig. Es gab Distanzen, da hätte man mich für verrückt gehalten, wenn ich die als Jugendlicher gelaufen wäre, anstatt Bus, Moped oder wenigstens das Fahrrad zu benutzen. Jetzt, einige Jahrzehnte später und großstadtgestählt, ist überhaupt nichts dabei, von einem Ende der Stadt zum anderen zu Fuß zu gehen.

Wie klein die Stadt ist, fällt mir auch beim Joggen auf. Wir sind übers Wochenende bei meinen Eltern zu Besuch, geschlafen wird in einer Ferienwohnung, die gut dreißig Minuten Fußweg entfernt liegt. Samstagfrüh will ich laufen, bevor der angekündigte Regen einsetzt. Ich renne an der Festwiese vorbei Richtung Buchholz und dann über die Putlitzer Straße, die Wallanlagen und die Gärten zwischen Wockersee und Friedhof zurück. Es sind etwa sechs Kilometer, und ich habe dabei einen Großteil der östlichen Stadt umrundet.

Der Himmel ist grau, immer wieder nieselt es leicht, aber auch die Sonne kommt regelmäßig kurz hervor. Es ist wirklich kühl, Aprilwetter. Ich sehe nur Menschen mit Hunden, sonst ist niemand unterwegs. Die Wallanlagen, Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, die im 19. Jahrhundert zu einem Park umgebaut wurden, kamen mir als Kind riesig vor: Rodelberge, Kletterbäume, der Spielplatz. Und jetzt durchlaufe ich alles mit wenigen Schritten.

Im Laufe des Tages frischt der Wind auf. Ich gehe mit meiner Familie in die Innenstadt – Frau und Kind erhoffen sich Passendes zum Anziehen. Der Vorteil der kleinen Stadt sind die kleinen Geschäfte mit ihrer kleinen Auswahl. Als Kunde ist man nicht überfordert durch den Versuch, das Beste oder das Günstigste oder idealerweise beides zu finden. Ich habe kein Interesse am Shopping und gehe zum kleinen Bücherverschenkschrank, den ich bei meinem letzten Besuch vor zwei Monaten entdeckt habe. Jemand hat seine Charles-Dickens-Sammlung aufgelöst, aber danach steht mir gerade nicht der Sinn. Heinrich Manns „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ habe ich kurz in der Hand, lege es aber auch beiseite. Es wird dann John Steinbecks „Die kurze Herrschaft von Pippin IV.“ als schmale Taschenbuchausgabe. Während ich auf die anderen warte, sitze ich mit Blick auf den Nebenarm der Elde und lese. Das wechselhafte Wetter ist vergessen.

